#Utopie

Zu schön, um wahr zu sein

Park - © Foto: Pixabay
Gesellschaft

Vision guten Lebens

1945 1960 1980 2000 2020

Was ist in einer Zeit weltanschaulicher Patchwork-Teppiche "christlich-sozial"? Und was bedeutet das für Ökonomie, soziales Zusammenleben und die Demokratie? Ein Gastkommentar.

1945 1960 1980 2000 2020

Was ist in einer Zeit weltanschaulicher Patchwork-Teppiche "christlich-sozial"? Und was bedeutet das für Ökonomie, soziales Zusammenleben und die Demokratie? Ein Gastkommentar.

Es ist keine Epoche der ideologischen Besinnungen. Eher ein weltanschaulicher Crazy Quilt. Wenn wir das Christlichsoziale an der Kirche festzumachen versuchen, stoßen wir dort auf die Beliebigkeit einer moralischen Sanftheitsrhetorik, unterhöhlt von internen Grauslichkeiten. Ein ratloser Existenzkampf. Bei antichristlichsozialen Kommentatoren können wir neuerdings nachlesen, die sich darin übertreffen, das "wahre" Christlichsoziale besserzuwissen, zum Zwecke ganz normaler Polit-Heuchelei. Rundherum eine weltanschauliche Landschaft, die durch Liquidität, Hybridität und Flexibilität gekennzeichnet ist, ohne klares Konzept, aber mit dogmatischen Einsprengseln auf linker und rechter Seite. Sozialismus: ausgeleiert, jede Umsetzung hat im Elend geendet. Konservative Weitsicht: wenig brauchbar, wenn sich die Welt im Umsturz befindet. Politischer Liberalismus: implementiert (und schon wieder in Gefahr). Wirtschaftsliberalismus: bringt sich durch Übertreibung selbst um. Chiffren wie Gemeinwohl, Gerechtigkeit, Solidarität und Subsidiarität liefern keine Substanz, wenn sich jeder darunter Beliebiges vorstellen kann.

Unbequem gegen sich selbst

Europa war deshalb erfolgreich, weil es sich mit einer gehörigen Dosis an Pragmatismus die vernünftigen Anliegen aus verfügbaren ideengeschichtlichen Strömungen herausgeholt hat. Ein guter Teil solcher Hybridität wird sichtbar, wenn man sich auf das Christlichsoziale beruft.

· Europa ist in seiner gegenwärtigen Verfasstheit eine historische Anomalie: ein Wunder von Freiheit, Wohlstand und Frieden. Die Idee der Freiheit ist freilich ein wenig heruntergekommen: Freiheit beim Einkaufen, more choice? Freiheit beim Beschimpfen, im Internet jeden schmähen und verleumden können? Freiheit bei Steuerhinterziehung, beim Rauchen, in der Gentechnik? Die Gesellschaft der wohlverstandenen "kultivierten" Freiheit ist nicht identisch mit Vulgärliberalismus (weniger Staat ist immer besser) oder mit Vulgärspontanismus (jeder darf tun, was er will). Sie setzt vielmehr feste Regeln, verlässliche Institutionen und Rahmenbedingungen voraus, in der "Freiheiten" zur "Freiheit" zusammenfließen können. Diese Freiheitsordnung ist ständig gegen Angriff, Diskreditierung und Unterhöhlung zu verteidigen, denn es gibt alle möglichen alten und neuen Freiheitsbedrohungen: Dogmatismen, Planungsexzesse, Korruption, bürokratische Pingeligkeit, Kontrollgesellschaft, sich aufschaukelnder Hass.

· Christlichsozial ist die Respektierung des Menschen und seiner Leistungen; die Anerkennung des Umstandes, dass der einzelne Mensch von Bedeutung ist und in Gemeinschaft lebt. Es gibt auch kleine und große Transzendenzbedürfnisse, manchmal unter Einschluss des Christlichen. Personalität bedeutet: den Menschen in seinen Fähigkeiten erkennen, ihm etwas zutrauen, ihn aber auch verantwortlich zu machen. Keine paternalistische-fürsorgliche Staatsdiktatur. Das ist eine leistungsfreundliche Geisteshaltung: in erster Linie gegen sich selbst nicht allzu bequem sein, beim Denken, beim Arbeiten, beim Umgang mit anderen Menschen. Denn Selbstverwirklichung ohne Sinn und Verstand -das wäre Friedrich Nietzsches "letzter Mensch": das bloße (bequeme) Lebenwollen; eine Unterschätzung der Möglichkeiten des Menschen.

