#Utopie

Zu schön, um wahr zu sein

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Paradis - © Foto: Pixabay
Literatur

Und wo ist das Paradies?

1945 1960 1980 2000 2020

Mario Vargas Llosas Roman "Das Paradies ist anderswo" literarisiert zwei Leben und mit ihnen zwei Utopien: Er verwebt das Schicksal des Malers Paul Gauguin mit dem seiner Großmutter, der Schriftstellerin und Frauenrechtlerin Flora Tristan.

1945 1960 1980 2000 2020

Mario Vargas Llosas Roman "Das Paradies ist anderswo" literarisiert zwei Leben und mit ihnen zwei Utopien: Er verwebt das Schicksal des Malers Paul Gauguin mit dem seiner Großmutter, der Schriftstellerin und Frauenrechtlerin Flora Tristan.

Zeitlebens hat er von seinem Paradies geträumt, das er zunächst auf Martinique vermeinte gefunden zu haben, dann aber schwerkrank verlassen musste. 1891 kommt Paul Gauguin, der in Arles mit Vincent van Gogh die Vision eines "Ateliers des Südens" entworfen hat, in Erwartung, nun endlich im Paradies einzutreffen, nach Tahiti. Mit wenig Geld müsste es sich dort gut leben lassen, hofft er, seine Vorstellungen sind beeinflusst von Literatur, jener Lektüre, die Vincent ihm in die Hand gedrückt hat: "Le Mariage de Loti" von Pierre Loti.

Nicht gerade paradiesisch

Auf Tahiti angekommen, merkt er rasch, dass das Paradies von einst, das Loti beschrieben hat - sollte es es je gegeben haben -, nicht mehr existiert. Der Weg zurück zum Wilden, Ursprünglichen ist versperrt, Kolonisation und Christianisierung haben bereits beste Arbeit geleistet. Händler und Missionare, entlaufene Seeleute und entflohene Häftlinge, weiße und asiatische Siedler leben hier. In der kleinen Kolonialstadt Papeete an der Nordwestküste der Insel Tahiti haben Wellblechhütten die traditionelle Bauweise verdrängt, ist die Kleidung längst christlichen Normen angepasst und die Nahrungsmittel werden importiert.

Dennoch versucht Gauguin sein Paradies zu finden. Sucht er nach Spuren der alten Maori-Kultur, die er in seinen Bildern neu erfindet. Zurück in Paris, wird seine Kunst nicht der Erfolg, den er sich erhofft, schließlich bricht er 1895 erneut und endgültig auf, um Tahiti nur mehr zu verlassen, um zu den Marquesas-Inseln zu gelangen - längst schwer krank -, wo er auf Hiva Oa 1903 stirbt. In radikaler Abkehr von bürgerlichen Normen und kirchlicher Moral versteht sich der einstige Börsenmakler selbst als Wilden, der in der Wildnis die Erfüllung sucht. Dazu gehört auch das Ausleben der Sexualität. Gauguin malt in all diesen Jahren das Paradies, das er eigentlich verloren weiß. Ein Schicksal, dessen Spuren man in seinen Bildern sehen kann.

Großmutter, Revolutionärin

Kaum Spuren aber findet man von seiner Großmutter, Flora Tristan. Die französische Schriftstellerin und Frauenrechtlerin wurde 1803 als Tochter eines peruanischen Generals und einer Französin in Paris geboren. Als 18-Jährige muss sie ihren Arbeitgeber André Chazal heiraten. Vier Jahre später verlässt sie ihr Gefängnis Ehe und versucht sich mit diversen Arbeiten über Wasser zu halten. Eine Scheidung ist nicht möglich, sie verliert auch das Recht auf ihre Kinder. Jahrelang wird sie von ihrem Mann verfolgt, der ihre Tochter Aline - das einzige von ihren Kindern, das schließlich überlebt, die Mutter Paul Gauguins - dreimal entführt. Sein Mordversuch kostet Flora beinahe ihr Leben, ein Leben, das einerseits geprägt ist durch den für diese Zeit ungewöhnlichen und mutigen Schritt, den Mann zu verlassen, andererseits durch ihre Reise nach Peru, wo sie hofft, von der reichen Familie ihres früh verstorbenen Vaters finanzielle Hilfe zu erhalten. Dieser Wunsch geht nicht in Erfüllung, dafür bekommt Flora in Peru einiges zu sehen, was ihr Leben ändern wird, etwa den sie schockierenden unmenschlichen Umgang mit den Sklaven. Die Erfahrungen bringt sie in ihrem sozialkritischen Reisebericht "Wanderungen einer Paria" (als Insel-Taschenbuch erhältlich) zu Papier. Über ihre Beobachtungen in englischen Fabriken, Slums, Gefängnissen und Bordellen veröffentlichte sie die Reportagen "Spaziergänge in London". In ihrem Hauptwerk "L'Union Ouvrière" ruft sie Arbeiter und Arbeiterinnen auf, gemeinsam für das Recht auf Arbeit und Ausbildung zu kämpfen. Ihr Interesse gilt vor allem den Frauen.

