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„Der Mensch, das furchtsamste Wesen“

Der Humanethologe Irenäus Eibl-Eibesfeldt meinte einmal über den Menschen: „Vielleicht ist der Mensch das furchtsamste Wesen, da zu der elementaren Angst vor Fressfeinden und feindseligen Artgenossen intellektuell begründete Existenzängste hinzukommen.“ Und vielleicht war das noch eine Untertreibung. Neben den „intellektuell begründeten Existenzängsten“ leidet der Mensch auch noch an zahlreichen irrationalen, unbegründeten Ängsten: Mancher fürchtet sich vor klitzekleinen Blutspritzern; einige fühlen sich unter Menschen unwohl, ja bedroht – etwa beim Schlangestehen an der Supermarktkassa; andere wiederum denken, dass ihre Liebsten auf jeder noch so kleinen Reise ganz sicher tödlich verunglücken werden müssen.

Klingen die Beispiele absurd und komisch? Für die jeweiligen Betroffenen sind die Ängste jedenfalls sehr real: Sie zeigen sich in schlaflosen Nächten, weich werdenden Knien bis hin zur Ohnmacht, auch umgekehrt: an starr werdenden Gliedern, bleichem Gesicht, schnellem Pulsschlag und heftigem Schwitzen. Die physiologischen Reaktionen sind individuell und vielfältig, aber objektiv messbar und feststellbar. Echte Hilfe benötigen denn auch die Leidtragenden.

Viel Angst in der Welt

Tatsächlich gehören Angststörungen zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. Jeder zehnte Europäer soll an irgendeiner Art von Angst leiden. Dabei wird grob zwischen Panikattacken und Phobien sowie generalisierten Angststörungen unterschieden. „Panikattacken und Phobien sind sehr gut behandelbar“, erklärt Birgit Derntl, Emotionsforscherin an der Universität Wien und Klinische Psychologin. Dass solche Ängste dann doch relativ selten behandelt werden, liegt vor allem an den Betroffenen selbst: Spinnen-Phobiker sehen sich nicht jeden Tag mit einer Spinne konfrontiert; Leute, die Angst vor Höhen haben, machen keine Bergtouren und meiden hohe Türme. Die Angst scheint gebannt, das Problem gelöst oder zumindest nicht allzu dringlich. Die übliche (Verhaltens-) Therapie stellt eine Kombination aus Entspannungsübungen und Konfrontation mit der gefürchteten Situation dar. Entspannung kann gelernt werden: Sie wird über angenehme Vorstellungen und Bilder, aber auch Musik vermittelt (vergleiche auch die Mäuse im Artikel oben). Wie sehr sich die Betroffenen tatsächlich entspannt haben, lässt sich am Uni-Institut, an dem Derntl arbeitet, exakt mitverfolgen. Verschiedene Apparaturen geben Rückmeldung über Atmung und Muskelspannung.

Die Konfrontation erfolgt üblicherweise in Schritten. Derntl dazu: „Wir bauen gemeinsam mit dem Patienten eine Angstpyramide von zehn bis eins auf. Nummer zehn wäre jene Situation, die am wenigsten Angst macht: etwa das Bild einer Spinne in einem Biologiebuch. Dann arbeiten wir uns langsam bis zur Spitze, zu Nummer eins, hoch: Das wäre dann etwa eine wirkliche Spinne, die auf der Hand krabbelt.“ Die Erfolge stellen sich meist relativ schnell ein. „Bereits nach etwa sechs Sitzungen merken die Patienten, dass sie sich gut entspannen können.“

Hin und wieder wird auch bewusst eine sehr schnelle Konfrontation mit der angeblichen Extrem-Situation gewählt (wobei ein Therapeut immer in der Nähe bleibt). Besonders bei irrationalen Ängsten kann diese Realitätsprüfung zu einem heilsamen Schock führen. Dazu Derntl: „Die Leute merken plötzlich: Ich bin gar nicht verrückt geworden. Herzinfarkt habe ich auch keinen bekommen. So schlimm ist es nicht, mit einem öffentlichen Bus zu fahren.“

Komplizierter und in der Behandlung auch langwieriger sind oft jene Ängste, die in die Kategorie der generalisierten Angststörungen fallen. Manchmal kann ein Betroffener dabei noch sagen, was ihn ängstigt, nicht aber, warum. Manchmal sind die Ängste aber auch nur mehr diffus – und ein Produkt von Ängsten über Ängste.

„Entspannungsübungen helfen auch hier“, erklärt Derntl. Sehr wichtig werde in solchen Fällen aber auch das Gespräch. Dazu die Psychologin: „Festgefahrene Gedanken können auf diese Weise hinterfragt und Alternativen zusammen mit dem Patienten erarbeitet werden.“ Besonders schwierig wird es, wenn hinter der Angststörung weitere Probleme zum Vorschein kommen: etwa Depression, Alkoholabhängigkeit oder Persönlichkeitsstörung.

Wille für Veränderung

Schließlich meint Derntl auf die Frage, ob eine solche Seelenlast bei manchem Psychologen nicht eine Unlösbarkeitsangst hervorruft: „Der Wille zur Veränderung muss vom Patienten ausgehen. Die Psychologen sollten aber in bestimmte Fälle auch zusammenarbeiten: Psychologen und Sozialarbeiter etwa können finanzielle Probleme und begleitende Angstzustände gemeinsam mit dem Patienten eher in den Griff bekommen.“

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