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Ein christliches Symbol braucht auch die religiöse Deutung

Die jüngsten Kreuz-Urteile in Europa und Österreich rekurrieren auf die kulturelle Symbolik des Kreuzes. Doch ohne religiöses Verständnis schwindet auch der Gehalt des Zeichens.

Ein wesentliches Argument der jüngsten "Kreuz-Urteile“ (des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte über Kreuze in italienischen Schulen sowie des österreichischen Verfassungsgerichts über Kreuze in Kindergärten) war die Definition des Kreuzes als kulturelles Symbol. Als solches errege das Kreuz keinen Anstoß.

Es ist mehr als offenkundig, dass sich das Verständnis dieses Symbols seit der Zeit des Paulus sehr stark verändert hat (1 Kor 1,23), beschreibt dieser doch mit klaren Worten die Provokation des religiösen Symbols "Kreuz“: "Wir aber predigen den gekreuzigten Christus, den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit.“

Kreuz und Christentum waren in der Frühzeit eng miteinander verbunden: Das sogenannte Spottkruzifix vom Palatin - ein Graffito aus der Zeit um ca. 250 n. Chr. - zeigt eine Person vor einem Esel am Kreuz. Die Unterschrift lautet "Alexamenos betet seinen Gott an“.

Wie Symbole ihre Bedeutung verlieren

Fraglich ist, ob angesichts einer steigenden Zahl von Europäern, die durch einen Austritt aus ihrer Kirche ein Leben ohne religiöses Bekenntnis suchen, gerade dieses Symbol eine kulturelle Identität Europas konstituiert. Umgekehrt verlieren Symbole jedoch ohne Erklärung ihren Bedeutungsgehalt: Den meisten jüngeren Europäern dürfte heute unbekannt sein, dass der bunte Fisch, der sich hin und wieder auf der Heckklappe von Autos findet, ein altkirchliches Bekenntnis symbolisiert. Was bringt ein christliches Symbol, das ohne Deutung als Logo eines Fischlokals verstanden werden muss?

Zahlreiche altkirchliche Texte wie auch bereits frühe Mosaike zeigen das sogenannte Christogramm, häufig auch als Christusmonogramm bezeichnet. Die beiden griechischen Anfangsbuchstaben des Wortes "Christus“ sind damals ein den Menschen verständliches Zeichen und bilden so ein christliches Bekenntnis. Bei dieser Abkürzung überlagern sich die griechischen Buchstaben Chi und Rho und bilden ein Zeichen, das, wenn man die ursprüngliche Bedeutung der griechischen Zeichen nicht mehr kennt, wohl eher wie ein durchgestrichenes deutsches P aussieht - einmal mehr ein Zeichen, das dann wohl eher als Halteverbot denn als christliches Zeichen interpretiert werden kann.

Hat das Kreuz, ein zentrales christliches Zeichen, nicht wesentliche Elemente seines religiösen Bedeutungsgehalts verloren, wenn es als "kulturelles Symbol“ verstanden wird, das eine wie auch immer geartete europäische oder nationale Identität zu stiften vermag? Wird eine derartige "kulturelle“ Bedeutung des Christentums nicht erst einmal durch "Höhepunkte“ des gesellschaftlichen Lebens wie Osterferien, Christkindlmärkte oder den "Politischen Aschermittwoch“ konstituiert? Der Besuch der eigentlichen sakralen Feiern hält sich ja doch eher in Grenzen.

Im alltäglichen Leben gilt, dass die Piktogramme, die als Zeichen verständlich den Weg zu wichtigen Orten weisen, eindeutig sind. Sollte das nicht auch für das Kreuz gelten?

* Der Autor leitet an der Universität Wien ein vom Forschungsfonds FWF geförderten Projekt zu koptischen Handschriften

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