Auf einer monatelangen Reise durch ganz Frankreich wirbt sie für ihre Ideen. Dabei erlebt sie Bespitzelung durch die Polizei und Verspottungen durch die Presse. Unter anderem hat sie auch darunter zu leiden, dass viele Hotels keine allein reisenden Frauen aufnehmen. Was sie dazu veranlasst, eine Schrift "Über die Notwendigkeit, den Ausländerinnen einen guten Empfang zu bereiten" zu veröffentlichen, in der sie einen Berherbergungsverein für Frauen empfiehlt. Nach Monaten voll Engagement und einer Reise, bei der sie viele Arbeiter überzeugen konnte, stirbt Flora Tristan 1844 in Bordeaux.

Völlig anders...

In allem scheint das Leben Floras dem ihres Enkels diametral entgegengesetzt: Sexualität hat sie als Vergewaltigung und nicht wie Gauguin als Befreiung erfahren, sie gilt ihr als eines der wirksamsten Instrumente für die Ausbeutung und Beherrschung der Frau. Ihre Situation als Frau erlebt sie als die einer Sklavin des Mannes, recht- und wehrlos. Vor der unerträglichen Lage will sie zunächst fliehen, aber da ihre Familie ihr nicht zu Reichtum verhilft, ist sie gezwungen, sich mit der Armut auseinanderzusetzen. Zu ihrem Glück - so interpretiert es Mario Vargas Llosa in seinem Roman "Das Paradies ist anderswo", der Flora Tristans und Paul Gauguins Leben miteinander verwebt. "Ach Florita! Besser, dass es anders gekommen war, nicht wahr? Du hättest dich am Ende in eine dieser reichen dummen Puten verwandelt, die du jetzt so verachtest. Wieviel besser, daß du diese Enttäuschung in Arepina erleben mußtest und durch Niederlagen lernen konntest, die Ungerechtigkeit zu erkennen, sie zu hassen und zu bekämpfen."

Hier Kampf, da Flucht

Ausgehend von ihrer großen Frankreichreise, also ihrem letzten Lebensjahr, zeichnet Vargas Llosa - selbst geboren in Arepina in Peru - in Rückblenden die wichtigsten Stationen in ihrem Leben nach. Beschreibt die Weiterentwicklung ihrer Theorien, ihre Distanzierung zu den ersten eigenen Schriften, aber auch zu den Visionen der Fourieristen und Saint-Simonisten, welche zwar großen Einfluss auf Flora Tristan hatten, von denen sie sich aber in einigen Punkten kritisch unterschied. Sie, die sich alle Bildung erst mühsam anlernen, anlesen musste, war zu Lebzeiten eine Frau, von der man gesprochen hat. Heute ist sie in Vergessenheit geraten, im Unterschied zu ihrem malenden Enkel, der seinerseits erst nach dem Tod zur geschätzten Berühmtheit wurde.

