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Hans Morschitzky Angst - © Foto: Unsplash/Juliet Furst

Hans Morschitzky: „Die Angst soll nicht lähmen, sondern mobilisieren“

1945 1960 1980 2000 2020

Angststörungen: Der Psychotherapeut Hans Morschitzky über Auswege aus der Angstspirale, Scheinlösungen und über den unterschiedlichen Umgang von Männern und Frauen mit der Angst.

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Angststörungen: Der Psychotherapeut Hans Morschitzky über Auswege aus der Angstspirale, Scheinlösungen und über den unterschiedlichen Umgang von Männern und Frauen mit der Angst.

Angststörungen sind der Schwerpunkt des Linzer Psychotherapeuten Hans Morschitzky. Wie man gegen Existenzängste vorgehen kann, erklärt er im FURCHE-Interview.

DIE FURCHE: Herr Morschitzky, was sind eigentlich Existenzängste?
Hans Morschitzky: Existenzängste sind Ängste vor dem Verlust zentraler Geborgenheitserfahrungen. Es geht also um die Bedrohung zentraler, das Leben sinnvoll und wertvoll machender Bereiche wie die ökonomische Sicherheit und die Sicherheit von Beziehungen. Diese Bedrohung kann entweder bereits eingetreten sein oder es wird befürchtet, dass sie eintreten könnte.

DIE FURCHE: Was erleben Menschen als beängstigender: Wenn schon ein schlimmes Ereignis eingetreten ist und man damit zurechtkommen muss, oder wenn man sich „nur“ davor fürchtet?
Morschitzky: Das ist individuell ganz verschieden. Wesentlich ist, dass es bei diesen Ängsten immer um das Gefühl von Hilflosigkeit geht. Wenn noch nichts passiert ist, habe ich das Gefühl, keinen Einfluss auf die Situation zu haben. Wenn jedoch was Schlimmes passiert ist, lebe ich mit der Erfahrung und Tatsache, die ebenso hilflos machen können.

Angststörungen sind der Schwerpunkt des Linzer Psychotherapeuten Hans Morschitzky. Wie man gegen Existenzängste vorgehen kann, erklärt er im FURCHE-Interview.

DIE FURCHE: Herr Morschitzky, was sind eigentlich Existenzängste?
Hans Morschitzky: Existenzängste sind Ängste vor dem Verlust zentraler Geborgenheitserfahrungen. Es geht also um die Bedrohung zentraler, das Leben sinnvoll und wertvoll machender Bereiche wie die ökonomische Sicherheit und die Sicherheit von Beziehungen. Diese Bedrohung kann entweder bereits eingetreten sein oder es wird befürchtet, dass sie eintreten könnte.

DIE FURCHE: Was erleben Menschen als beängstigender: Wenn schon ein schlimmes Ereignis eingetreten ist und man damit zurechtkommen muss, oder wenn man sich „nur“ davor fürchtet?
Morschitzky: Das ist individuell ganz verschieden. Wesentlich ist, dass es bei diesen Ängsten immer um das Gefühl von Hilflosigkeit geht. Wenn noch nichts passiert ist, habe ich das Gefühl, keinen Einfluss auf die Situation zu haben. Wenn jedoch was Schlimmes passiert ist, lebe ich mit der Erfahrung und Tatsache, die ebenso hilflos machen können.

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DIE FURCHE: Manche Menschen haben die Strategie, sich immer auf das schlimmste Szenario einzustellen.
Morschitzky: Hinter dieser Strategie steckt das scheinbare Gefühl von Kontrolle, subjektiv immer recht zu haben. Wenn das Schlimme eintritt, kann ich sagen: Ich habe es euch ja gesagt. Wenn es nicht eintritt: Nochmals Glück gehabt.

DIE FURCHE: Das ist also aus psychotherapeutischer Sicht keine sinnvolle Strategie?
Morschitzky: Es ist nicht sinnvoll, weil es lähmt. Ich finde es sehr wichtig – das ist das Grundprinzip bei allen krankhaften und realen Ängsten –, dass man neben dem Worst-Case-Szenario mehrere lebbare Alternativ-Szenarien entwickelt. Einige Menschen stellen das Worst-Case-Szenario in den Mittelpunkt und werden dadurch gelähmt; andere wiederum leugnen mögliche Bedrohungen. Beides sind keine sinnvollen Strategien.

DIE FURCHE: Was also tun?
Morschitzky: Besser ist es zu sagen, da ist diese und jene Gefahr. Welche realistische Wahrscheinlichkeit gibt es, dass dies und jenes eintritt, und was habe ich dann für Strategien, damit umzugehen. Viele Menschen werden durch die Angst wie gelähmt, anstatt kreativ nach Lösungen zu suchen. Die Angst soll nicht lähmen, sondern mobilisieren.

DIE FURCHE: Man soll also immer die Macht des Handelns bei sich behalten?
Morschitzky: Ja, es geht bei den Ängsten immer um das Gefühl von Einfluss und Kontrolle. Je existenzieller und zentraler etwas ist, was nicht von mir selbst abhängt (etwa Gesundheit, Beruf, Beziehungen), umso mehr fühlt man sich hilflos ausgeliefert. Ziel ist es, Einfluss zu gewinnen in dem mir größtmöglichen Ausmaß.

