#Utopie

Zu schön, um wahr zu sein

Religion

Wien, 07.02.2040: Utopie

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Ich bin auf dem Weg in die Redaktion. Wöchentlich kontrolliere ich die automatisierten Vorgänge. Algorithmen formen die FURCHE-Website, passend zu den aktuellen Themen der Weltpolitik. Sie bündeln Essays aus der FURCHE-Geschichte von 1945 bis heute. Als Redakteurin greife ich da ein, wo die Maschine unsauber arbeitet und ergänze den Content um aktuelle Debatten. Mein Vater, hochbetagt, ruft mich an. Zuerst will ich den Anruf wegwischen, immerhin synchronisieren sich seine Gesundheitsdaten auf meiner Smartwatch und ich sehe, dass alles in Ordnung ist. Aber dann akzeptiere ich den Call.

Er sei einkaufen gewesen, erzählt er und meint doch nur "schauen": Was er benötigt, bekommt er geliefert, sein Leben ist ein vollautomatisierter Prozess und Smart Living Teil seines Alltags. Der Kühlschrank kontrolliert seine Blutwerte und passt die wöchentliche Lebensmittel-L i s t e an. Die Haushaltsroboter sorgen für Sauberkeit. Manchmal ist mein Vater ein Scherzbold und montiert die Hauspatschen auf dem Saugroboter und lässt sie durch die Wohnung reiten. Meine Nichte Arielle wäre in der Stadt, erzählt mein Vater. Sie wurde im August 2018 geboren. Heute ist sie 22 Jahre alt. Sie ist Kindergärtnerin geworden, ein angesehener Beruf mit vielen Boni. Nur die Besten können das erreichen.

"Der neue Humanismus"

Morgen geht er wieder zur Kontrolle zur Hausärztin, erzählt mein Vater und übermorgen zu seiner Philosophin. Beide Termine schätzt er sehr, beide tun ihm gut. Ob ich mich noch erinnere, fragt er unvermittelt, wie er nach der Rücken-Operation sich "am Wienerberg" anstellen musste? Er meint die Gebietskrankenkasse, Chefarztbewilligungen, Wartezeiten ohne Ende, Massenabfertigung. Diese Zeiten sind perdu. Eine App koordiniert heute die Arzttermine und gibt meinem Vater Bescheid, wann er von seinem eingetragenen Standort losgehen muss, um den Timelslot ideal zu nutzen. Die Organisation der Arztpraxen läuft automatisiert. Die Ärztin kümmert sich ausschließlich um den Patienten. Wir wundern uns, wie das je anders sein konnte. "Der neue Humanismus" titeln die Gazetten. Ob meine Großmutter, im Roten Wien der 1920er-Jahre, sich einst träumen hätte lassen, dass es ein bedingungsloses Grundeinkommen gibt, von dem es sich leben lässt? Dass Arbeit heute etwas geworden ist, das Menschen tun, weil sie es als sinnstiftend erleben? Und dass ihr Sohn, das Arbeiterkind, mittwochs zur Philosophin geht, weil ihn das geistig fit hält?

"Die Esterhazy-Schnitten" sagt mein Vater und klingt ungeduldig. Ich schrecke aus meinen Gedanken hoch. "Esterhazy-Schnitten?", frage ich. Der Kühlschrank würde für sonntags immer Cremeschnitten bestellen, wiederholt mein Vater, er möchte aber Esterhazy-Schnitten. Ob ich vielleicht vorbeikommen könne, um ihm den Kühlschrank neu einzustellen? Und bei der Gelegenheit auch gleich den Staubsaugerroboter updaten? "Sicher, Papa", seufze ich. Manche Dinge ändern sich nie.

Ich bin auf dem Weg in die Redaktion. Wöchentlich kontrolliere ich die automatisierten Vorgänge. Algorithmen formen die FURCHE-Website, passend zu den aktuellen Themen der Weltpolitik. Sie bündeln Essays aus der FURCHE-Geschichte von 1945 bis heute. Als Redakteurin greife ich da ein, wo die Maschine unsauber arbeitet und ergänze den Content um aktuelle Debatten. Mein Vater, hochbetagt, ruft mich an. Zuerst will ich den Anruf wegwischen, immerhin synchronisieren sich seine Gesundheitsdaten auf meiner Smartwatch und ich sehe, dass alles in Ordnung ist. Aber dann akzeptiere ich den Call.

Er sei einkaufen gewesen, erzählt er und meint doch nur "schauen": Was er benötigt, bekommt er geliefert, sein Leben ist ein vollautomatisierter Prozess und Smart Living Teil seines Alltags. Der Kühlschrank kontrolliert seine Blutwerte und passt die wöchentliche Lebensmittel-L i s t e an. Die Haushaltsroboter sorgen für Sauberkeit. Manchmal ist mein Vater ein Scherzbold und montiert die Hauspatschen auf dem Saugroboter und lässt sie durch die Wohnung reiten. Meine Nichte Arielle wäre in der Stadt, erzählt mein Vater. Sie wurde im August 2018 geboren. Heute ist sie 22 Jahre alt. Sie ist Kindergärtnerin geworden, ein angesehener Beruf mit vielen Boni. Nur die Besten können das erreichen.

"Der neue Humanismus"

Morgen geht er wieder zur Kontrolle zur Hausärztin, erzählt mein Vater und übermorgen zu seiner Philosophin. Beide Termine schätzt er sehr, beide tun ihm gut. Ob ich mich noch erinnere, fragt er unvermittelt, wie er nach der Rücken-Operation sich "am Wienerberg" anstellen musste? Er meint die Gebietskrankenkasse, Chefarztbewilligungen, Wartezeiten ohne Ende, Massenabfertigung. Diese Zeiten sind perdu. Eine App koordiniert heute die Arzttermine und gibt meinem Vater Bescheid, wann er von seinem eingetragenen Standort losgehen muss, um den Timelslot ideal zu nutzen. Die Organisation der Arztpraxen läuft automatisiert. Die Ärztin kümmert sich ausschließlich um den Patienten. Wir wundern uns, wie das je anders sein konnte. "Der neue Humanismus" titeln die Gazetten. Ob meine Großmutter, im Roten Wien der 1920er-Jahre, sich einst träumen hätte lassen, dass es ein bedingungsloses Grundeinkommen gibt, von dem es sich leben lässt? Dass Arbeit heute etwas geworden ist, das Menschen tun, weil sie es als sinnstiftend erleben? Und dass ihr Sohn, das Arbeiterkind, mittwochs zur Philosophin geht, weil ihn das geistig fit hält?

"Die Esterhazy-Schnitten" sagt mein Vater und klingt ungeduldig. Ich schrecke aus meinen Gedanken hoch. "Esterhazy-Schnitten?", frage ich. Der Kühlschrank würde für sonntags immer Cremeschnitten bestellen, wiederholt mein Vater, er möchte aber Esterhazy-Schnitten. Ob ich vielleicht vorbeikommen könne, um ihm den Kühlschrank neu einzustellen? Und bei der Gelegenheit auch gleich den Staubsaugerroboter updaten? "Sicher, Papa", seufze ich. Manche Dinge ändern sich nie.