Es gibt es aber auch genug Ähnlichkeiten: beide haben ihre Familien verlassen und damit auch mit der Gesellschaft gebrochen. Beide ringen mit dem Christentum, das sie kritisch hinterfragen. Ihr ist es zu frauen- und arbeiterfeindlich, aber sie versucht daran anzuknüpfen: "Ich bin zwar nicht katholisch, aber ich lasse mich bei all meinen Handlungen von der christlichen Lehre und Moral leiten." Auch er ist distanziert und legt sich mit den Missionaren an. Die Auseinandersetzung damit ist aber beständig da, in Bildern und in Gesprächen mit dem verrückten Holländer, gemeint ist Vincent van Gogh. Beide, Flora und Paul, hängen ihren Träumen noch nach, als sie sich - von Krankheit zerfressen - dem Tod nähern. Ja, vor allem der Traum von einem anderen Leben verbindet die Schicksale. Allerdings könnten die Vorstellungen der beiden gegensätzlicher nicht sein: Hier die Flucht aus der Gesellschaft in die von ihr vermeintlich unberührte Wildnis, das Erschaffen des Paradieses durch Kunst, dort das Verändernwollen der als Gefängnis und Unterdrückung erlebten Gesellschaft durch persönlichen Einsatz, durch Politik. Ein Thema, das wie aufgelegt scheint für Mario Vargas Llosa, den Schriftsteller, der im Bewusstsein schreibt, dass die tragische Situation des Menschen - auf die die Literatur reagiert - darin besteht, "daß wir immer mehr begehren und erträumen, als wir wirklich erlangen können."

Im Wechsel verknüpft

In seinem Essay über die Literatur ("Die Wahrheit der Lügen") hat Vargas Llosa geschrieben: "Ein gelungenes Prosawerk verkörpert die Subjektivität einer Epoche, und deshalb teilen uns die Romane, auch wenn sie, verglichen mit der Geschichte, lügen, bestimmte flüchtige, sich verflüchtigende Wahrheiten mit, die den wissenschaftlichen Beschreibern der Wirklichkeit immer entgehen. Nur die Literatur verfügt über die Techniken und das Vermögen, das feine Elixier des Lebens zu destillieren: die Wahrheit, die im Herzen der menschlichen Lügen verborgen ist." Wie geht nun Vargas Llosa in seinem neuen Roman selbst literarisch mit den historischen Personen um?

Von Kapitel zu Kapitel wechselt der Autor von Flora zu Paul, von Paul zu Flora, arbeitet dadurch Parallelen und Unterschiede heraus, ohne sie explizit nennen zu müssen, verschränkt da und dort, in kurzen Reflexionen des Malers auf seine Mutter und auf die unbekannte Großmutter die Leben, lässt sie aber ansonsten so getrennt, wie sie waren.

Rückt die Menschen nahe

Der Autor produziert Atmosphären, die das Individuum nahe rücken, lässt sich selbst anrühren von den Biografien und nimmt den Leser mit in diese Berührung hinein, indem er unvermittelt zum Du wechselt und seine Figuren direkt anspricht. Vargas Llosas Quellen entspringen den Bildern und Tagebüchern, aus ihnen lässt er die tragischen Biografien fließen, kreiert Interpretationen zu Gauguins Bildern ebenso wie zu den Schriften Flora Tristans. Vargas Llosas wertet, bewertet aber nicht. Nimmt keine kritische Distanz zu seinen Figuren ein. Wem seine Sympathie gehört, wofür sein Herz schlägt, wird aber deutlich in Episoden wie jener ganz kurzen über Charles Fourier, die er gleich zweimal erwähnt. Der Begründer der Fourieristen hat Anzeigen geschaltet und dann jahrelang zwischen 12 und 14 Uhr in seiner Wohnung darauf gewartet, dass ein edelmütiger, gerechtigkeitsliebender Industrieller oder Rentier käme, der bereit wäre, seine sozialen Reformpläne zu finanzieren. Er hat bis zu seinem Tod gewartet, niemand kam.

Nie begegnet

Die Klammer des Romans: ein Spiel: "Ist hier das Paradies?" lautet die Frage der Mädchen. Und die Antwort ist immer dieselbe: "Nein, mein Fräulein, das Paradies ist anderswo, fragen Sie an der nächsten Ecke." Und während das Mädchen von Ecke zu Ecke nach dem unauffindlichen Paradies fragt, wechseln die anderen hinter seinem Rücken den Platz. Die vergebliche Suche nach dem Paradies: die Klammer in diesem Roman und im Leben der beiden Personen, Großmutter und Enkel, die sich nie begegnet sind: weder im realen Leben noch in ihren Träumen vom Paradies.

