Fügsam sein war den Christen geboten, sich dem Willen Gottes unterordnen wurde zum obersten Maßstab, was immer auch die jeweiligen Autoritäten als Wille Gottes erklärten. Der Eigenwille ward dämonisiert und Jesu Worte zum Vorbild stilisiert: "Aber nicht was ich will, sondern was du willst (soll geschehen)." (Mk 14,36) So ein Programm hat nicht nur seelische und politische Folgen, sondern es formt auch die Religiosität. Wer sich fügen soll, hat Gott keine Fragen zu stellen, geschweige denn in Frage zu stellen, was dieser macht oder unterlässt. Im Zweifelsfall still sein, sich ducken und dulden galt als besonders christlich.

Mit Gott hadern? Undenkbar!

Gegen Gott protestieren? Ungeheuerlich!

Selbst im Religionsunterricht in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg, nach Auschwitz und Hiroshima, waren Kinder, die Fragen stellten, dem Verdacht des mangelnden Glaubens oder gar des Unglaubens ausgesetzt.

Doch das Programm des Fügsamseins und der Unterwürfigkeit kann sich nur um den Preis derhalben Wahrheit auf Jesus berufen. Wer mit ihm in die Schule des Betens geht, kann lernen, vor Gott mündig zu werden: aufrecht zustehen, den Mund aufzutun, um sich und die Welt zur Sprache zu bringen. Nach jüdischer Tradition, in der Jesus groß geworden ist undwie sie auch im Ersten Testament, besonders in den Psalmen zu fin-den ist, loben und danken dieMenschen Gott, aber sie klagen auch über seine Untätigkeit und hadern mit ihm, fragen und protes-tieren.

Waren nicht Jesu Worte am Kreuz: "Warum, warum hast du mich verlassen?" Und Jesus hat gewusst, was er will, nämlich: "Nimm diesen Kelch von mir." Erst nach diesen Worten konnte er dem Willen Gottes den Vorrang geben.

Doch vor allem waren die Worte Jesu am Kreuz "mein Gott, mein Gott" und am Ölberg "Abba".

Martin Jäggle ist Professor an der Religionspädagogischen Akademie Wien und Autor von Religionsbüchern. Zusätzlich engagiert er sich in der entwicklungspolitischen Bildungsarbeit .

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