#Utopie

Zu schön, um wahr zu sein

Paris - © Foto: Pixabay
Feuilleton

Von gedachten und gebauten Städten

1945 1960 1980 2000 2020

Städtebauliche Utopien: Prophezeiungen von Gestern und Visionen von Heute am Beispiel Paris.

1945 1960 1980 2000 2020

Städtebauliche Utopien: Prophezeiungen von Gestern und Visionen von Heute am Beispiel Paris.

Das Wort Utopie besteht aus der Negation u und dem Substantiv topos - Ort. Es waren jene Nicht-Orte, an denen sich seit Thomas Morus' Roman "Utopia" (1516) die Vorstellungen eines idealen Staates, einer vollkommenen Gesellschaft festmachten: ferne Inseln oder das neu entdeckte Amerika boten fiktive, unerreichte Orte für fiktive, unerreichte Formen menschlichen Zusammenlebens.

Später, als es an utopischen Orten zu mangeln begann, bedienten sich die Visionäre einer utopischen Zeit: Orwells "1984" etwa, oder Aldous Huxleys futuristische "Brave New World" - beides auch Beispiele dafür, daß sich die Utopien im Laufe der Jahrhunderte verdüstert hatten. Die Visionen einer mündigen, freien Gesellschaft, die die Kultivierung des Geistes als des Lebens Glück erkennt, weichen Szenarien einer ohnmächtigen Menschheit, gesteuert und kontrolliert von einem totalitären Machtapparat.

Der französische Romancier Jules Verne scheint an der Kippe zu stehen zwischen zukunftsgläubigen Phantasien und pessimistischen Vorahnungen. Zum einen lotet er in seinen Werken die letzten Nicht-Orte aus und begibt sich staunend zum Mittelpunkt der Erde oder auf den Mond. Zum anderen verläßt er seine Zeit, um in die Zukunft eines ganz und gar konkreten Ortes zu blicken: in "Paris im 20. Jahrhundert" schildert Verne die französische Metropole von 1963 und überspringt somit 100 Jahre in der Entwicklung seiner Heimatstadt.

Paris als konkreter Ort der Utopie erlaubt es, Vernes Visionen auf ihre Gültigkeit und Dauerhaftigkeit hin zu überprüfen. Wie weit erfüllt die Metropole heute die Prophezeiungen von gestern? Und: Gibt es Parallelen zu den heutigen Visionen für die europäische Großstadt von morgen? Ist die Stadt der Zukunft in Ansätzen auch schon jetzt erkennbar?

Das Wort Utopie besteht aus der Negation u und dem Substantiv topos - Ort. Es waren jene Nicht-Orte, an denen sich seit Thomas Morus' Roman "Utopia" (1516) die Vorstellungen eines idealen Staates, einer vollkommenen Gesellschaft festmachten: ferne Inseln oder das neu entdeckte Amerika boten fiktive, unerreichte Orte für fiktive, unerreichte Formen menschlichen Zusammenlebens.

Später, als es an utopischen Orten zu mangeln begann, bedienten sich die Visionäre einer utopischen Zeit: Orwells "1984" etwa, oder Aldous Huxleys futuristische "Brave New World" - beides auch Beispiele dafür, daß sich die Utopien im Laufe der Jahrhunderte verdüstert hatten. Die Visionen einer mündigen, freien Gesellschaft, die die Kultivierung des Geistes als des Lebens Glück erkennt, weichen Szenarien einer ohnmächtigen Menschheit, gesteuert und kontrolliert von einem totalitären Machtapparat.

Der französische Romancier Jules Verne scheint an der Kippe zu stehen zwischen zukunftsgläubigen Phantasien und pessimistischen Vorahnungen. Zum einen lotet er in seinen Werken die letzten Nicht-Orte aus und begibt sich staunend zum Mittelpunkt der Erde oder auf den Mond. Zum anderen verläßt er seine Zeit, um in die Zukunft eines ganz und gar konkreten Ortes zu blicken: in "Paris im 20. Jahrhundert" schildert Verne die französische Metropole von 1963 und überspringt somit 100 Jahre in der Entwicklung seiner Heimatstadt.

