#Utopie

Zu schön, um wahr zu sein

Stühle - © Foto: Pixabay
Wissen

Die Utopie vom optimierten Menschen

1945 1960 1980 2000 2020

Kultur- und Naturwissenschafter diskutierten vergangene Woche in Wien über "Die Verbesserung des Menschen". Die Tagung, die am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften (IFK) stattfand, wurde von Prof. em. Richard Saage konzipiert. Die FURCHE sprach mit dem renommierten deutschen Utopie-Forscher.

1945 1960 1980 2000 2020

Kultur- und Naturwissenschafter diskutierten vergangene Woche in Wien über "Die Verbesserung des Menschen". Die Tagung, die am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften (IFK) stattfand, wurde von Prof. em. Richard Saage konzipiert. Die FURCHE sprach mit dem renommierten deutschen Utopie-Forscher.

Francis Bacon träumte von einer Wissenschaft, die das Leben der Gesellschaft angenehmer macht. Die Transhumanisten gehen nun einen Schritt weiter und wollen den Menschen selbst technisch verbessern. Die FURCHE sprach mit dem Politikwissenschafter und Utopie-Experten Richard Saage über Fiktion und Realität.

DIE FURCHE:Herr Professor, mit dem Niedergang des Kommunismus - so könnte man meinen - ist die letzte Utopie gestorben.
Richard Saage: In der Tat hat man nach dem Ende des realen Sozialismus vom Ende des utopischen Zeitalters gesprochen. Allerdings hatte man dabei nur die klassischen Utopien im Blickwinkel: Jene, die durch Umbau der gesellschaftlichen Institutionen und der Eigentumsverhältnisse eine neue solidarische Gesellschaft schaffen wollten, mit dem Ziel eines allseitig gebildeten und entwickelten Menschen. Letztlich ist dieses Experiment 1989 gescheitert, weshalb die Rede vom Ende des utopischen Zeitalters nicht ganz falsch ist. Gleichzeitig entstand aber allmählich die Idee von einem anderen neuen Mensch. Dieser neue Mensch ist das Produkt der modernen Biotechnologien und Kognitionswissenschaften. Sie wollen den Menschen verbessern, indem sie auf der Ebene des Gehirns und der Gene in die Natur eingreifen.

DIE FURCHE:Das ist aber kein soziales Projekt.
Saage:
Genau. Es geht nicht mehr darum, die kapitalistischen Rahmenbedingungen zu verändern. Das ist der große Unterschied. Die klassischen Utopisten waren alle auch Enthusiasten der Technik, aber die technischen Mittel sollten lediglich dabei helfen, eine emanzipierte und egalitäre Gesellschaft zu errichten. Francis Bacon etwa schreibt darüber, wie der Mensch sich die äußere Natur untertan macht. Die innere Natur - die Gehirnsubstanz und die genetische Ausstattung des Menschen - aber hat er unberührt gelassen.

DIE FURCHE:Gentherapien stecken immer noch in den Kinderschuhen; Wissen kann man noch nicht ins Gehirn uploaden. Wie viel Realität steckt in diesen biotechnischen Phantasien überhaupt?
Saage:
Diese Frage sollte man immer wieder stellen. Ich denke, dass die heutigen Transhumanisten - Wissenschafter wie Marvin Minski, Hans Moravec oder Ray Kurzweil - mit ihren Ideen weit über das Ziel hinausschießen. Die Versuche, die Fähigkeiten des Menschen technisch zu erweitern, sind bisher kaum erfolgreich. Trotzdem sollte man ihre Visionen ernst nehmen, weil sie eine geistige Einstellung schaffen, auf der dann die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts aufgebaut wird. Und diese Gesellschaft ist eine stark individualisierte und entsolidarisierte Gesellschaft, die von alten ethischen Standards Abschied nimmt.

Francis Bacon träumte von einer Wissenschaft, die das Leben der Gesellschaft angenehmer macht. Die Transhumanisten gehen nun einen Schritt weiter und wollen den Menschen selbst technisch verbessern. Die FURCHE sprach mit dem Politikwissenschafter und Utopie-Experten Richard Saage über Fiktion und Realität.

