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Von Farbe zu Farbe

In Hartheim können Menschen mit Beeinträchtigung künstlerisch arbeiten.

In Farbe verwandelte Energie" könnte der Titel der Werkschau von Renate Grohe heißen. Kraftvoll geführte Pinselstrukturen durchdringen sich in unterschiedlichen Farbklängen - von leuchtend Gelb und Rot über Grün- und Blautöne bis hin zu Braun- und Grauabstufungen. Spannungsgeladen überziehen sie in nachvollziehbar weiten Armbewegungen die gesamte Fläche der großformatigen Papiere, überlagern sich, drängen über die Grenzen des Bildes hinaus. Nur selten schimmert der weiße Grund durch, lässt die Illusion von Tiefe entstehen. An anderen Stellen verbergen knäuelähnliche Farbverdichtungen alles Darunterliegende. Mit schwungvoller Vehemenz der Handführung ist oft mit dem Stift - meist in schwarzer Kreide - ein Lineament über die Farben gelegt. Ungebremst verlassen auch diese Linien zuweilen das Bild, um an anderer Stelle in die abstrakte Komposition zurückzukehren.

Farben einer Gehörlosen

Die Schaffenskraft von Renate Grohe spiegelt sich auch in der Vielzahl der Arbeiten, die in den weiten Galerieräumen von Schloss Hartheim in Alkoven ausgestellt sind. Die Bilder sind ungerahmt und in Farbgruppen gehängt. Lässt man sich auf die Werke ein, entsteht so etwas wie ein Sog, der einen mitreißt - von Bild zu Bild, von Farbe zu Farbe. Auf den Betrachter überträgt sich die atemlose Energie, die vorwärts drängt, nirgends verweilt.

Die gehörlose Künstlerin hat mit dieser Malerei eine Möglichkeit ihres individuellen Ausdrucks gefunden. Renate Grohe (geboren 1961) lebt seit ihrem 10. Lebensjahr im Institut Hartheim für geistig und mehrfach behinderte Menschen. Lange Jahre war sie in hauseigenen Werkstätten tätig. Jede Woche besucht sie für mehrere Stunden das dem Institut angegliederte Atelier Neuhauserstadel, um hier wie andere Talentierte (rund zehn Prozent der 400 Betreuten) im künstlerischen Bereich aktiv sein zu können.

Zehn Prozent sind Künstler

Dieses 1994 eröffnete Atelier, ein adaptiertes Stallgebäude in Schloss- und Institutsnähe, ist neben integrativen Angeboten in Musik (in Kooperation mit der Landesmusikschule) und Theater eine der "kulturellen Herzkammern" des Instituts Hartheim. Als damals erster Stipendiat betreut der Künstler Alfred Heindl "seine" Künstler in Klein- und Kleinstgruppen, weiß um ihre Arbeits- und Verhaltensweisen.

In diesem lichten Raum entdeckt man etwa ein filigranes Gespinst aus dünnen Drähten, sich weich verbiegend, einen Hohlraum umschließend - die Arbeit eines großen, kräftigen Atelierbesuchers. In einer Mappe liegen Zeichnungen von Heliodor Doblinger mit geheimnisvoll farbigen Figurinen, vielgliedrigen Gebäuden und wundersamen Farbgebilden, für die er 2002 mit dem Europäischen Kunstpreis Malerei und Grafik von Künstlern mit geistiger Behinderung der Augustinum Stiftung München ausgezeichnet wurde.

Zur Förderung der künstlerisch Talentierten hat Direktor Günther Weixlbaumer die fachliche Betreuung im Atelier doppelgleisig ausgerichtet; neben dem Atelierleiter als vertrautem "Ruhepol" bringt jährlich ein Stipendiat, Absolvent einer Kunsthochschule, sechs Monate lang seine spezifischen Angebote ein. Neue Impulse kommen dem Atelier zugute und den Berufsanfängern bietet sich die Möglichkeit zu besonderen Herausforderungen und zwischenmenschlichen Begegnungen. Das begehrte Stipendium wird längst unter Kollegen "gehandelt".

Das Atelier Neuhauserstadel und die Galerie KunstFormenHartheim sind zwei aufeinander bezogene Einrichtungen, die ausschließlich im Dienst der betreuten Menschen stehen. Ihre Arbeiten sind nicht in eine kommerzialisierte Struktur eingebunden, werden also nicht am Kunstmarkt angeboten (wie etwa jene der Gugginger Künstler). Es finden jedoch immer wieder Ausstellungen statt; außerdem hat der Aufbau eines umfangreichen Archivs begonnen, das der Forschung zur Verfügung stehen soll.

Seit der Entdeckung der "Kunst von Geisteskranken" in den 1920er Jahren durch die Wissenschaft und die Künstler, vor allem durch die Surrealisten, später durch Jean Dubuffet, der den Begriff der "Art brut" als Gegenpol zu den "Arts culturels" prägte, ist die Beachtung der Kunst von Menschen mit Beeinträchtigungen selbstverständlich geworden, auch im Kunstbetrieb. Die Wertschätzungen dieser Kunstäußerungen sind im Institut Hartheim ausschließlich der jeweiligen betreuten Person verpflichtet. Diese auch in ihrer künstlerischen Aktivität wahrzunehmen, ist das Ziel der Ausstellungen - eine Chance für den außenstehenden Besucher. Die Werke "provozieren eine Einfühlnahme in frühere Stadien, die man selbst auch durchlebt hat. Wir sind auch irgendwann mal geboren, es entwickelt sich ja alles erst." (Arnulf Rainer)

Opfer der NS-Euthanasie

In Schloss Hartheim, der mächtigen Renaissanceanlage, steht man auf historisch belastetem Boden. Seit 1898 diente es als Pflegeanstalt für geistig und mehrfach behinderte Menschen, zwischen 1940 und 1944 wurden in diesen Mauern etwa 30.000 als "lebensunwert" klassifizierte Menschen ermordet. Seit 2003 erinnert die im Schloss eingerichtete Gedenkstätte "Wert des Lebens" an die Toten, zu denen auch die Künstlerin Ida Maly gehörte.

Renate Grohe, Malerei

KunstFormenHartheim

Schloss Hartheim/3.Stock

Schlossstraße 1, 4072 Alkoven

www.kunstformen.at

Bis 29. 1. 2008 Mo und Di 9-14 Uhr

Institut Hartheim

Für Menschen mit geistiger und

mehrfacher Beeinträchtigung.

Anton-Strauch-Allee 1, 4072 Alkoven

www.institut-hartheim.at

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