Zeitlebens hat er von seinem Paradies geträumt, das er zunächst auf Martinique vermeinte gefunden zu haben, dann aber schwerkrank verlassen musste. 1891 kommt Paul Gauguin, der in Arles mit Vincent van Gogh die Vision eines "Ateliers des Südens" entworfen hat, in Erwartung, nun endlich im Paradies einzutreffen, nach Tahiti. Mit wenig Geld müsste es sich dort gut leben lassen, hofft er, seine Vorstellungen sind beeinflusst von Literatur, jener Lektüre, die Vincent ihm in die Hand gedrückt hat: "Le Mariage de Loti" von Pierre Loti.

Nicht gerade paradiesisch

Auf Tahiti angekommen, merkt er rasch, dass das Paradies von einst, das Loti beschrieben hat - sollte es es je gegeben haben -, nicht mehr existiert. Der Weg zurück zum Wilden, Ursprünglichen ist versperrt, Kolonisation und Christianisierung haben bereits beste Arbeit geleistet. Händler und Missionare, entlaufene Seeleute und entflohene Häftlinge, weiße und asiatische Siedler leben hier. In der kleinen Kolonialstadt Papeete an der Nordwestküste der Insel Tahiti haben Wellblechhütten die traditionelle Bauweise verdrängt, ist die Kleidung längst christlichen Normen angepasst und die Nahrungsmittel werden importiert.

Dennoch versucht Gauguin sein Paradies zu finden. Sucht er nach Spuren der alten Maori-Kultur, die er in seinen Bildern neu erfindet. Zurück in Paris, wird seine Kunst nicht der Erfolg, den er sich erhofft, schließlich bricht er 1895 erneut und endgültig auf, um Tahiti nur mehr zu verlassen, um zu den Marquesas-Inseln zu gelangen - längst schwer krank -, wo er auf Hiva Oa 1903 stirbt. In radikaler Abkehr von bürgerlichen Normen und kirchlicher Moral versteht sich der einstige Börsenmakler selbst als Wilden, der in der Wildnis die Erfüllung sucht. Dazu gehört auch das Ausleben der Sexualität. Gauguin malt in all diesen Jahren das Paradies, das er eigentlich verloren weiß. Ein Schicksal, dessen Spuren man in seinen Bildern sehen kann.

Großmutter, Revolutionärin

Kaum Spuren aber findet man von seiner Großmutter, Flora Tristan. Die französische Schriftstellerin und Frauenrechtlerin wurde 1803 als Tochter eines peruanischen Generals und einer Französin in Paris geboren. Als 18-Jährige muss sie ihren Arbeitgeber André Chazal heiraten. Vier Jahre später verlässt sie ihr Gefängnis Ehe und versucht sich mit diversen Arbeiten über Wasser zu halten. Eine Scheidung ist nicht möglich, sie verliert auch das Recht auf ihre Kinder. Jahrelang wird sie von ihrem Mann verfolgt, der ihre Tochter Aline - das einzige von ihren Kindern, das schließlich überlebt, die Mutter Paul Gauguins - dreimal entführt. Sein Mordversuch kostet Flora beinahe ihr Leben, ein Leben, das einerseits geprägt ist durch den für diese Zeit ungewöhnlichen und mutigen Schritt, den Mann zu verlassen, andererseits durch ihre Reise nach Peru, wo sie hofft, von der reichen Familie ihres früh verstorbenen Vaters finanzielle Hilfe zu erhalten. Dieser Wunsch geht nicht in Erfüllung, dafür bekommt Flora in Peru einiges zu sehen, was ihr Leben ändern wird, etwa den sie schockierenden unmenschlichen Umgang mit den Sklaven. Die Erfahrungen bringt sie in ihrem sozialkritischen Reisebericht "Wanderungen einer Paria" (als Insel-Taschenbuch erhältlich) zu Papier. Über ihre Beobachtungen in englischen Fabriken, Slums, Gefängnissen und Bordellen veröffentlichte sie die Reportagen "Spaziergänge in London". In ihrem Hauptwerk "L'Union Ouvrière" ruft sie Arbeiter und Arbeiterinnen auf, gemeinsam für das Recht auf Arbeit und Ausbildung zu kämpfen. Ihr Interesse gilt vor allem den Frauen.