DIE FURCHE:Herr Professor, mit dem Niedergang des Kommunismus - so könnte man meinen - ist die letzte Utopie gestorben.
Richard Saage: In der Tat hat man nach dem Ende des realen Sozialismus vom Ende des utopischen Zeitalters gesprochen. Allerdings hatte man dabei nur die klassischen Utopien im Blickwinkel: Jene, die durch Umbau der gesellschaftlichen Institutionen und der Eigentumsverhältnisse eine neue solidarische Gesellschaft schaffen wollten, mit dem Ziel eines allseitig gebildeten und entwickelten Menschen. Letztlich ist dieses Experiment 1989 gescheitert, weshalb die Rede vom Ende des utopischen Zeitalters nicht ganz falsch ist. Gleichzeitig entstand aber allmählich die Idee von einem anderen neuen Mensch. Dieser neue Mensch ist das Produkt der modernen Biotechnologien und Kognitionswissenschaften. Sie wollen den Menschen verbessern, indem sie auf der Ebene des Gehirns und der Gene in die Natur eingreifen.

DIE FURCHE:Das ist aber kein soziales Projekt.
Saage:
Genau. Es geht nicht mehr darum, die kapitalistischen Rahmenbedingungen zu verändern. Das ist der große Unterschied. Die klassischen Utopisten waren alle auch Enthusiasten der Technik, aber die technischen Mittel sollten lediglich dabei helfen, eine emanzipierte und egalitäre Gesellschaft zu errichten. Francis Bacon etwa schreibt darüber, wie der Mensch sich die äußere Natur untertan macht. Die innere Natur - die Gehirnsubstanz und die genetische Ausstattung des Menschen - aber hat er unberührt gelassen.

DIE FURCHE:Gentherapien stecken immer noch in den Kinderschuhen; Wissen kann man noch nicht ins Gehirn uploaden. Wie viel Realität steckt in diesen biotechnischen Phantasien überhaupt?
Saage:
Diese Frage sollte man immer wieder stellen. Ich denke, dass die heutigen Transhumanisten - Wissenschafter wie Marvin Minski, Hans Moravec oder Ray Kurzweil - mit ihren Ideen weit über das Ziel hinausschießen. Die Versuche, die Fähigkeiten des Menschen technisch zu erweitern, sind bisher kaum erfolgreich. Trotzdem sollte man ihre Visionen ernst nehmen, weil sie eine geistige Einstellung schaffen, auf der dann die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts aufgebaut wird. Und diese Gesellschaft ist eine stark individualisierte und entsolidarisierte Gesellschaft, die von alten ethischen Standards Abschied nimmt.

Richard Saage

Richard Saage ist em. Professor an der Universität Halle-Wittenberg (Berlin). Er hat die politischen Utopien der Neuzeit systematisch erforscht.

Es geht nicht mehr darum, die kapitalistischen Rahmenbedingungen zu verändern. Das ist der große Unterschied. Die klassischen Utopisten waren alle auch Enthusiasten der Technik, aber die technischen Mittel sollten lediglich dabei helfen, eine emanzipierte und egalitäre Gesellschaft zu errichten.

DIE FURCHE:Welche Möglichkeit der Kritik sehen Sie?
Saage:
Der Mensch hat sich seit dem Neanderthaler entwickelt - in die positive wie in die negative Richtung. Die menschliche Natur ist also dynamisch. Doch diese Dynamik sollte ihre Grenzen haben. Die klassische Utopien haben etwa stets die Sonderstellung des Menschen, im Vergleich zur Maschine und zum Tier, akzeptiert. Doch genau diese Differenzen - die das eigentliche Humanum ausmachen - werden durch die neuen technischen Trends eingeebnet. Darin sehe ich eine große Gefahr.

DIE FURCHE:Vor zukünftigen Entwicklungen warnen kann man auch in literarischer Form: Die Anti-Utopien oder Dystopien scheinen erst im 20. Jahrhundert entstanden zu sein. Warum so spät?
Saage:
Das utopische Denken der westlichen Zivilisation war lange Zeit getragen von einem ungebrochenen Fortschrittsglauben. Bis zum Ersten Weltkrieg war die Technik eine positive Größe. Erst durch die riesigen Materialschlachten mit den Millionen von Toten wandelte sich dieses Bild. 1919 ist die erste Dystopie veröffentlicht worden: Jewgeni Samjatins "Wir".

DIE FURCHE: Bereits 1932 erschien eine andere, sehr aktuell erscheinende Dystopie: Aldous Huxleys "Schöne, neue Welt", in der Menschen gezüchtet und mit Pillen auf Glück programmiert werden.
Saage: Huxley stammte aus einer alten Biologen-Familie. Sein Großvater war Thomas Huxley, der berühmte Darwin-Popularisator. Sein Bruder Julian hat den Begriff des Transhumanismus geprägt und war ein Vordenker dieser Bewegung. Während Julian die technischen Entwicklungen sehr positiv sah, zeichnete Aldous Huxley ein düsteres Bild der Zukunft.

DIE FURCHE:Das Gute an den düsteren Dystopien ist: Bislang ist noch keine wahr geworden.