Christlichsozial  - Christilich Sozial, was ist das, fragt Manfried Welan - © Illustration: Rainer Messerklinger

Weltanschauungs- oder Allerweltsparteien

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GASTKOMMENTAR. Wie ist das jetzt mit diesem „Christlich-Sozial“? Was ist davon noch übrig – und was kann es heute bedeuten? Eine Ergänzung zur schwelenden Debatte.

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GASTKOMMENTAR. Wie ist das jetzt mit diesem „Christlich-Sozial“? Was ist davon noch übrig – und was kann es heute bedeuten? Eine Ergänzung zur schwelenden Debatte.

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Vor über 50 Jahren schrieb ich im „Neuen Forum“ über die Entwicklung von „Weltanschauungsparteien zu Allerweltsparteien“, wie sie Otto Kirchheimer umschrieben hat. Der Versuch, „sich die Massen geistig und moralisch einzugliedern“ wird aufgegeben; die „ideologische Durchdrängung wird einer weiteren Ausstrahlung und einem rascheren Wahlerfolg geopfert“.

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Ja, das christlich-demokratische Heldenzeitalter schien vorbei zu sein. Den Nachfolgern fehlte der Mythos von Partei- und Staatsgründern. Dieser personellen Ernüchterung entsprach der Pragmatismus und Praktizismus in der Politik. Diese war vor allem Wirtschafts- und Sozialpolitik und stand in der pluralistischen Demokratie im Zeichen der Großverbände, in deren Dienst Parteien zumindest in diesem Bereich standen. Weiters schrieb ich: „Die sogenannte Entidiologisierung läuft synchron mit der Distanzierung der Kirchen von der Verbindung mit einer Partei. Die Kirche kann längst nicht mehr mit irgendwelchen Parteien identifiziert werden oder sich identifizieren lassen; ihre Haltung zu Staat und Parteien hat sich geändert; der demokratische Sozialismus ist hoffähig geworden; der Wert der Koexistenz und des Dialogs mit dem Marxismus wird offiziell anerkannt usw.“ Der Artikel hieß: „Mobilisierung der Christen“ und aufgrund der Entwicklung stellte ich die Frage: „Ist eine Mobilisierung der christlichen Demokratie unter diesen Vorzeichen nicht sinn- und aussichtslos? Was könnte sie sein?“

Ein halbes Jahrhundert ist seither vergangen. Nach den Jahrzehnten des Kalten Krieges folgte der Zusammenbruch der Sow­jetherrschaft, das Entstehen eines vereinten Europas, der internationale ­Terrorismus, eine Vielzahl von Kriegen, Millionen und Abermillionen von Flüchtlingen … Schon Ende des 20. Jahrhunderts sprach man bei der Betrachtung der Welt von Unübersichtlichkeit, in der Tat sind zwar Institutionen und Rituale der Nachkriegszeit noch vorhanden, aber die Welt scheint aus den Fugen geraten zu sein. China wird mehr und mehr zur Weltmacht, aber der alte Hegemon USA, der die alte Ordnung beherrschte, ist geschwächt. Zeichen der Zeit sind neue Nationalismen auf allen Kontinenten und ein den Kapitalismus beherrschender Marktradikalismus der Großkonzerne.

Klugheit und Arglosigkeit

Zum Ende des 20. Jahrhunderts wurden endlich die Zerstörungen und Bedrohungen der natürlichen Umwelt evident. Sie erfuhr im kollektiven Bewusstsein der Massen eine Aufwertung, aber die internationale Umweltpolitik hat nur Ansätze der Verbesserung erreicht.

Mein Plädoyer für die Mobilisierung der Christen aus dem Jahre 1968 ist durch die neuen Herausforderungen aktueller denn je. Die Bewusstseinswerdung der Freiheit und Verantwortung des Christenmenschen ist nicht nur eine Herausforderung der Kirchen, sondern eine Herausforderung des Einzelnen. Auf ihn kommt es an. „Mobilisierung der Christen soll ein Sich-in-Bewegung-setzen der Christen als Individuen in der Demokratie sein. Dieser Prozess müsste einerseits von jungen Menschen getragen werden, andererseits müsste er in „Schüben“ in die politischen Institutionen getragen werden …“ Wie vor Jahrzehnten wäre in diesem Zusammenhang „etwas über die Präsenz christlichen Geistes in unserem politischen Stil und in unseren politischen Umgangsformen zu fragen … Politik, die von mobilisierten Christen getragen wird, muss primär als Ethik, nicht als Technik entworfen werden. Das fordert Opferbereitschaft, Wahrheit und Redlichkeit im politischen Raum, personengebundene und personenbewusste Verantwortung, mehr effektive Kontrolle der Machtträger, mehr Klugheit und Arglosigkeit, mehr Freundschaft und liebevolle Begegnung, mehr Kommunikationsfreudigkeit, mehr Erziehung zu politischem Verantwortungsbewusstsein, zu politischer Urteils- und Entscheidungsfähigkeit und vor allem mehr Bewusstseinswerdung der Freiheit.“

Politik, die von mobilisierten Christen getragen wird, muss primär als Ethik, nicht als Technik entworfen werden. Das fordert Redlichkeit im politischen Raum.

Als ich Anfang der 70er-Jahre von Karl Pisa eingeladen wurde, an der Erstellung eines neuen Parteiprogramms der ÖVP mitzuarbeiten, war christlich-soziales Gedankengut an der Tagesordnung. Die Prinzipien Personalität, Partnerschaft, Partizipation, Subsidiarität und Solidarität waren maßgebend. Dieses Programm von 1972 kann sich heute noch sehen lassen.

Ökosoziale Marktwirtschaft

Heute muss Partnerschaft, die sich auf menschliche und gesellschaftliche Bereiche bezog, durch „Naturpartnerschaft“ ergänzt werden. Einen alten Slogan variierend, kann man sagen: „Sozialpartnerschaft, das ist nicht viel, Naturpartnerschaft ist das große Ziel!“

Hier zitiere ich gern den philosophischen Anthropologen Günther Anders aus „Die Antiquiertheit des Menschen“: „Wenn wir uns weiter darauf beschränken, die Natur als Herrschaftsgebiet, als Arbeitsmittel oder -stoff, statt als Partner anzusehen, ist alles aus.“

Christliches Denken verlangt eine partnerschaftliche Haltung zur Natur. Für Christen muss Natur als Schöpfung ein Nächstes sein. Sie müssen für die Natur als Partner eintreten, damit die Naturpartnerschaft zum Weltkonsens wird, wie Menschenwürde und Menschenrechte. Einen realistischen Schritt in diese Richtung hat Josef Riegler in der österreichischen Volkspartei und mit ihr getan: Die Ökosoziale Marktwirtschaft. Sie ist ein pragmatischer politischer Weg in dieser Haltung. Von der Haltung zur Einhaltung kann die österreichische Volkspartei sich christlich-sozial bewähren.

Im Übrigen hatte ich bei der Vorbereitung des Konzepts der Ökosozialen Marktwirtschaft Mitte der 80er-Jahre erwartet, dass es zum österreichischen Grundkonsens und für alle Parteien verbindlich wird. Das war wohl zu viel erwartet. Aber man kann nie wissen.

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