Es ist keine Epoche der ideologischen Besinnungen. Eher ein weltanschaulicher Crazy Quilt. Wenn wir das Christlichsoziale an der Kirche festzumachen versuchen, stoßen wir dort auf die Beliebigkeit einer moralischen Sanftheitsrhetorik, unterhöhlt von internen Grauslichkeiten. Ein ratloser Existenzkampf. Bei antichristlichsozialen Kommentatoren können wir neuerdings nachlesen, die sich darin übertreffen, das "wahre" Christlichsoziale besserzuwissen, zum Zwecke ganz normaler Polit-Heuchelei. Rundherum eine weltanschauliche Landschaft, die durch Liquidität, Hybridität und Flexibilität gekennzeichnet ist, ohne klares Konzept, aber mit dogmatischen Einsprengseln auf linker und rechter Seite. Sozialismus: ausgeleiert, jede Umsetzung hat im Elend geendet. Konservative Weitsicht: wenig brauchbar, wenn sich die Welt im Umsturz befindet. Politischer Liberalismus: implementiert (und schon wieder in Gefahr). Wirtschaftsliberalismus: bringt sich durch Übertreibung selbst um. Chiffren wie Gemeinwohl, Gerechtigkeit, Solidarität und Subsidiarität liefern keine Substanz, wenn sich jeder darunter Beliebiges vorstellen kann.

Unbequem gegen sich selbst

Europa war deshalb erfolgreich, weil es sich mit einer gehörigen Dosis an Pragmatismus die vernünftigen Anliegen aus verfügbaren ideengeschichtlichen Strömungen herausgeholt hat. Ein guter Teil solcher Hybridität wird sichtbar, wenn man sich auf das Christlichsoziale beruft.

· Europa ist in seiner gegenwärtigen Verfasstheit eine historische Anomalie: ein Wunder von Freiheit, Wohlstand und Frieden. Die Idee der Freiheit ist freilich ein wenig heruntergekommen: Freiheit beim Einkaufen, more choice? Freiheit beim Beschimpfen, im Internet jeden schmähen und verleumden können? Freiheit bei Steuerhinterziehung, beim Rauchen, in der Gentechnik? Die Gesellschaft der wohlverstandenen "kultivierten" Freiheit ist nicht identisch mit Vulgärliberalismus (weniger Staat ist immer besser) oder mit Vulgärspontanismus (jeder darf tun, was er will). Sie setzt vielmehr feste Regeln, verlässliche Institutionen und Rahmenbedingungen voraus, in der "Freiheiten" zur "Freiheit" zusammenfließen können. Diese Freiheitsordnung ist ständig gegen Angriff, Diskreditierung und Unterhöhlung zu verteidigen, denn es gibt alle möglichen alten und neuen Freiheitsbedrohungen: Dogmatismen, Planungsexzesse, Korruption, bürokratische Pingeligkeit, Kontrollgesellschaft, sich aufschaukelnder Hass.

· Christlichsozial ist die Respektierung des Menschen und seiner Leistungen; die Anerkennung des Umstandes, dass der einzelne Mensch von Bedeutung ist und in Gemeinschaft lebt. Es gibt auch kleine und große Transzendenzbedürfnisse, manchmal unter Einschluss des Christlichen. Personalität bedeutet: den Menschen in seinen Fähigkeiten erkennen, ihm etwas zutrauen, ihn aber auch verantwortlich zu machen. Keine paternalistische-fürsorgliche Staatsdiktatur. Das ist eine leistungsfreundliche Geisteshaltung: in erster Linie gegen sich selbst nicht allzu bequem sein, beim Denken, beim Arbeiten, beim Umgang mit anderen Menschen. Denn Selbstverwirklichung ohne Sinn und Verstand -das wäre Friedrich Nietzsches "letzter Mensch": das bloße (bequeme) Lebenwollen; eine Unterschätzung der Möglichkeiten des Menschen.

Der christlichsoziale Blick auf Europa nimmt Zentren und Peripherien wahr. Prävention gegen Freerider ist nötig. Selbstbehauptung in der Welt steht an, einschließlich einer europäischen Sicherheitspolitik.

· Eine christlichsoziale Haltung ist mit einer Anerkennung der dynamischen Errungenschaften einer europäisch-marktwirtschaftlichen Ordnung verbunden, aber sie geht auf Distanz zu den Auswüchsen exzessiver Wirtschaftsfreiheit. Die Menschheitsgeschichte ist eine Geschichte der Ausbeutung, und auch die globalisiert-finanzialisierten Märkte der späten Moderne neigen zur maximalen "Abschöpfung". Seit dem Entstehen der Industriegesellschaft geht es um das stete Ringen, wie unter jeweils aktuellen Umständen der Kapitalismus domestiziert werden kann, um seine kreativen und wohlstandstreibenden Kräfte zu nutzen, ohne entwürdigende Folgen und Unverschämtheiten ausufern zu lassen.

Solidarität und Machbarkeit

· Soziale Marktwirtschaft und Sozialstaat sind europäische Errungenschaften. In einigen europäischen Ländern wurden wohl die am wenigsten ungerechten Gesellschaften der Geschichte geschaffen. Christlichsoziale Solidarität ist sensibel für Armut und Bedürftigkeit, auch im Blick auf jene, die aus eigener Kraft nicht mehr hochkommen. Solidarität muss machbar sein (weltferne Utopien sind wenig hilfreich); sie darf an der Natur der Menschen nicht scheitern (die Imagination eines "homo novus" ist unbrauchbar); und sie muss nicht bis zur Selbstaufgabe führen (im Dienste der Beseitigung des Elends auf der ganzen Welt).

