Federspiel

Political Correctness: Der Zorn der Ungerechten

1945 1960 1980 2000 2020

Wie das notwendige Eintreten gegen Rassismus zur Waffe gegen Andersdenkende umgeschmiedet wird.

1945 1960 1980 2000 2020

Wie das notwendige Eintreten gegen Rassismus zur Waffe gegen Andersdenkende umgeschmiedet wird.

"Der völlig vorurteilsfrei wäre, müßte es auch gegen das Vorurteil sein“, meinte Marie von Ebner-Eschenbach, die Zeit ihres Lebens gegen das – soziale, konfessionelle, rassische – Vorurteil kämpfte. Würde sie diesen Satz heute twittern, müsste sie sich auf einen Shitstorm gefasst machen, der sich gewaschen hat. Würde sie an einer US-Universität, sagen wir, Creative Writing unterrichten, könnte sie sich vermutlich nach einem neuen Job umschauen.

"Der völlig vorurteilsfrei wäre, müßte es auch gegen das Vorurteil sein“, meinte Marie von Ebner-Eschenbach, die Zeit ihres Lebens gegen das – soziale, konfessionelle, rassische – Vorurteil kämpfte. Würde sie diesen Satz heute twittern, müsste sie sich auf einen Shitstorm gefasst machen, der sich gewaschen hat. Würde sie an einer US-Universität, sagen wir, Creative Writing unterrichten, könnte sie sich vermutlich nach einem neuen Job umschauen.

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Herzlichen Dank, Ihre Doris Helmberger‐Fleckl (Chefredakteurin)

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Gefinkelte Sätze, differenzierte Standpunkte, Toleranz gegenüber vom Mainstream abweichenden Meinungen, all das ist nicht gefragt im zur Zeit wogenden Richtungsstreit. Der für die Kommentarseiten verantwortliche Redakteur der New York Times musste seinen Hut nehmen, weil ein konservativer Senator im Blatt den Einsatz von Militär gegen die gewalttätigen Antirassismus-Demonstranten gefordert hatte. Kollegen haben die Absetzung eines in Chicago lehrenden deutschen Ökonomen als Herausgeber einer Fachzeitschrift erzwungen, weil dieser sich in Tweets kritisch über die Gewalteskalation geäußert hatte. Ein Buchhaltungsexperte der University of California, Los Angeles, wurde auf Druck einer Internetpetition mit 20.000 Unterschriften zwangsbeurlaubt, weil er in einem Mail das Ansinnen eines Studenten abgelehnt hatte, wegen der Demonstrationen Prüfungserleichterungen für Schwarze zu gestatten.

Während der Präsident und seine Fans ungeniert zu den Bastionen der Vormoderne zurückkehren, wird auf der anderen Seite das notwendige Eintreten gegen Rassismus, Antisemitismus, Sexis­mus, Homophobie zu einer vernichtenden Waffe gegen Andersdenkende umgeschmiedet. Die Netz-Meute verstärkt den Konformitätszwang, es geht um Urteil und Strafe per Akklamation. Im Namen der Moral bleiben moderne Errungenschaften auf der Strecke: die Freiheit der Meinung, der Presse, der akademischen Lehre.

Die Autorin ist Germanistin und Literaturkritikerin.