Auf einer monatelangen Reise durch ganz Frankreich wirbt sie für ihre Ideen. Dabei erlebt sie Bespitzelung durch die Polizei und Verspottungen durch die Presse. Unter anderem hat sie auch darunter zu leiden, dass viele Hotels keine allein reisenden Frauen aufnehmen. Was sie dazu veranlasst, eine Schrift "Über die Notwendigkeit, den Ausländerinnen einen guten Empfang zu bereiten" zu veröffentlichen, in der sie einen Berherbergungsverein für Frauen empfiehlt. Nach Monaten voll Engagement und einer Reise, bei der sie viele Arbeiter überzeugen konnte, stirbt Flora Tristan 1844 in Bordeaux.

Völlig anders...

In allem scheint das Leben Floras dem ihres Enkels diametral entgegengesetzt: Sexualität hat sie als Vergewaltigung und nicht wie Gauguin als Befreiung erfahren, sie gilt ihr als eines der wirksamsten Instrumente für die Ausbeutung und Beherrschung der Frau. Ihre Situation als Frau erlebt sie als die einer Sklavin des Mannes, recht- und wehrlos. Vor der unerträglichen Lage will sie zunächst fliehen, aber da ihre Familie ihr nicht zu Reichtum verhilft, ist sie gezwungen, sich mit der Armut auseinanderzusetzen. Zu ihrem Glück - so interpretiert es Mario Vargas Llosa in seinem Roman "Das Paradies ist anderswo", der Flora Tristans und Paul Gauguins Leben miteinander verwebt. "Ach Florita! Besser, dass es anders gekommen war, nicht wahr? Du hättest dich am Ende in eine dieser reichen dummen Puten verwandelt, die du jetzt so verachtest. Wieviel besser, daß du diese Enttäuschung in Arepina erleben mußtest und durch Niederlagen lernen konntest, die Ungerechtigkeit zu erkennen, sie zu hassen und zu bekämpfen."

Hier Kampf, da Flucht

Ausgehend von ihrer großen Frankreichreise, also ihrem letzten Lebensjahr, zeichnet Vargas Llosa - selbst geboren in Arepina in Peru - in Rückblenden die wichtigsten Stationen in ihrem Leben nach. Beschreibt die Weiterentwicklung ihrer Theorien, ihre Distanzierung zu den ersten eigenen Schriften, aber auch zu den Visionen der Fourieristen und Saint-Simonisten, welche zwar großen Einfluss auf Flora Tristan hatten, von denen sie sich aber in einigen Punkten kritisch unterschied. Sie, die sich alle Bildung erst mühsam anlernen, anlesen musste, war zu Lebzeiten eine Frau, von der man gesprochen hat. Heute ist sie in Vergessenheit geraten, im Unterschied zu ihrem malenden Enkel, der seinerseits erst nach dem Tod zur geschätzten Berühmtheit wurde.

Es gibt es aber auch genug Ähnlichkeiten: beide haben ihre Familien verlassen und damit auch mit der Gesellschaft gebrochen. Beide ringen mit dem Christentum, das sie kritisch hinterfragen. Ihr ist es zu frauen- und arbeiterfeindlich, aber sie versucht daran anzuknüpfen: "Ich bin zwar nicht katholisch, aber ich lasse mich bei all meinen Handlungen von der christlichen Lehre und Moral leiten." Auch er ist distanziert und legt sich mit den Missionaren an. Die Auseinandersetzung damit ist aber beständig da, in Bildern und in Gesprächen mit dem verrückten Holländer, gemeint ist Vincent van Gogh. Beide, Flora und Paul, hängen ihren Träumen noch nach, als sie sich - von Krankheit zerfressen - dem Tod nähern. Ja, vor allem der Traum von einem anderen Leben verbindet die Schicksale. Allerdings könnten die Vorstellungen der beiden gegensätzlicher nicht sein: Hier die Flucht aus der Gesellschaft in die von ihr vermeintlich unberührte Wildnis, das Erschaffen des Paradieses durch Kunst, dort das Verändernwollen der als Gefängnis und Unterdrückung erlebten Gesellschaft durch persönlichen Einsatz, durch Politik. Ein Thema, das wie aufgelegt scheint für Mario Vargas Llosa, den Schriftsteller, der im Bewusstsein schreibt, dass die tragische Situation des Menschen - auf die die Literatur reagiert - darin besteht, "daß wir immer mehr begehren und erträumen, als wir wirklich erlangen können."