Paris als konkreter Ort der Utopie erlaubt es, Vernes Visionen auf ihre Gültigkeit und Dauerhaftigkeit hin zu überprüfen. Wie weit erfüllt die Metropole heute die Prophezeiungen von gestern? Und: Gibt es Parallelen zu den heutigen Visionen für die europäische Großstadt von morgen? Ist die Stadt der Zukunft in Ansätzen auch schon jetzt erkennbar?

Der französische Romancier Jules Verne scheint an der Kippe zu stehen zwischen zukunftsgläubigen Phantasien und pessimistischen Vorahnungen.

"Der Baron schloß die Gymnasien von Paris und der Provinz, die verschiedenen Sonderinstitutionen, in einer einzigen Anstalt zusammen; darin zentralisierte er das Unterrichtswesen von ganz Frankreich; ... " (Jules Verne 1863) Im 13. Arrondissement von Paris ragt das vielleicht letzte Großprojekt eines französischen Präsidenten in die Silhouette der Stadt. Schon schwer von seiner Krankheit gezeichnet, weihte Francois Mitterrand noch kurz vor seiner Amtsübergabe "seine" Bibliotheque Nationale de France ein. Angesichts der vier Türme, die am Seine-Ufer emporragen und in Anbetracht der gewaltigen Fläche, die der Komplex einnimmt, stellen sich dem Besucher unweigerlich Fragen nach den künftigen Dimensionen. - Hat eine Stadt Maßstäbe, braucht eine Stadt Maßstäbe? Gibt es einen absoluten Maßstab, für alle Zeiten, für jeden Ort? Und: Was definiert die Maßstäblichkeit einer Stadt? Der genius loci oder der technische Fortschritt, eine verbindliche Traufhöhe oder der Mensch?

Dominique Perrault, der Architekt der Bibliothek, relativiert diese Fragen: "Es kommt darauf an, was man unter großen Dimensionen versteht. Die Türme der Bibliotheque Nationale de France sind ungefähr 80 Meter hoch. Verglichen mit Gebäuden, die man im allgemeinen als Türme bezeichnet, die 200 bis 400 Meter hoch sind, ist das relativ gering. In Japan lernte ich vor kurzem Architekten kennen, die an Türme von ein oder zwei Kilometer Höhe dachten, an große Komplexe mit Zwillingstürmen, die vertikale Städte bilden. Jules Verne ist mit seinen Visionen für Paris unserer Zeit also noch voraus."

Neben dem Maßstabsverlust sieht Verne vor allem die zunehmende Ballung der über die Stadt verteilten Funktionen voraus. Es fügt sich in dieses Bild, daß die Grande Bibliotheque in Hinkunft die Bücher sämtlicher städtischer Bibliotheken beherbergen wird. Das heißt Zentralisierung und Konzentration an einem einzigen Ort im Zeitalter der Flexibilität, physische Lagerung von Daten trotz Telekommunikation, eine nationale Festung des Wissens in Erwartung weltweiten Transfers. Ist die Große Bibliothek das mutige Bauwerk fürs 21. Jahrhundert, als das sie geplant wurde, oder verbaut sie der Stadt eher den Weg in die Zukunft? Können großmaßstäbige Projekte überhaupt noch modern sein, oder sind sie ein letztes Aufbäumen des Gestrigen?

