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Phantasie für Europa

Der europäische Einigungsprozess stockt. Die Währungsgemeinschaft ist durch das Nein der Dänen zum Euro ins Schleudern gekommen. Der Euro hat gehalten, die Stimmung nicht. Viele Europäer sind europamüde geworden - EU-müde, um es präziser zu sagen. Wird die Europäische Union zerfallen?

Sie wird nicht. Seit einem halben Jahrhundert wachsen ihre Bestandteile zusammen: die wirtschaftlichen, die politischen, die kulturellen, die sozialen. Der Wachstumsprozess hat Umwege und Abwege hinter sich, Sternstunden und Krisen. Aber er ist unumkehrbar geworden. Und die meisten wissen es auch.

Vor kurzem hat eine Umfrage ergeben, dass die Hälfte der Österreicher/innen glaubt, die EU könnte die Erdölpreise beeinflussen. Das ist Ausdruck der Überzeugung, dass bei geschlossenem Auftreten etwas erreicht werden kann. Auf die Frage, was wichtige Ziele der EU sein müssten, erwiderten 68 Prozent mit "Kampf gegen das organisierte Verbrechen" und 56 Prozent sagten: "Verhinderung unkontrollierter Einwanderung in die EU."

Es hat keinen Sinn, diesen Volkswillen zu missachten. Fremdenfeindlichkeit bekämpft man nicht mit Berserkervorwürfen gegen den "Alltagsfaschismus" der Österreicher, sondern indem man Sorgen ernst nimmt, Befürchtungen mit guten Argumenten zerstreut und begründeten Einwänden Rechnung trägt. Auf dieser Grundlage kann und muss man dann für die gleichberechtigte Akzeptanz neuer EU-Bürger/innen und die freiwillige Aufnahme "echter" Flüchtlinge werben.

Das taten dieser Tage auch Österreichs Bischöfe in einer Europa-Tagung im Stift Heiligenkreuz. "Bittet Gottes Geist um Phantasie, damit das Haus Europa sinnvoll weiter geplant und gebaut werden kann!" mahnte der Papst in einer Grußbotschaft. Ein wunderbarer Appell. Phantasie wird das europäische Einigungswerk weiterbringen, den Euro vor dem Sturz ins Bodenlose bewahren, die Risken einer EU-Erweiterung reduzieren und die Chancen der Integration weiter verbessern. Wohl dem Staat, der sich Phantasie zutraut - und der Kirche auch!

Hubert Feichtlbauer ist freier Publizist und Vorsitzender der Plattform "Wir sind Kirche".

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