Was folgen wird

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Morgen kommt ein neuer Tag - das scheint manchmal das einzige, was unverhandelbar ist. Eine Kolumne über Trost und Trostlosigkeit.

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Morgen kommt ein neuer Tag - das scheint manchmal das einzige, was unverhandelbar ist. Eine Kolumne über Trost und Trostlosigkeit.

Wo habe ich das gelesen? Wer hat das gesagt? Dass, wenn man glaube, man verliere den Boden unter den Füßen, nicht wisse, wie es weitergehe, trotzdem Morgen für Morgen die Sonne aufgehe. Und ab März, da neigt sich ihr die Nordhalbkugel entgegen. Also unser Stück Erde, auf dem wir leben. Lebewohl der schier endlos erscheinenden grauen Jahreszeit. Ein Willkommen dem Licht, das sich verändert, von nun an länger verweilt und heller aufscheint. Auch die Vögel, die zwitschern, und die Luft, ja, die riecht nach Frühling.

Auch wenn ich die Herkunft dieser Worte nicht mehr genau zuordnen kann (ich tippe ja fast auf meine Freundin Andrea), so ist mir doch in Erinnerung, dass sie mich getröstet haben. In einer Zeit, in der ich traurig war, mit der Welt gehadert habe. Egal was ist, die Sonne geht auf, der Frühling setzt sich am Ende immer wieder durch. Es ist diese Vorstellung, die sich seither einzementiert hat in meinen Kopf. Sie ist so unstrittig und gleichermaßen unverhandelbar. Kein Diktator, kein Virus, keine Ungerechtigkeit, keine Krankheit, kein Schicksalsschlag, ja nicht einmal der Tod kann daran etwas ändern.

Tag und Nacht. Helligkeit und Dunkelheit. Wärme und Kälte. Ich kann mich darauf verlassen, dass das eine auf das andere folgen wird.

Ich wünschte, ich hätte auch die richtigen Worte für meine Freundin Mariya. So wie Andrea für mich. Sie ist in Wien, ihre Familie ist in der Ukraine. Ihre Angehörigen haben es nicht mehr geschafft. Meine Freundin ist traurig, hadert mit der Welt. Und ich bin sprachlos. Seit Tagen bin ich sprachlos. Daher schweigen wir. Wir gehen hinaus. Betrachten das Licht. Morgen kommt ein neuer Tag. Das ist das Einzige, das wir mit Sicherheit wissen.

Lesen Sie auch "Das Problemkind" oder "Das böse Geschlecht."

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