Literatur

Ressentiment erkunden

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Es gibt Worte, für die gibt es kaum eine adäquate Übersetzung. Ressentiment ist so ein Wort, für das man schwer eine deutsche Entsprechung findet. Das französische Verb ressentir „bedeutet in etwa nach-fühlen in einer zeitlichen Dimension, also auch nach einem Geschehnis jene Empfindung zu verspüren, die dieses in einem ausgelöst hat. Mitunter kann sich dieses Gefühl im Lauf der Zeit sogar verstärken oder verselbständigen“, schreibt Anna Rottensteiner in ihrem Vorwort zu dem Erzählband „Ressentiment“, das der Meraner Verlag Edizioni alphabeta in Zusammenarbeit mit dem Innsbrucker Limbus Verlag soeben herausgegeben hat. In der Reihe „Zeitworte“/ „Parole del tempo“.

Feine Kurzprosa

Ressentiment als Wort unserer Zeit bezeichnet wohl eher das verselbständigte Gefühl. Wenn man jemandem mit Ressentiment begegnet, kann es zwar bedeuten, dass man etwas Widerfahrenes nicht vergessen hat und das Geschehene nun zwischen sich und den anderen stellt. Aber oft bedeutet es vielmehr, etwas einem selbst nie Widerfahrenes einzusetzen, Vorurteile und Stereotype von anderen zu übernehmen, einem Eigenen nachzutrauern, „das es vielleicht als solches nie gegeben hat“, wie Rottensteiner schreibt.

Ein schmales Bändchen, ein spannendes grenzüberschreitendes Projekt. Fünf Autoren und Autorinnen bekamen nichts anderes als dieses „Zeitwort“ und schrieben mit dieser Vorgabe fünf sehr unterschiedliche Erzählungen. Sepp Mall führt mit „Ein Hund kam in die Küche“ in die Zeit der Umsiedlungen durch die Nationalsozialisten. Lydia Mischkulnig lässt in „Die Überschrift“ die Ich-Erzählerin, eine Schauspielerin und Kärntnerin mit slowenischen Wurzeln, Jean Amérys „Jenseits von Schuld und Sühne“ mit Familien- und Kollektivgeschichte verlesen. Nicht nur die Frage „Was führt zum Verlust der Menschlichkeit?“ verbindet das Gestern mit dem Heute. Clemens Berger wiederum verortet seine Erzählung „Café Europa“ in der Gegenwart und einem Wiener „Hipsterbezirk“, wo plötzlich ein Schuss fällt. Anna Weidenholzer beschäftigt sich in „Wieder zwei“ mit einer simpel scheinenden Aussage, die offensichtlich aber schwer lebbar ist: „Im Grunde ist es doch so, du lässt dich auf einen Menschen ein oder nicht.“ Und Anna Kim lässt in „Stottville, New York“ Schriftstellerinnen und ihre Übersetzerinnen aufeinandertreffen. Alle acht Frauen haben das Stipendium „Translation Lab“ erhalten.

Zeitgleich mit den fünf feinen Kurzprosatexten, die auf literarisch weite Weise Ressentiment bedenken, erschien in Meran eine Anthologie mit Texten von fünf italienischen Autorinnen und Autoren. Beide Bände werden 2020 jeweils in die andere Sprache übersetzt erscheinen.

Es gibt Worte, für die gibt es kaum eine adäquate Übersetzung. Ressentiment ist so ein Wort, für das man schwer eine deutsche Entsprechung findet. Das französische Verb ressentir „bedeutet in etwa nach-fühlen in einer zeitlichen Dimension, also auch nach einem Geschehnis jene Empfindung zu verspüren, die dieses in einem ausgelöst hat. Mitunter kann sich dieses Gefühl im Lauf der Zeit sogar verstärken oder verselbständigen“, schreibt Anna Rottensteiner in ihrem Vorwort zu dem Erzählband „Ressentiment“, das der Meraner Verlag Edizioni alphabeta in Zusammenarbeit mit dem Innsbrucker Limbus Verlag soeben herausgegeben hat. In der Reihe „Zeitworte“/ „Parole del tempo“.

Feine Kurzprosa

Ressentiment als Wort unserer Zeit bezeichnet wohl eher das verselbständigte Gefühl. Wenn man jemandem mit Ressentiment begegnet, kann es zwar bedeuten, dass man etwas Widerfahrenes nicht vergessen hat und das Geschehene nun zwischen sich und den anderen stellt. Aber oft bedeutet es vielmehr, etwas einem selbst nie Widerfahrenes einzusetzen, Vorurteile und Stereotype von anderen zu übernehmen, einem Eigenen nachzutrauern, „das es vielleicht als solches nie gegeben hat“, wie Rottensteiner schreibt.

Ein schmales Bändchen, ein spannendes grenzüberschreitendes Projekt. Fünf Autoren und Autorinnen bekamen nichts anderes als dieses „Zeitwort“ und schrieben mit dieser Vorgabe fünf sehr unterschiedliche Erzählungen. Sepp Mall führt mit „Ein Hund kam in die Küche“ in die Zeit der Umsiedlungen durch die Nationalsozialisten. Lydia Mischkulnig lässt in „Die Überschrift“ die Ich-Erzählerin, eine Schauspielerin und Kärntnerin mit slowenischen Wurzeln, Jean Amérys „Jenseits von Schuld und Sühne“ mit Familien- und Kollektivgeschichte verlesen. Nicht nur die Frage „Was führt zum Verlust der Menschlichkeit?“ verbindet das Gestern mit dem Heute. Clemens Berger wiederum verortet seine Erzählung „Café Europa“ in der Gegenwart und einem Wiener „Hipsterbezirk“, wo plötzlich ein Schuss fällt. Anna Weidenholzer beschäftigt sich in „Wieder zwei“ mit einer simpel scheinenden Aussage, die offensichtlich aber schwer lebbar ist: „Im Grunde ist es doch so, du lässt dich auf einen Menschen ein oder nicht.“ Und Anna Kim lässt in „Stottville, New York“ Schriftstellerinnen und ihre Übersetzerinnen aufeinandertreffen. Alle acht Frauen haben das Stipendium „Translation Lab“ erhalten.

Zeitgleich mit den fünf feinen Kurzprosatexten, die auf literarisch weite Weise Ressentiment bedenken, erschien in Meran eine Anthologie mit Texten von fünf italienischen Autorinnen und Autoren. Beide Bände werden 2020 jeweils in die andere Sprache übersetzt erscheinen.