Männer gehen anders mit Ängsten um. Sie greifen eher zum Alkohol, um sich zu beruhigen, während Frauen eher zum Arzt gehen, um sich Beruhigungsmittel verschreiben zu lassen.

DIE FURCHE: Ist die Existenzangst eine der stärksten Formen von Angst? Ich nehme an, die Angst ums Leben ist die stärkste.
Morschitzky: Ja. Wenn das Leben gesichert ist, dann sind Existenzängste – also Sorgen um das Wie des Überlebens – ganz zentral. Überall, wo Existenzängste auftreten, geht es um zentrale Voraussetzungen für ein zufriedenstellendes und glückliches Leben.

DIE FURCHE: Wann raten Sie jemandem, wegen Angst zum Arzt/zur Ärztin zu gehen?
Morschitzky: Wenn die Angst zu erheblichen Beeinträchtigungen in wichtigen Lebensbereichen führt, die der Betroffene zu vermeiden beginnt, zum Beispiel wenn er/sie aus Angst vor Mobbing nicht mehr zur Arbeit geht. Dann werden Ängste als „krankhaft“ definiert. Betroffene sind durch ihre Angst im schulischen, beruflichen oder sozialen Leben beeinträchtigt und leiden erheblich darunter.

DIE FURCHE: Gibt es eigentlich so etwas wie einen Angst-Charakter?
Morschitzky: Ja, es gibt sicher Menschen, die von Natur aus ängstlicher sind als andere. Und noch vor der Angst steht die Unsicherheit.

DIE FURCHE: Oder mangelndes Selbstbewusstsein?
Morschitzky: Das ist der nächste Punkt. Die Basis der Angst ist Unsicherheit. Am Anfang steht eine existenzielle Verunsicherung, die ich noch gar nicht Angst nennen würde. Es ist im Geistigen gesehen eine Unsicherheit, im Körperlichen eine motorische Anspannung. Ich bin unruhig, nervös, kann nicht schlafen, nicht essen. Die Unsicherheit ist schwer zu ertragen. Man weiß nicht, wie sich etwas entwickeln wird, man beginnt konkrete Vorstellungen zu entwickeln, die dann Angst machen.

Hans Morschitzky - © Foto:Privat

Hans Morschitzky

Sich nicht mehr mit einer beängstigenden Situation konfrontieren zu wollen, sie vielmehr zu vermeiden: Das ist eine Strategie bei Ängsten, wenn auch laut Hans Morschitzky keine sinnvolle. Der Psychotherapeut und Gesundheitspsychologe liefert in seinem Buch „Die Angst zu versagen, und wie man sie besiegt“ (Verlag Walter, 2008) andere Lösungsstrategien.

Sich nicht mehr mit einer beängstigenden Situation konfrontieren zu wollen, sie vielmehr zu vermeiden: Das ist eine Strategie bei Ängsten, wenn auch laut Hans Morschitzky keine sinnvolle. Der Psychotherapeut und Gesundheitspsychologe liefert in seinem Buch „Die Angst zu versagen, und wie man sie besiegt“ (Verlag Walter, 2008) andere Lösungsstrategien.

DIE FURCHE: Nehmen Angststörungen zu?
Morschitzky: Ja, nicht nur die normalen, auch die krankhaften Ängste. Das beobachte ich nicht nur in meiner Praxis, das ist auch durch Studien belegt. Durch die Medien bekommt man heute ein ganz anderes Bild von Bedrohungen mit.

DIE FURCHE: Registrieren Sie auch eine kurzfristige Zunahme von Angstpatienten aufgrund der Wirtschaftskrise?
Morschitzky: Ich glaube schon, dass sich viele jetzt mehr Sorgen um ihren Job machen. Ich hatte zum Beispiel vor Kurzem einen 24-jährigen Patienten bei mir, der aufgrund von psychischen Problemen zahlreiche Krankenstandstage hat. Dieser sagte zu mir, dass er fürchtet, der Erste zu sein, wenn Jobs in seinem Betrieb abgebaut würden.

DIE FURCHE: Sind Frauen wirklich ängstlicher als Männer, wie oft behauptet?
Morschitzky:
Nein, aber Männer gehen anders mit Ängsten um. Sie greifen eher zum Alkohol, um sich zu beruhigen, während Frauen eher zum Arzt gehen, um sich Beruhigungsmittel verschreiben zu lassen. Frauen haben in Umfragen Ängste auch eher zugegeben, weshalb diese Umfragen ein verfälschtes Bild wiedergeben.

DIE FURCHE: Wie kann man Angst am besten behandeln?
Morschitzky: Bei vielen Ängsten profitieren Betroffene von einer Kombinationstherapie aus Psychopharmaka und Psychotherapie. Bei akuten Angstattacken kann zunächst der Patient durch Psychopharmaka stabilisiert werden, ehe eine Psychotherapie greifen kann. Psychopharmaka sind dann sinnvoll, wenn sie helfen, am Leben teilzunehmen.

Die Angst zu versagen und wie man sie besiegt - © Foto: Walter
© Foto: Walter
Buch

Die Angst zu versagen und wie man sie besiegt

Walter, 2008
225 S., € 14,90

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