Jad Turjman - © Foto: fotoflausen

Erzähler aus Leidenschaft - zum Tod von Jad Turjman

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Er floh von Syrien nach Österreich, er besaß die Gabe des Zuhörens und die des Erzählens. Nun ist Jad Turjman viel zu früh gestorben.

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Er floh von Syrien nach Österreich, er besaß die Gabe des Zuhörens und die des Erzählens. Nun ist Jad Turjman viel zu früh gestorben.

Nachdem er in Damaskus den Einberufungsbefehl erhalten hatte, entschloss sich Jad Turjman im Alter von 25 Jahren zur Flucht nach Europa. Er kam in Österreich an, seit 2015 lebte er in Mattsee. Am 29. Juli kam er bei einem Bergunfall auf dem Hohen Göll ums Leben. „Ich bin für den Aufstieg der Rechtsextremen in Europa verantwortlich“, schrieb er einmal. Tatsächlich meldeten sich in Sozialen Medien Extremisten umgehend, um den Toten mit Schmähungen zu überziehen. Offenbar hatte er recht, als er meinte, dass er von manchen für gefährlicher gehalten werde „als Klimawandel, Pandemie oder Altersarmut“.

In der kurzen Zeit, die ihm zur Verfügung stand, legte er eine
beachtliche Karriere hin. Er eignete sich rasch die deutsche Sprache an, schrieb Bücher, trat als Comedian in Erscheinung, unterrichtete
in Schreibkursen und arbeitete im Kollektiv am Abbau von toxischen
Männlichkeitsbildern. Einmal traf ich mich mit ihm in Mattsee, und auf dem kurzen Weg ins Kaffeehaus begegnete er ständig Menschen, die ihm auf die Schulter klopften, mit denen er ein paar Worte wechselte und mit denen er ein Treffen vereinbarte. Er gehörte selbstverständlich zum Ort, er gehörte einfach dazu.

Er konnte auf eine einzigartige Geschichte von Flucht und Ankunft
verweisen, war aber ebenso neugierig auf die Geschichten der Anderen. Er besaß die Gabe des Zuhörens. Erzählen konnte er auch. Ihm gegenübersitzend, kam er auf seinen Großvater zu sprechen, mit dem er als Kind unterwegs war, als dieser in großer Runde Geschichten zu Gehör brachte, die die härtesten Männer zum erstaunten Lauschen verleiteten. In seinem ersten Buch „Wenn der Jasmin auswandert“ zeichnet Jad Turjman die Geschichte seiner Flucht nach und wie ein junger Mensch unvermittelt aus seiner Unbekümmertheit geworfen und zum Flüchtling wird. Turjman machte daraus keine Geschichte, die einen runterzieht; die Lebenszugewandtheit und der Wille, nicht unterzugehen, überstrahlen das ganze Buch. Ein weiterer Band wird nun posthum im September erscheinen: „Wenn der Jasmin Wurzeln schlägt. Wie ich gelernt habe, die Heimat in mir zu finden“.

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