Bei Ganoven und Huren, bei Mensur und Duell - immer geht es um die Ehre. Wie im Alltag auch. ein gespräch mit Roland Girtler

Die Furche: Herr Girtler, hat Ehre heute noch eine Bedeutung?

Roland girtler: Der Mensch ist ein Wesen, das nicht erniedrigt werden will; er will eine gewisse Form von Anerkennung. In meinem Buch "Die feinen Leute" habe ich dafür den Begriff "animal ambitiosum" geprägt. Das bezeichne ich als Ehre im weitesten Sinn: Der Mensch setzt Symbole und zeigt dadurch an, dass er nicht erniedrigt werden will, dass er Würde hat. Ehre ist heute negativ behaftet; ich glaube, das ist falsch. Ehre ist etwas sehr Wichtiges.

Die Furche: Sie haben "Ehre" gerade auch in Randgruppen gefunden.

girtler: Von den Randgruppen meint man, da würden nur Leute leben, die dauernd degradiert werden und diese Degradierung auch akzeptieren. Das stimmt nicht. Mir ist folgendes passiert: Zwei Wiener Ganoven waren bei mir am Institut, einer war ein Taschendieb. Der wollte kurz weggehen und sich Zigaretten holen. Da kam der Kollege vom nächsten Zimmer und sagte: "Mir fehlt der Mantel und die Brieftasche." Als der andere Ganove das hörte, begann er zu weinen und sagte zu seinem Kollegen: "Du kannst meine Freunde nicht bestehlen! Wenn du das nicht sofort hergibst, sag ich es dem Schmutzer - ein berühmter Wiener Ganove - und wir verdreschen dich zu zweit." So haben wir alles wieder bekommen. Auch das hat mit Ehre zu tun: Der Ganove mit 24 Vorstrafen sagt: "Meine Freunde legst mir nicht herein!"

Die Furche: Wie kann jemand im Gefängnis seine Ehre bewahren?

girtler: Wenn jemand wegen eines schweren Verbrechens eingesperrt wird, hat er kaum eine Möglichkeit dazu. In der Hierarchie der Gefangenen ist er ganz unten. Er hat keine Ehre, sie wird ihm von den anderen genommen. Ich weiß von einem Ganoven, dass er mit einem Kinderschänder in der Zelle war - man hat ihn nicht im Bett liegen lassen. Der Ganove hat das als Verletzung seiner Ehre gesehen, mit so einem Menschen in einer Zelle zusammensein zu müssen. So hat er ihn richtig degradiert.

Auch bei Hinrichtungen war Ehre wichtig: Die Räuber gingen mit einem gewissen Stolz auf das Schafott. Von Aristokraten wird ja auch erzählt, dass sie dort noch Reden gehalten haben. Von einem französischen Grafen heißt es, dass er vor der Guillotine noch gesagt hat: "Meine Seele Gott, mein Herz dem König, meinen Arsch der Republik!" Er hat dadurch seine Missachtung deutlich gemacht.

Die Furche: Bis jetzt war nur von Männern die Rede. Ist Ehre Männersache?

girtler: Nein, das ist bei Frauen genauso. Ich habe ja auch über Prostitution geschrieben, da hat die Ehre eine ganz große Bedeutung. Es wird immer gesagt, die Prostituierte würde sich verkaufen. Das stimmt nicht, im Gegenteil: Sie verkauft Sexualität, stellt eine Distanz zum Kunden her, um ihre Würde zu behalten. Außerdem wird der Kunde je nach sozialer Situation anders bezeichnet. Zu Polizisten sagt man, wenn man über einen Kunden spricht: "der Gast" oder "der Herr" - das klingt fast monarchisch. Aber untereinander sagt man: "der Gogel" - der Kunde wird erniedrigt.