Im Wechsel verknüpft

In seinem Essay über die Literatur ("Die Wahrheit der Lügen") hat Vargas Llosa geschrieben: "Ein gelungenes Prosawerk verkörpert die Subjektivität einer Epoche, und deshalb teilen uns die Romane, auch wenn sie, verglichen mit der Geschichte, lügen, bestimmte flüchtige, sich verflüchtigende Wahrheiten mit, die den wissenschaftlichen Beschreibern der Wirklichkeit immer entgehen. Nur die Literatur verfügt über die Techniken und das Vermögen, das feine Elixier des Lebens zu destillieren: die Wahrheit, die im Herzen der menschlichen Lügen verborgen ist." Wie geht nun Vargas Llosa in seinem neuen Roman selbst literarisch mit den historischen Personen um?

Von Kapitel zu Kapitel wechselt der Autor von Flora zu Paul, von Paul zu Flora, arbeitet dadurch Parallelen und Unterschiede heraus, ohne sie explizit nennen zu müssen, verschränkt da und dort, in kurzen Reflexionen des Malers auf seine Mutter und auf die unbekannte Großmutter die Leben, lässt sie aber ansonsten so getrennt, wie sie waren.

Rückt die Menschen nahe

Der Autor produziert Atmosphären, die das Individuum nahe rücken, lässt sich selbst anrühren von den Biografien und nimmt den Leser mit in diese Berührung hinein, indem er unvermittelt zum Du wechselt und seine Figuren direkt anspricht. Vargas Llosas Quellen entspringen den Bildern und Tagebüchern, aus ihnen lässt er die tragischen Biografien fließen, kreiert Interpretationen zu Gauguins Bildern ebenso wie zu den Schriften Flora Tristans. Vargas Llosas wertet, bewertet aber nicht. Nimmt keine kritische Distanz zu seinen Figuren ein. Wem seine Sympathie gehört, wofür sein Herz schlägt, wird aber deutlich in Episoden wie jener ganz kurzen über Charles Fourier, die er gleich zweimal erwähnt. Der Begründer der Fourieristen hat Anzeigen geschaltet und dann jahrelang zwischen 12 und 14 Uhr in seiner Wohnung darauf gewartet, dass ein edelmütiger, gerechtigkeitsliebender Industrieller oder Rentier käme, der bereit wäre, seine sozialen Reformpläne zu finanzieren. Er hat bis zu seinem Tod gewartet, niemand kam.

Nie begegnet

Die Klammer des Romans: ein Spiel: "Ist hier das Paradies?" lautet die Frage der Mädchen. Und die Antwort ist immer dieselbe: "Nein, mein Fräulein, das Paradies ist anderswo, fragen Sie an der nächsten Ecke." Und während das Mädchen von Ecke zu Ecke nach dem unauffindlichen Paradies fragt, wechseln die anderen hinter seinem Rücken den Platz. Die vergebliche Suche nach dem Paradies: die Klammer in diesem Roman und im Leben der beiden Personen, Großmutter und Enkel, die sich nie begegnet sind: weder im realen Leben noch in ihren Träumen vom Paradies.

Buch

Das Paradies ist anderswo

Roman von Mario Vargas Llosa
Aus dem Spanischen von Elke Wehr
Suhrkamp Verlag, Frankfurt 2004
492 Seiten, geb., e 25,60

Buch

Meine Reise nach Peru

Fahrten einer Paria
Von Flora Tristan. Insel Verlag,
Frankfurt 2004. 492 Seiten, kart., e 15,50