"Seine Exzellenz, der Minister für die Verschönerung von Paris sollte bei den Feierlichkeiten den Vorsitz führen." (Jules Verne 1863) Von Amsterdam und Antwerpen über Leipzig und Lissabon bis San Francisco und Stuttgart erstreckt sich die Liste der Städte, die eines gemeinsam haben: dasselbe Straßenbild. In Zeiten zunehmend gesichtsloser Architektur haben bisher weltweit 26 Großstädte der Firma Jean-Claude Decaux den Auftrag erteilt, ihren öffentlichen Raum zu designen; darunter allein sieben deutsche. Ob Collection Zwinger oder Collection Downtown, das Angebot an "Straßenmobiliar" ist stets allumfassend: von Buswartehäuschen und Telefonzellen über Straßenschilder und Papierkörbe, Laternen und öffentliche Toiletten bis hin zu den Meisterwerken Decauxscher Kreativität - den multifunktionalen Litfaßsäulen mit einer Vielzahl an Kombinationsmöglichkeiten: den Einbau eines Trinkbrunnens; den Umbau zu einem Zeitungskiosk; rotierende Litfaßsäulen mit Sitzbank und Uhr.

Die Kommunen kostet das alles keinen Groschen. Weder die Produktion des Mobiliars, noch die Installation, geschweige die sorgfältige Säuberung und Wartung, die Decaux selbstverständlich mit anbietet. Um die Gefälligkeit, von der Stadt das Monopol auf Straßenwerbung zu erhalten. Decaux-Produkte sind hervorragende Werbeflächen - weniger die Mülleimer und Laternen, umso mehr all die anderen Einrichtungsgegenstände, die allerorts vorgeben, den öffentlichen Raum zu zieren. Ist es nun die gesichtslose Architektur, oder doch eher die leere Kasse in diesen Städten, die den Bürgermeister seine Verantwortung für die Stadtgestalt privatisieren ließ?

Begonnen hat es damit in Paris. Die wohl bedeutendste Stadt Europas, mit ihrem mittelalterlichen Zentrum, der großzügigen Bebauung Haussmanns, den modernen Vierteln, mit so verschiedenen Charakteren, den französischen, afrikanischen, maghrebinischen und chinesischen Koloriten - diese Stadt will ihre Gesichter hinter einer einzigen Maske verbergen. Hat man vergessen, was die Stadt zur Stadt macht? Daß es die Straßen und Plätze sind, ihre alltägliche Funktionalität, ihre Unordnung und auch ihr Schmutz? Sauberkeit und Schönheit werden zur Maxime der Stadtpolitik und sollen all das übertünchen, was uns die Straße an Problemen der Stadt verraten will. Kapitulieren die Stadtväter vor ihren Aufgaben? Ist der Anfang der Stadtmöblierung das Ende des Städtebaus?

"Paris hatte seine Mauern von 1843 gesprengt und sich im Bois de Bologne, den Ebenen von Issy, Ivry, Bagnolet und Saint Denis Bewegungsfreiheit verschafft." (Jules Verne 1863) Dort, wo einst Mauern Paris umgaben, verlaufen heute Straßen. Der Peripherique, die große Ringautobahn, definiert heute die Grenze der Stadt, gleichsam als neue Mauer - auch wenn sich die Stadt dahinter fortsetzt. Diese Straße ist weniger Verbindung, eher Trennlinie zwischen dem offiziellen Paris und dem Paris der Vorstädte - den formal eigenständigen Banlieues, wie etwa Saint Denis im Norden: ein unüberschaubarer Wildwuchs aus verfallener Altsubstanz, gigantischen Wohnkomplexen der sechziger und siebziger Jahre und gesichtslosen Schlafburgen jüngerer Zeit - mit sozialen Spannungen und ethnischen Konflikten.

Der Peripherique als Verwaltungsgrenze schützt die reiche, die "inszenierte" Stadt drinnen vor der alltäglichen, in Beton gegossenen Trostlosigkeit draußen. Innerhalb wohnen jene zwei Millionen, die in Paris leben wollen - und können. Außerhalb wohnen jene acht Millionen, die in Paris leben müssen; ausgeliefert der Sogwirkung unserer Metropolen. Die Kluft zwischen Stadt und Nicht-Stadt vertieft sich zusehends.

