Die Städte entgleiten zunehmend der konventionellen Stadtplanung. Drei Antworten auf die Zukunft der Metropolen.

Globale Netzwerke und Kommunikationssysteme, der gehobene Freizeitbedarf einer auf individuelle Bedürfnisse ausgerichteten Gesellschaft stellen den Lebensraum "Stadt" vor neue Anforderungen. Ringstraßensysteme und Blockraster der Gründerzeit, Stadtautobahnen, Brachflächen, dicht besiedelte Einfamilienhausteppiche und Hochhausbauten: Historisch Gewachsenes, von Neuem Überlagertes prägt Europas Städte. Die Einwohnerzahlen steigen, über 50 Prozent der Bevölkerung leben in ausgehöhlten oder verdichteten Stadtstrukturen. Wie Parasiten nisten sich Shopping-Malls und andere Nutzungen der Freizeit- und Konsumgesellschaft ein, überzogen von Telekommunikationssystemen, Migrationbewegungen und anderen zeitgemäßen Tendenzen entgleiten die Städte zunehmend konventioneller Stadtplanung. Was bedeutet Urbanität im Zeitalter der Globalisierung? Welche Antworten haben Architekten und Stadtplaner auf mediale Dynamik, zunehmende Individualisierung, selbstgezimmerte Lebensbiographien, Mobilität, neue Arbeitsverhältnisse und verändertes Freizeitverhalten? Bei einem Symposium fragte das Architekturzentrum Wien unter dem Titel "Urban Research: The Individual and density" internationale Forscher nach Visionen der neuen Stadt.

"Forschung und Planung sind zwei gegensätzliche Felder. Wir können diese beiden Dimensionen nicht verbinden, genauso wenig, wie man Europa als geographisches Ganzes sehen kann", stellt Architekt und Stadtplaner Stefano Boeri aus Mailand klar. Die einzige Möglichkeit, der Stadtrealität auf die Schliche zu kommen, sieht er darin, in einem interdisziplinären Netzwerk aus Architekten, Fotografen, Künstlern, Filmemachern und Geografen Fallbeispiele in Europas Metropolen zu sammeln. "Mich interessieren die wirklichen Veränderungen in der Gegenwart, ich möchte Innovationen entdecken. Die werden weder von der Architektur, noch von der Städteplanung, noch von der Politik gemacht."

Boeri erforschte in seinem Projekt "Multiplicity/USE" für die Triennale in Mailand verschiedene Städte wie beispielsweise Moskau, Helsinki, Paris, Tunesien, San Marino quer durch Europa. 76 Personen aus 16 Ländern steuerten Momentaufnahmen diverser urbaner Lebenswirklichkeiten bei. Trotz aller regionaler Unterschieden konnte er eine gemeinsame Tendenz feststellen: eine Vielzahl kleinerer, unhierarchischer Subsysteme verändern in ihren Aktionen das Bild der Städte nachhaltig.

Selbstorganisation

So verwandelten die Bewohner von Tyneside in Nordengland die verlassenen Minen, in denen sie früher gearbeitet hatten, in einen Freizeitpark. Sie organisierten sich selbst und schufen sich Räume zum Radfahren, Picknicken, Tauben schießen und anderen familientauglichen Aktivitäten. Belgrad ist übersät von fahrenden Händlern, die ihre Waren auf Straßen und Plätzen feilbieten und so konventionelle Geschäfte ersetzen. In Elche bei Valencia haben sich in tausenden Privatwohnungen Schuhmanufakturen gebildet. "Diese Subsysteme funktionieren perfekt, sie etablieren sich immer mehr im öffentlichen Raum. Es wird eine Schlüsselfrage der Stadtforschung sein, sie zu berücksichtigen", meint Boeri.

Wo Mangel herrscht, greifen Bürger immer mehr zur Selbstinitiative, reagieren rascher, unkonventioneller und bedürfnisorientierter auf Missstände als die Politik. Boeri sieht in dieser "Polyarchie" einen Lösungsansatz für die Zukunft. Kritik an seinen deskriptiven kleinräumlichen Fallstudien lässt er gelten. "Ich bin stolz, unsere Schwächen aufzudecken. Wir müssen lernen, geduldiger zu sein und zu verstehen, was lokal passiert." Im Internet kann man unter www.useproject.com einen genaueren Blick auf das Geschehen in den Metropolen werfen.

Marcel Meili, Professor an der ETH Zürich und mit Roger Diener, Jacques Herzog und Pierre de Meuron Leiter des experimentellen "Studio Basel", untersuchte die Schweiz auf ihre Tauglichkeit als Zukunfts- oder Auslaufmodell des Urbanismus im globalen Zeitalter. Definiert man Stadt über den Quadratmeterpreis eines Grundstückes, könnte man St. Moritz mit Recht als Metropole bezeichnen. Zwischen 30.000 und 40.000 Euro kostet dort der Quadratmeter, eine Preiskategorie, die mit der Kärtnerstraße in Wien Schritt halten kann. "Unter diesem Gesichtspunkt ist St. Moritz eine Stadt, dem Preis nach ist es das Modell einer global city", meint Meili.