· Freiheit stabilisiert sich nicht nur durch Institutionen. Sie braucht ein Substrat an Gesinnung, und das bei jedem Einzelnen: Respekt dem Nächsten gegenüber, in seiner Würde, auch wenn er in dieser oder jener Hinsicht -ethnisch, habituell, sexuell - ein wenig "anders" sein mag. Über niemanden einfach drüberfahren in der Berufung auf die Wahrheit (wie alle linken und rechten Dogmatiker), im Dienst einer höheren (allenfalls religiösen) Ordnung oder zugunsten einer besseren Zukunft (unter Opferung der Gegenwartsgeneration).

· Christlichsozial schließt seit geraumer Zeit das Bekenntnis zur Demokratie europäischer Prägung ein: Institutionenrespekt, Liberalität, Rechtsstaatlichkeit. Nach der Demokratisierungswelle der 1990er-Jahre gibt es Rückschläge, auch die vorderhand stabilen Demokratien sind verunsichert: Welche "Gefühlswellen" sind aushaltbar? Ist eine "Schlechtwetterdemokratie" möglich? Wutbürger haben nichts zu bieten als ihr Ressentiment. Diverse Links-und Rechtspopulismen, die oft, wie Wählerströme zeigen, austauschbar sind, gedeihen in Situationen der Verwirrung, und sie packen die Menschen bei ihren schlechteren Impulsen. Christlichsozial ist es deshalb, Angst zu bekämpfen. Die Frage stellen:"Was können wir tun?" statt nur die Frage zu stellen: "Was geschieht uns?" Die Option einer schrittweisen (nüchternen, abgewogenen) Verbesserungspolitik aufrechterhalten: Wer sich mit der Unvollkommenheit abfindet, verspielt Chancen. Wer die vollkommene Gesellschaft herstellen will, wird totalitär.

· Wir leben in einer Verunsicherungsgesellschaft, die seit der Kulturrevolution der 1970er-Jahre an Fahrt gewonnen hat. Anything goes, nichts darf gelten. Die alten Werte halten die Gesellschaft nicht mehr zusammen; das neue Vokabular ist Pluralisierung, Flexibilisierung, Individualisierung, Lifestyles. Alles Ständische und Festgefügte löst sich auf. Wenn die Gesellschaft heterogener wird, zerbröckelt die Geschlossenheit der Weltbilder. Zu einem christlichsozialen Weltbild gehört das Leben in Widersprüchen, in der Ausbalancierung. Einerseits kommt unser Wohlstand aus Kreativität und Dynamik; andererseits kann Geld die Sitten verderben. Einerseits ist der Staat gut, wir brauchen ihn; andererseits kann er repressiv, korrupt und bevormundend werden. Der Markt und seine Zähmung. Die Technik und die Skepsis ihr gegenüber. Die Demokratie und ihre Beschränkung. Die Individualität und ihre Wiedereinbettung. Checks and balances. Die christlichsoziale Perspektive konzipiert das Leben in der stets verbesserbaren Unvollkommenheit. Leben im richtigen Maßstab.

· Der christlichsoziale Blick auf Europa nimmt Zentren und Peripherien wahr. Prävention gegen Freerider ist nötig. Selbstbehauptung in der Welt steht an, einschließlich einer europäischen Sicherheitspolitik. Die Migrationsdebatte ist meist polarisiert und dumm: einerseits mitfühlend-multikulturelle Umarmung der ganzen Welt, andererseits provinzielle Abschließungsfantasien, alles in hochmoralisierter Aggressivität. Auch wenn die Welt noch nie in einem so guten Zustand wie heute war, sind der Fortschritt fraglich und das erreichte Niveau bedroht. Christlichsozial wäre eine angemessene Würdigung von Ökologie-, Umwelt-und Energieproblemen, aber über die Bewerkstelligung ausreichenden und nachhaltigen Wachstums wissen wir nicht gut Bescheid. Die Wirtschaftskrise hat Systemfehler aufgezeigt, mit nur bescheidenen Vermeidungsmaßnahmen in futuro. Europas Zukunft ist im Umfeld geopolitischer Verschiebungen bewölkt. Die digitale Revolution ist unabsehbar.

· In den letzten Jahrzehnten haben wir Glück gehabt. Niemand hatte uns Wohlstand und Sicherheit versprochen. Zum Christlichsozialen gehört auch eine gewisse Bescheidenheit: Niemand ist fehlerlos. Es gibt keine Patentrezepte. Aber sich sowohl den konkreten "Forderungen des Tages" zu stellen als auch eine vage Vision des zukünftigen "guten Lebens" zu entwickeln, das darf man wollen und verlangen.

Manfred Prisching

Der Autor ist Soziologe an der Universität Graz