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Feuilleton

Kreuz Christi – Kreuze der Menschen

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Das Kreuz Christi überschattet alle Zeiten und jedes Leben. – Eine Betrachtung aus dem neuen Buch des Bischofs von Graz „Das Leiden Christi“.

Das Kreuz Christi überschattet alle Zeiten und jedes Leben. Immer wieder wird Jesus gekreuzigt. Sein Wort: „Was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“, gilt ja nicht nur für das Gute; es gilt ebenso für das Böse, das Menschen einander antun. Immer wieder in der Geschichte und auch heute wird das Kreuz menschlichen Leidens aufgerichtet, wandelt sich ein menschliches Antlitz zum „Haupt voll Blut und Wunden“. Der bisher unbeschwerte, vielleicht banale Lebensweg eines Menschen mündet in den Kreuzweg des Herrn. Menschliches Leiden ruft auf zu Mitleid, zu Hilfe und Veränderung der Verhältnisse. Viele aber gehen achtlos daran vorbei. Längst sind sie darin geübt, das Kreuz Jesu und das Leiden ihrer Zeitgenossen zu übersehen, um nicht Unruhe ins Leben zu bringen und das eigene kleine Glück zu gefährden.

So droht das Kreuz leidender, geschundener Menschen alltäglich zu werden, wie längst schon die Kreuze auf den Kirchtürmen der Städte und vielleicht auch das Kreuz als Halsschmuck junger Leute. Täglich gebrauchte Symbole reden nicht mehr oder reden zu leise. Aus diesem Grund wohl sind durch lange Zeit zwei Wochen vor Ostern die Kreuze in den katholischen Kirchen verhüllt worden, um erst am Karfreitag wieder aufgedeckt zu werden. Und dieser ehrwürdige Brauch sollte erhalten bleiben. Die Verhüllung betont erst recht das, was sie dem Blick entzieht. Was immer da ist, wird am Ende nicht mehr beachtet.

Erst das nicht sichtbare und doch anwesende Kreuz stellt den Anspruch und die Verheißung dieses Zeichens wieder heraus. Verhüllen müsste man das Kreuz zeitweilig auch dort, wo es heute herabgewürdigt wird zum Kunstgegenstand, feilgeboten beim Antiquar, oder zum Kitsch, den man im Umkreis mancher Kirchen verkauft. Unzählige Menschen aber – überall auf Erden – heben dieses Zeichen des Kreuzes immer wieder auf aus seiner Erniedrigung und stellen es in den Raum ihrer Arbeit oder Muße. So redet es auch heute zu Christen und zu vielen suchenden Menschen an der Schwelle und außerhalb des Christentums.

Manches mag beim Betrachten des Kreuzes Christen und unbefangenen Nichtchristen gleichermaßen in den Sinn kommen: die Erinnerung etwa an die unzähligen Kreuze, woran vor und nach Christus irgendwo an den Straßen und vor den Toren Menschen zu Tode gebracht worden sind. Die Erinnerung auch an die wiederkehrenden Situationen der Geschichte, in denen der Mensch dem Menschen zum Wolf wird, angefangen von der Ermordung des Abel über Kriege und Konzentrationslager bis zu den Völkermorden der Gegenwart. Auf vielfältige Weise wurden und werden Menschen von ihresgleichen um ihr Glück gebracht, am Leben gemindert, ausgebeutet, gefoltert und zertreten.

Ecce homo

Die dramatische Passon früherer Zeiten, erlitten als Schwerthieb, als Kreuzigung nach Anklage und Prozess, ist meist abgelöst worden durch das lange, wechselnd intensive Leiden in unserer Nachbarschaft und vielleicht bei uns selbst: Vereinsamung junger wie alter Menschen, zerbrochene Ehen, zerstrittene Familien. Passion auf Raten, Kreuzigung auf Raten, könnte man es tatsächlich, wenn auch fast schon frivol, nennen.

Das Kreuz Christi redet zunächst vom Leiden des Herrn. Darüber hinaus ist es ein Symbol für jedes menschliche Leiden. So betrachtet könnte ein Kreuz auch über dem Arbeitstisch eines Nichtchristen, ja eines Nichtgläubigen hängen.

Er sähe dann darin das zusammenfassende Symbol für alle jemals gemarterten, geschundenen Menschen: „Ecce homo.“ Das Kreuz würde ihm zu einem Zeichen des Protestes gegen alles Unrecht, zu einer Aufforderung, sich anzustrengen, damit nicht immer wieder der Henker über das Opfer triumphiere und damit der Krieg einmal aufhöre, Vater aller Dinge zu sein.

Wer weiß aber, ob diese Anstrengung schließlich nicht doch ins Leere geht?

Gott kann Leid wenden

Wenn Jesus, der sich am Kreuz in die Hände des Vaters empfahl – wenn er ins Leere geredet hat, dann ist der Tod das Letzte, und kein Kampf für Fortschritt und Gerechtigkeit kann dem Leiden der Toten nachträglich einen letzten Sinn geben. Den Christen aber verklärt sich im Glauben der Kreuzesgalgen zum Siegeszeichen über den Tod, zum Symbol ewigen Lebens.

Und die Klagepsalmen, uralte jüdische Gebete, die Jesus selbst viele Male gesprochen hat, werden für den Christen Rufe an einen Gott, der Leid wenden kann, weil er in der Auferstehung Jesu endgültig den verschlossenen menschlichen Horizont geöffnet hat.