Die Furche: Schlagende Verbindungen sprechen besonders gerne von Ehre.

girtler: Dort wird eine alte Tradition weitergeführt, bei der es um Mannbarkeitsrituale geht: man spricht auch von Initiationsritualen. Genau das geschieht in diesen Verbindungen: Durch gewisse Rituale - die Mensur, bei der es wesentlich auf die Ehre ankommt - geht er über in den Status des jungen Erwachsenen. Die Mensur muss "ehrenhaft" durchgefochten werden, d. h. man muss gewisse Regeln einhalten. Ich habe selber acht Mensuren gefochten. Es ist kein Kampf gegen den anderen, sondern gegen sich selbst. Viele dieser Rituale haben etwas mit Blut zu tun. In afrikanischen Stämmen gibt es etwas Ähnliches wie die Mensur - etwas, das auch mit einer körperlichen Beschädigung zu tun hat, die man auf sich nimmt. Auch in unserer Kultur ist das vielfältig vorhanden: beim Klettern etwa oder beim Motorradfahren - man ist sogar stolz, wenn man einen Unfall gehabt hat oder sich besonders in die Kurve hineinlegt. Man setzt sich einer Gefahr aus. Und das hat auch mit Ehre zu tun - diese Gefahr so zu überwinden, dass der andere sieht: Der Mann ist nicht feig. Feigheit bedeutet ja Unehrenhaftigkeit.

Die Furche: Ehre kann gefährlich sein - vor allem beim beim Duell.

girtler: Das Duell hat in gewissen Zeiten die Bedeutung gehabt, die eigene Ehre zu verteidigen, dem anderen zu zeigen: Man ist fähig, mit der Waffe in der Hand für seine Sache einzustehen. Das ist etwas Barbarisches, aber es geht bis ins 20. Jahrhundert. Eine der interessantesten Geschichten ist das Duell von Ferdinand Lassalle, dem großen Sozialdemokraten, der eine Liaison mit der Gräfin Helene von Dönniges hatte - ihr Vater hat ihn als Juden nicht akzeptiert. Lassalle war Burschenschafter. Er hat daraufhin die ganze Familie beschimpft und wurde von einem Janko von Racowita, einem Prinzen aus Rumänien, dem offiziellen Verlobten dieser Gräfin, zum Duell gefordert. Bei diesem Pistolenduell wurde er in den Hoden getroffen und ist drei Tage später an Sepsis gestorben.

In der Monarchie war das Duell offiziell verboten, aber informell war es geradezu selbstverständlich, dass man ein Duell angenommen hat. Bis in die 1970er Jahre wurde das Duell im Strafgesetz privilegiert behandelt - die Tötung war, glaube ich, im alten Strafgesetz nur mit fünf Jahren bedroht. Heute ist das ein normaler Mord.

Die Furche: Wurden Sie einmal in Ihrer Ehre verletzt?

girtler: Ich bin acht Jahre in eine Klosterschule gegangen. Ich war Ministrant und habe in der zweiten Klasse Gymnasium bei der Messe die Hände nicht richtig gehalten. Dafür wurde ich von einem Pater vor den anderen Kindern erniedrigt und in meiner Ehre verletzt. Die Ehre wäre gewesen, wenn ich diese Regel eingehalten hätte.

Die Furche: Ehre hat also mit Regeln und mit Zugehörigkeit zu tun?

girtler: Ja. Dass ich die Rituale einhalte, die diese Zugehörigkeit klar machen. Ich habe zehn Gebote der Feldforschung entwickelt für Studenten. Das erste Gebot heißt: "Wenn du in Rom lebst, lebe nach römischer Sitte!" Wenn ich die Rituale des anderen einhalte, zeige ich ihm, dass ich ihn akzeptiere, ihn ehre. Und das dritte Gebot heißt: "Du sollst niemals über den schimpfen, mit dem du gemeinsam Bier, Tee oder sonst etwas getrunken hast." Ich darf also jetzt nicht über Sie schimpfen - ich würde meine Ehre verletzen.

Die Furche: Und wer die Gebote nicht einhält, wird ausgeschlossen?

girtler: Nein, so arg sind wir auch nicht. Auch Großzügigkeit hat etwas mit Ehre zu tun. Für mich ist der Mensch ehrenhaft, der großzügig ist und andere akzeptiert; uns sind die Menschen widerlich, die andere degradieren, ihnen das Menschsein nehmen. Kleinliche Menschen zeichnen sich dadurch aus, dass sie anderen die Ehre nehmen.

Das Gespräch führte Cornelius Hell.

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