Obwohl die Schweiz weder Nato, noch UNO, noch EU angehört, ist sie wirtschaftlich ein "global player." Obwohl nennenswerte Metropolen fehlen, findet Meili viele Merkmale von Urbanität: "Die Schweiz hat kein wirkliches Zentrum, trotzdem überzieht eine hochentwickelte Infrastruktur das ganze Land. Wie in einem James-Bond-Film hat eine der fortschrittlichsten Firmen in den Berner Bergen ihr elektronisches Hauptquartier."

Meili untersuchte an 24 Punkten in der Schweiz verschiedenste Netzwerke von Verkehr, Handel, Kultur, Sport, Forschung, Kommunikation und Nationalitäten. "Es sind die Unterschiede, die Urbanität ausmachen", ist er sicher. "Dialekte spielen eine große Rolle, sie folgen aber nicht den Landesgrenzen." Die französische Schweiz entpuppte sich als konservativer als der deutschsprachige Teil, in Zürich fand Meili am meisten Kontraste: hier gab es die Ungebildetsten neben der Elite, als Einheit war die Stadt nicht zu begreifen. Hinter der ländlich-harmlosen Fassade der Schweiz verbergen sich finanzielle Netzwerke von internationalen Dimensionen. Urbane Strukturen wie Manhattan werden zerstört, eine Tendenz zur Dezentralisierung zeichnet sich ab. Andererseits konnte die Swiss-Air dem globalen Druck nicht standhalten. Meilis Gretchenfrage: "Kann die dezentrale Urbanität der Schweiz unter den Bedingungen der Globalisierung ein zukunftsträchtiges Modell sein?"

Ressource Raum

"Wie können wir in der dritten Dimension überleben? Unter welchen Bedingungen akzeptieren wir, dass unsere Kinder in 50 Meter Höhe aufwachsen?" Winy Maas vom Studio MVRDV in Rotterdam wollte es genau wissen und speiste die Computer in seinem Büro mit Unmengen von statistischem Datenmaterial. Auf Grundlage der Bedürfnisse des durchschnittlichen Niederländers nach Raum, Luft, Freizeit, Arbeit, Energie und allem, was der zivilisierte Mensch so zum Leben braucht, entwarf er mit seiner Thesisgruppe die Modellstadt "3D City" für eine Million Einwohner. In Kuben von 100 Metern Kantenlänge wurden virtuelle Freizeitsektoren mit Fußballfeldern, Seen, Restaurants, Shoppingsektoren, landwirtschaftliche Sektoren, Waldsektoren und so weiter entwickelt. Sogar eine "PigCity" gibt es, damit die Million Modellmenschen auch ihre Schnitzel weiterhin so konsumieren kann wie gewohnt. Maas errechnete hochökonomisch den kürzesten Weg von Geburt zur Schlachtstätte, andererseits gibt es zur Hebung der Lebensqualität der Schweine sogar Restaurant-und Sexbereiche.

Maas sieht seine Modelle als Instrumente, um Städte zu planen. Er errechnete auch die Kapazität des Planeten. Das Resultat: "Raum ist genauso eine Ressource wie Öl, Getreide oder Boden. Würden wir alle Menschen gleich versorgen wollen, bräuchten wir 4,3 Erden."

Netzwerke

Mehr als genug Platz gibt es im "Out-back" Australiens: 7,15 Millionen Quadratkilometer werden von 143.000 Menschen bewohnt. Trotzdem hat der österreichische Architekt Peter Trummer hier eine Form von Urbanität gefunden: "Hier gibt es einen time-sharing-Urbanism', der durch die Gemeinsamkeit von Zeit gekennzeichnet ist.

Zwei Kommunikationsformen und Infrastruktursysteme überlagern sich. Radiostationen mit einem Radius von 600 Kilometer Reichweite und Rettungsflugzeuge, die im in eineinhalb Stunden, was etwa 500 Kilometern entspricht, beim Patienten sind." Das Netzwerk der Royal Flying Doctors Service überzieht das "Outback". Eine Metropolis aus Luft liegt in Form von Telekommunikationssystemen über der dünn besiedelten Landschaft. Flugplätze, Funkstationen und medizinische Einrichtungen bilden die Knotenpunkte eines Netzwerkes, mit denen die Menschen kommunizieren. Rundfunkschulen, Buschapotheken oder ähnliches werden von mehreren gleichzeitig geteilt. Trummer: "Es handelt sich um eine urbane Form, die durch Infrastruktur ermöglicht wird."

Tipp

Die Ausstellung "Urban Research - The Individual and Density" im Heiligenkreuzer Hof, Schönlaterngasse 5, 1010 Wien

Bis 2. März

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