* Der Autor ist Bischof der Diözese Graz-Seckau sowie stv. Vorsitzender der Österreichischen Bischofskonferenz

Das Kreuz Christi überschattet alle Zeiten und jedes Leben. – Eine Betrachtung aus dem neuen Buch des Bischofs von Graz „Das Leiden Christi“.

Das Kreuz Christi überschattet alle Zeiten und jedes Leben. Immer wieder wird Jesus gekreuzigt. Sein Wort: „Was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“, gilt ja nicht nur für das Gute; es gilt ebenso für das Böse, das Menschen einander antun. Immer wieder in der Geschichte und auch heute wird das Kreuz menschlichen Leidens aufgerichtet, wandelt sich ein menschliches Antlitz zum „Haupt voll Blut und Wunden“. Der bisher unbeschwerte, vielleicht banale Lebensweg eines Menschen mündet in den Kreuzweg des Herrn. Menschliches Leiden ruft auf zu Mitleid, zu Hilfe und Veränderung der Verhältnisse. Viele aber gehen achtlos daran vorbei. Längst sind sie darin geübt, das Kreuz Jesu und das Leiden ihrer Zeitgenossen zu übersehen, um nicht Unruhe ins Leben zu bringen und das eigene kleine Glück zu gefährden.

So droht das Kreuz leidender, geschundener Menschen alltäglich zu werden, wie längst schon die Kreuze auf den Kirchtürmen der Städte und vielleicht auch das Kreuz als Halsschmuck junger Leute. Täglich gebrauchte Symbole reden nicht mehr oder reden zu leise. Aus diesem Grund wohl sind durch lange Zeit zwei Wochen vor Ostern die Kreuze in den katholischen Kirchen verhüllt worden, um erst am Karfreitag wieder aufgedeckt zu werden. Und dieser ehrwürdige Brauch sollte erhalten bleiben. Die Verhüllung betont erst recht das, was sie dem Blick entzieht. Was immer da ist, wird am Ende nicht mehr beachtet.

Erst das nicht sichtbare und doch anwesende Kreuz stellt den Anspruch und die Verheißung dieses Zeichens wieder heraus. Verhüllen müsste man das Kreuz zeitweilig auch dort, wo es heute herabgewürdigt wird zum Kunstgegenstand, feilgeboten beim Antiquar, oder zum Kitsch, den man im Umkreis mancher Kirchen verkauft. Unzählige Menschen aber – überall auf Erden – heben dieses Zeichen des Kreuzes immer wieder auf aus seiner Erniedrigung und stellen es in den Raum ihrer Arbeit oder Muße. So redet es auch heute zu Christen und zu vielen suchenden Menschen an der Schwelle und außerhalb des Christentums.

Manches mag beim Betrachten des Kreuzes Christen und unbefangenen Nichtchristen gleichermaßen in den Sinn kommen: die Erinnerung etwa an die unzähligen Kreuze, woran vor und nach Christus irgendwo an den Straßen und vor den Toren Menschen zu Tode gebracht worden sind. Die Erinnerung auch an die wiederkehrenden Situationen der Geschichte, in denen der Mensch dem Menschen zum Wolf wird, angefangen von der Ermordung des Abel über Kriege und Konzentrationslager bis zu den Völkermorden der Gegenwart. Auf vielfältige Weise wurden und werden Menschen von ihresgleichen um ihr Glück gebracht, am Leben gemindert, ausgebeutet, gefoltert und zertreten.

Ecce homo

Die dramatische Passon früherer Zeiten, erlitten als Schwerthieb, als Kreuzigung nach Anklage und Prozess, ist meist abgelöst worden durch das lange, wechselnd intensive Leiden in unserer Nachbarschaft und vielleicht bei uns selbst: Vereinsamung junger wie alter Menschen, zerbrochene Ehen, zerstrittene Familien. Passion auf Raten, Kreuzigung auf Raten, könnte man es tatsächlich, wenn auch fast schon frivol, nennen.

Das Kreuz Christi redet zunächst vom Leiden des Herrn. Darüber hinaus ist es ein Symbol für jedes menschliche Leiden. So betrachtet könnte ein Kreuz auch über dem Arbeitstisch eines Nichtchristen, ja eines Nichtgläubigen hängen.

Er sähe dann darin das zusammenfassende Symbol für alle jemals gemarterten, geschundenen Menschen: „Ecce homo.“ Das Kreuz würde ihm zu einem Zeichen des Protestes gegen alles Unrecht, zu einer Aufforderung, sich anzustrengen, damit nicht immer wieder der Henker über das Opfer triumphiere und damit der Krieg einmal aufhöre, Vater aller Dinge zu sein.

Wer weiß aber, ob diese Anstrengung schließlich nicht doch ins Leere geht?

Gott kann Leid wenden

Wenn Jesus, der sich am Kreuz in die Hände des Vaters empfahl – wenn er ins Leere geredet hat, dann ist der Tod das Letzte, und kein Kampf für Fortschritt und Gerechtigkeit kann dem Leiden der Toten nachträglich einen letzten Sinn geben. Den Christen aber verklärt sich im Glauben der Kreuzesgalgen zum Siegeszeichen über den Tod, zum Symbol ewigen Lebens.

Und die Klagepsalmen, uralte jüdische Gebete, die Jesus selbst viele Male gesprochen hat, werden für den Christen Rufe an einen Gott, der Leid wenden kann, weil er in der Auferstehung Jesu endgültig den verschlossenen menschlichen Horizont geöffnet hat.

* Der Autor ist Bischof der Diözese Graz-Seckau sowie stv. Vorsitzender der Österreichischen Bischofskonferenz