Human Spirits

Rauschender Übergang

1945 1960 1980 2000 2020

"Homo alcoholicus" durch die Brille von Kultur und Evolution: Warum Alkohol am Ende des Faschings eine wichtige Rolle spielt.

1945 1960 1980 2000 2020

"Homo alcoholicus" durch die Brille von Kultur und Evolution: Warum Alkohol am Ende des Faschings eine wichtige Rolle spielt.

Von der Faschingszeit in die Fastenzeit: Dieser Übergang geht nur selten nüchtern vor sich. Wenn Sie am Faschingsdienstag zumindest das eine oder andere Gläschen gehoben haben, dann waren Sie vorübergehend Teil einer mächtigen Tradition. Dass der Mensch an solchen Übergängen zum Rausch hin neigt, zeigt Kulturforscher Mark Forsyth, der letztes Jahr eine sprühend witzige „Geschichte der Trunkenheit“ vorgelegt hat. „Transitionales Trinken“ heißt dieses Phänomen im akademischen Jargon. Man begießt den Wechsel von einem Zustand zum anderen und schafft damit eine diffuse Zwischenwelt. Diesen mehr oder weniger ritualisierten Übergang gibt es nicht nur zu fixen Terminen wie dem Faschingsende, sondern auch bei Lebensereignissen wie Taufen, Hochzeiten, Geburtstagen oder Begräbnissen. Bereits im Alltag ist das Übergangstrinken zu beobachten: In westlichen Gesellschaften prosten sich viele zu, um das Ende des Arbeitstages oder der ­Arbeitswoche zu zelebrieren. Doch es geht auch umgekehrt: Bei den Suri in Äthiopien genehmigt man sich berauschenden Gers­tensaft, bevor die Arbeit losgeht. Das lus­tige Motto: „Wo kein Bier, da keine Arbeit.“

Prinzip der Homöostase

Quer durch die Zeiten und Kulturen ließen es unsere Vorfahren gehörig krachen, so Forsyth: Der Oxford-Absolvent skizziert zahlreiche Episoden des „Homo alcoholicus“ von der Steinzeit bis heute. Und er versucht zu erklären, warum die menschliche Spezies schon evolutionär darauf aus ist, immer wieder tief ins Glas zu schauen. Neben den vom Autor genannten Indizien (Genmutationen etc.) könnte auch das Prinzip der Homöostase eine Rolle spielen: jenes biologische Gleichgewicht, das der Körper auf allen Ebenen aufrechtzuerhalten versucht – ­beim Blutdruck ebenso wie bei der Temperatur, beim Wasser- oder Elektrolythaushalt. Das gilt auch für die Botenstoffe im Gehirn, deren harmonisches Zusammenspiel unsere geistigen Funktionen reguliert. Woher aber rührt dann die menschliche Neigung, Rauschmitteln wie Alkohol zuzusprechen, die dieses Gleichgewicht empfindlich stören können?

Von der Faschingszeit in die Fastenzeit: Dieser Übergang geht nur selten nüchtern vor sich. Wenn Sie am Faschingsdienstag zumindest das eine oder andere Gläschen gehoben haben, dann waren Sie vorübergehend Teil einer mächtigen Tradition. Dass der Mensch an solchen Übergängen zum Rausch hin neigt, zeigt Kulturforscher Mark Forsyth, der letztes Jahr eine sprühend witzige „Geschichte der Trunkenheit“ vorgelegt hat. „Transitionales Trinken“ heißt dieses Phänomen im akademischen Jargon. Man begießt den Wechsel von einem Zustand zum anderen und schafft damit eine diffuse Zwischenwelt. Diesen mehr oder weniger ritualisierten Übergang gibt es nicht nur zu fixen Terminen wie dem Faschingsende, sondern auch bei Lebensereignissen wie Taufen, Hochzeiten, Geburtstagen oder Begräbnissen. Bereits im Alltag ist das Übergangstrinken zu beobachten: In westlichen Gesellschaften prosten sich viele zu, um das Ende des Arbeitstages oder der ­Arbeitswoche zu zelebrieren. Doch es geht auch umgekehrt: Bei den Suri in Äthiopien genehmigt man sich berauschenden Gers­tensaft, bevor die Arbeit losgeht. Das lus­tige Motto: „Wo kein Bier, da keine Arbeit.“

Prinzip der Homöostase

Quer durch die Zeiten und Kulturen ließen es unsere Vorfahren gehörig krachen, so Forsyth: Der Oxford-Absolvent skizziert zahlreiche Episoden des „Homo alcoholicus“ von der Steinzeit bis heute. Und er versucht zu erklären, warum die menschliche Spezies schon evolutionär darauf aus ist, immer wieder tief ins Glas zu schauen. Neben den vom Autor genannten Indizien (Genmutationen etc.) könnte auch das Prinzip der Homöostase eine Rolle spielen: jenes biologische Gleichgewicht, das der Körper auf allen Ebenen aufrechtzuerhalten versucht – ­beim Blutdruck ebenso wie bei der Temperatur, beim Wasser- oder Elektrolythaushalt. Das gilt auch für die Botenstoffe im Gehirn, deren harmonisches Zusammenspiel unsere geistigen Funktionen reguliert. Woher aber rührt dann die menschliche Neigung, Rauschmitteln wie Alkohol zuzusprechen, die dieses Gleichgewicht empfindlich stören können?

Woher rührt die menschliche Neigung, Rauschmitteln wie Alkohol zuzusprechen, die das Prinzip der Homöostase empfindlich stören können?

Das Durchbrechen der Homöostase bedeutet nicht nur Störung und Krankheit, sondern auch neue Erfahrungen und Lernprozesse. Oft geht beides Hand in Hand: Der Kontakt mit Keimen und eventuell folgende Krankheiten etwa rütteln den Körper durcheinander, führen aber letztlich dazu, dass sich das Immunsystem adaptiert. Wer als Kind im Schmutz wühlt, hat ein geringeres Allergierisiko. Wird die Homöostase herausgefordert, stellt sie sich danach umso besser wieder ein. Ähnlich könnte es sinnvoll sein, immer wieder die Monotonie des Bewusstseins zu stören. Übergänge und Disruptionen gehören existenziell zum Menschsein. Würden die letzten Zwischenwelten ausgemerzt, wären wir endgültig im Zeitalter der endlos funktionierenden Androiden angekommen.