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"Bergbau verwüstet das Land"

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Umweltschützer und Indigenenvertreter versuchen, den Schäden durch den Bergbau in Kolumbien entgegenzuwirken. Das ist nicht immer einfach und mit Gefahren verbunden, berichtet Jaime Díaz.

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Umweltschützer und Indigenenvertreter versuchen, den Schäden durch den Bergbau in Kolumbien entgegenzuwirken. Das ist nicht immer einfach und mit Gefahren verbunden, berichtet Jaime Díaz.

Jaime Humberto Díaz Ahumado, 65, ist Theologe und Direktor der kolumbianischen Menschenrechts- und Umweltorganisation Podion. Anfang Februar war er auf Einladung der Dreikönigsaktion (DKA) in Wien. Die DKA unterstützt die Ausbildungsprogramme im Bereich Umwelt.

DIE FURCHE: Podion unterstützt unter anderem Organisationen, die sich gegen Bergbauprojekte zur Wehr setzen. Warum?

Jaime Díaz: Wo Bergbau betrieben wird, dort ist auch die Armut. Die Umwelt wird zerstört, es gibt keine Arbeit. Wenn transnationale Bergbaukonzerne das Land verlassen, dann bleibt Verwüstung zurück. Oft muss die Bevölkerung aus diesem Grund weg.

DIE FURCHE: Präsident Santos hat den Bergbau als Lokomotive der Entwicklung Kolumbiens bezeichnet.

Díaz: Ja, ihm schwebt vor, bis 2021 die Goldund Kohleförderung zu verdoppeln oder gar zu verdreifachen. Besonders sein Vorgänger Álvaro Uribe hat Konzessionen im großen Stil vergeben. Über 9000 sind es momentan. Santos verfolgt dasselbe Konzept, aber etwas vorsichtiger.

DIE FURCHE: Neben den großen Minen der Konzerne gibt es ja viel illegalen Bergbau im kleinen Stil. Warum ist der so schädlich?

Díaz: Der kleine illegale Bergbau richtet genug Schaden an. Aber viele Menschen fanden so ein Mittel, zu überleben und damit konnte man umgehen. Aber jetzt findet der illegale Goldabbau zunehmend im großen Stil statt. Man fragt sich, wie es möglich ist, dass große Caterpillar in den entlegensten Gegenden auftauchen, wo gar keine Straßen hinführen. Sie werden in ihre Bestandteile zerlegt und über Saumpfade transportiert, vorbei an Kontrollpunkten der Armee, der Paramilitärs oder der Guerilla. Die werden geschmiert. Das giftige Cyanid verseucht das Wasser. Kolumbien ist eines der Länder mit dem größten Wasserreichtum. Wenn es so weitergeht, ist es damit bald vorbei. Auch der legale Bergbau bringt dem Land nichts. Die Konzerne sind weitgehend von Steuern befreit und die Folgekosten übertreffen die geringen Einnahmen für den Staat bei Weitem.

DIE FURCHE: Welche Gebiete sind betroffen?

DÍAZ: Der Chocó ist reich an Artenvielfalt und ökologisch fragil. Dasselbe trifft auf das Amazonasgebiet zu. Ein Priester im Caquetá hat mir von einem Gemeindemitglied erzählt. Der Mann kam zerknirscht zu ihm und sagte, er sei ein braver Christ, aber jetzt werde er einen Caterpillar bedienen. Denn die Guerilla bezahle ihn gut dafür. Der Staat hat dort überhaupt keine Kontrolle.

DIE FURCHE: Welche Alternativen gibt es zur Rohstoffausbeutung?

DÍAZ: Kolumbien ist potentiell ein großer Nahrungsmittelproduzent. Aber durch den Bergbau wird viel Ackerfläche zerstört. Viele der Lizenzen wurden auch für Reservate indigener Gruppen oder afrokolumbianischer Gemeinschaften erteilt. Dort dürfte laut Gesetz keine Konzession ohne Konsultation erteilt werden. Aber im Kabinett setzt sich vor allem der neoliberale Vizepräsident darüber hinweg. Für ihn sind die Konsultationen nur ein Hindernis für den Fortschritt. Man versucht also die Vorschriften zu umgehen und kauft die Anführer. Das gelingt nicht immer, denn das Bewusstsein über die Folgen der Umweltzerstörung nimmt zu.

DIE FURCHE: In vielen Ländern wird auch Gewalt angewendet?

DÍAZ: Ich fürchte, das kann auch in Kolumbien passieren. Am 8. Jänner misslang ein Attentat auf den Vorsitzenden von UOAfroC. Diese Organisation wehrt sich gegen illegalen Goldabbau. Kolumbien ist nach Indien das Land mit den meisten durch Bergbauprojekte ausgelösten Konflikte.

DIE FURCHE: Eine Studie des Rechnungshofes belegt, dass Bergbauprojekte die Regionen nicht reicher, sondern ärmer machen. Wie verkauft die Regierung den Dorfgemeinschaften diese Projekte?

DÍAZ: Man verspricht Arbeitsplätze. Aber selbst wenn einige Bewohner Beschäftigung finden, leidet die Gemeinschaft: Es kommen Arbeitsmigranten, die Preise steigen, Alkoholkonsum und Prostitution nehmen zu. Wenn sich diese Folgen einstellen, ist es meist zu spät. Wir versuchen daher, vor einer Konsultation Erfahrungen aus anderen Gegenden zu präsentieren.

Das Gespräch führte Ralf Leonhard

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