Digital In Arbeit
Feuilleton

Das Territorium DER LIEBE

1945 1960 1980 2000 2020

Mit "Dämonen und Wunder -Dheepan" holte sich Jacques Audiard heuer in Cannes die Goldene Palme. Im Gespräch erläutert er, was ihm im Film wichtig war.

1945 1960 1980 2000 2020

Mit "Dämonen und Wunder -Dheepan" holte sich Jacques Audiard heuer in Cannes die Goldene Palme. Im Gespräch erläutert er, was ihm im Film wichtig war.

In Interviews scheint Jacques Audiard (63) immer unerklärlich und überraschend nervös. Als wir ihn im Mai nach der Premiere seines neuen Films "Dämonen und Wunder Dheepan" bei den Filmfestspielen in Cannes zum Gespräch trafen, war das nicht anders. Ein paar Tage später würde er mit der Goldenen Palme ausgezeichnet werden, aber das ahnte er nicht, so scheu wirkte er. Mit seinem eindringlichen Drama "Ein Prophet" über einen arabischen Mann, der in einem französischen Gefängnis zum Mafiaboss "aufsteigt", erhielt er 2009 ebendort nicht nur den Großen Preis der Jury, sondern war danach auch für den Oscar nominiert. Mit Dheepan trifft er gerade in Zeiten von Flüchtlingsströmen, von medialer Panikmache und politischer Instrumentalisierung einen wunden Punkt aktueller Politik und Gesellschaftsdebatten. Audiard selbst jedoch enthält sich eindeutiger Stellungnahmen.

DIE FURCHE: Was war Ihr Ausgangspunkt für einen Film über einen Flüchtling aus Sri Lanka?

Jacques Audiard: Wir hatten zuerst vor, ein Remake von "Straw Dogs Wer Gewalt sät" zu machen, aber das sieht man diesem fertigen Film nun überhaupt nicht mehr an. Vor allem ich wollte eine Liebesgeschichte erzählen. Dafür wollten wir das Genre wie ein Trojanisches Pferd nutzen, mit einem etwas düstereren Kern. So haben die Möglichkeiten des Genres den Film einerseits geöffnet für einen "Rachefilm", andererseits wollten wir dümmliche und reaktionäre Mechanismen vermeiden. Deswegen dreht sich die Geschichte sehr bald um das Paar und ihre Liebe. In Frankreich einen französischen Film zu machen, in dem die Figuren Tamil sprechen, schien erst einmal eine ziemlich verrückte, sogar absurde Idee zu sein, bedenkt man die selbstgefällige Zufriedenheit der Franzosen mit ihrer eigenen Kultur. Ich bin mit der Besetzung durch Schauspieler aus dem Ausland schon sehr weit gegangen und habe die Grenzen so weit ausgedehnt, wie ich eben konnte.

DIE FURCHE: Warum ist der Protagonist ein Flüchtling aus Sri Lanka?

Audiard: Ich wollte nicht, dass er Französisch sprechen könnte. Es war mir wichtig, ihn linguistisch von dem Land abzukapseln, in das er gehen will, damit er wirklich allein ist und die Sprache ein weiteres Hindernis darstellt. Hätte ich ihn einen Flüchtling aus Algerien sein lassen, wäre zum einen die Nähe zur Sprache gegeben, zum anderen bereits eine ausufernde Konnotation, die mit der aktuellen politischen Lage im Land zu tun hat.

DIE FURCHE: Sie bewegen sich in diesem Film vom Sozialrealismus in eine überhöhte Vendetta und enden mit einer Utopie. Was können Sie über diese ästhetischen Entscheidungen sagen?

Audiard: Der Film sollte verschiedene Genres streifen. Er sollte ein Kriegsfilm sein, eine Sozial Dokumentation, eine realistische Fiktion über Integration, Assimilierung,

auch unter verschiedenen Blickwinkeln, die eine emotionale Reise fühlbar machen können. Was all diese Aspekte verbindet, sind die Liebe sowie der Versuch, ein neues Leben auf diesem Territorium der Liebe und der Familie aufzubauen. Die Furche: Dennoch spielt Gewalt eine prominente Rolle nicht nur in diesem Film, sondern generell in Ihrer Arbeit. Warum? Audiard: Ich verstehe selbst nicht, warum. Aus pragmatischer Überlegung kann ich sagen, ich verwende die Idee eines dramatischen Konflikts einfach dazu, Emotionen zu steigern und zu vertiefen. Hier hat mich interessiert, wie es einer fingierten Familie eigentlich geht mit einer völlig frei erfundenen gemeinsamen Vergangenheit, die letztlich das Fundament für ihre tatsächliche gemeinsame Zukunft wird. Dheepan war ursprünglich aus politischen Gründen im Krieg, jetzt aber kämpft er für die Menschen, die er liebt. Okay, er kämpft also immer noch, aber nur, weil er eben etwas erreichen muss, etwas, das ihm nicht auf dem Silbertablett serviert wird.

Die Furche: Ist das Happy End hier ein Wunsch oder gar ein Traum?

Audiard: Es gibt in einem Film oft zwei Enden, das der Geschichte und das der Figur. Tragische Enden erscheinen mir für beide, aber vor allem für die Figur meist zu schablonenhaft, wie ein Versäumnis, die Anstrengungen der Figur zu würdigen.

Die Furche: Durch seine verschiedenen Blickwinkel ist der Film auch provokativ; erzeigt, wie Dheepan lügt und suggeriert, dasser trotz guter Absichten in einer menschenunwürdigen Situation zu Gewalt greifenmuss. Ist Ihnen hier eine politische Dimension Ihrer Arbeit bewusst? Audiard: Nein, nicht wirklich. Mich interessiert die emotionale Reise der Figur, dabei gibt es die politische Dimension nicht. Daran denke ich beim Schreiben nicht. Die Situation, in die Dheepan hier gleich zu Beginn kommt, ist an sich schon utopisch. Kein Flüchtling aus Sri Lanka und ohne Sprachkenntnisse würde so leicht einen Job und eine Wohnung bekommen. Die Furche: Sie drehten auch mit Laiendarstellern an realen Schauplätzen. Ist ein Getto in der Pariser Vorstadt ein anderer Planet? Audiard: Das ist das Interessante: Nein, genau das ist Europa. Es hat einige Zeit gedauert, aber wir haben schließlich Personen gefunden, die gerne mit uns zusammenarbeiteten; überhaupt waren auch die Behörden sehr hilfsbereit. Zumindest zu dieser Zeit war es kein Problem, die Papiere für die Darsteller aus Sri Lanka zu beschaffen. Heute, einige Monate später, wäre das vermutlich viel, viel schwieriger.

Die Furche: Könnte eine Welt ohne Grenzenfunktionieren?

Audiard: Dieser Film ist keine Metapher für die Welt. Der Film sagt darüber nichts aus. Ich habe noch gar keine Distanz zu diesem Film. Während ich mit Ihnen spreche, realisiere ich Zusammenhänge, an die ich bei der Arbeit an dem Film nicht denke.

Die Furche: Was sagen aber Sie selbst, als Mensch, als Bürger, als Wähler, als jemand, der nicht zuletzt in Frankreich lebt Audiard: Darauf weiß ich keine Antwort, denn wenn die Figur sich diese Fragen nicht stellt, stelle ich sie auch nicht.