Der Architekturkritiker der Tageszeitung Le Monde, Frederic Edelmann, zeichnet ein düsteres Szenario der beiden Welten im Großraum Paris: "Die heutigen Ungleichgewichte sind zu stark, so daß wir bald noch brutalere Folgen feststellen werden - nämlich die Explosion der Banlieues. Eine Lösung kann es nur durch einen Rat für die Region Parisienne geben, der in der Lage sein muß, eine Agglomeration zu steuern, die größer ist als das, was man Paris nennt. Nur so werden wir ein stadtgerechtes und gesellschaftlich tragbares Modell schaffen."

Was heißt es aber, die Gegensätze wirklich aufzuheben? Es ist doch erst der Mangel der Vorstädte, der den Überfluß im Zentrum der Stadt ermöglicht, die Ballung von Kunst und Kultur, von Wirtschaft und Finanzen, die gebauten Visionen und die stolzen Projekte der Stadt - all das, was wir an Paris schätzen. Stadt - so heißt es - bedeutet doch Widerspruch und Differenzen. Liegt die Zukunft der Stadt also im Ausgleich oder in der Forcierung ihrer Unterschiede, in der Sprengung oder in der Festigung ihrer Grenzen?

"Weiter hinten bohrte sich ein elektrischer Leuchtturm mit einer Höhe von fünfhundert Fuß, der nicht von großem Nutzen war, in den Himmel. Er war das höchste Bauwerk der Welt, und seine Lichter strahlten vierzig Meilen weit." (Jules Verne 1863) La Defense ist wahrscheinlich jener Stadtteil, der nach wie vor mit dem größten Selbstbewußtsein in die Zukunft von Paris zeigt. Die Architektur seiner futuristischen Bürohochhäuser verkörpert die Philosophie des Bodenpreises. Die internationalen Wirtschaftskonzerne verdeutlichen ihre Vision, daß sich die Stadt im 21. Jahrhundert auf die Idee des Gewinns gründet.

Jean Nouvel, der wohl schillerndste unter den französischen Architekten, plant als seinen Beitrag zur Zukunft von Paris einen "Turm ohne Ende" für La Defense, der sich aus dem Meer der Türme herausheben soll: "Die Tour sans fin ist vor allem symbolisch gemeint, als Jahrhundertprojekt, ein wenig im Geiste des Eiffelturms. Die Eigenheit des Gebäudes ist es, den Begriff des Immateriellen auszudrücken, die Beziehung zwischen Virtuellem und Realem. Es ist ein Zylinder, aus schwarzem, rohem Granit, der in einem Krater seinen Ursprung hat. Dieser schwarze Granit wird allmählich heller, dann wird er glänzend, und in 425 Meter Höhe endet er in einem gläsernen Zylinder. Von unten kann man die Grenze zwischen dem Zylinder und dem Himmel nicht erkennen, denn die fünf letzten Stockwerke sind leer. Man sieht also nicht, wo dieser Turm beginnt, denn er ragt wie ein Pfahl aus dem Krater, und auf der anderen Seite löst sich der Turm in den Kosmos auf. In diesem Sinn ist er ein metaphorischer Bindestrich, der die Verbindung zwischen Erdmitte und Weltall darstellt."

Die Stadt ist oft nur gedachte Vision - der Turm vielfach gebaute Illusion: Turm als Ausdruck ständigen Strebens in einer unvollkommenen Stadt, als Zeichen von Stärke in einer ohnmächtigen Stadt; der Turm als das Besondere in einer Stadt voll Normalität. Je höher wir den Turm bauen, umso weiter entfernen sich unsere Gedanken an die Stadt. Sollten wir in Zukunft nicht den Turm denken und die Stadt bauen?

Reinhard Seiss und Philipp Krebs

Die Autoren sind Raumplaner und Filmemacher in Wien und produzierten 1996 das urbanistische Video "Paris im 20. Jahrhundert".