Ungarn: Proteste im Monatsabstand. Und mit der rechtsextremen "Ungarischen Garde" wird der Aufstand institutionalisiert.

Im Monatsabstand wird die Budapester Polizei derzeit in Alarmbereitschaft versetzt, werden Wasserwerfer vorsorglich in Stellung gebracht: Ende August formierte sich die rechtsextreme Organisation "Ungarische Garde"; Mitte September marschierten Regierungsgegner anlässlich des Jahrestages der so genannten "Lügenrede" des sozialistischen Premiers Ferenc Gyurcsany vor das Parlament und den im Vorjahr gestürmten öffentlich-rechtlichen Fernsehsender. Und auch dieses Monat wird rund um den Jahrestag des Ungarnaufstands am 23. Oktober wieder mit Protestmärschen gerechnet.

Die beiden vergangenen Versammlungen sind großteils friedlich verlaufen, auch wenn die verbalen Auseinandersetzungen nichts an Deutlichkeit vermissen ließen: Der sozialistische Abgeordnete Tibor Szanyi erklärte die Demonstranten zu "Abschaum, der keine politische Unterstützung hat", während die Demonstranten sozialistische und liberale Parlamentsangeordnete mit Steinen und Flaschen bewarfen und sie als "Mörder" beschimpften. Der Vorwurf bezieht sich auf den Ungarnaufstand 1956, der nach wie vor das Land in Freund und Feind spaltet.

Kulminationspunkt dieser Auseinandersetzung ist die "Magyar Gárda" - das zeigt auch ein Rückblick auf die Angelobung dieser "Ungarischen Garde", hinter der die rechtsextreme Partei Jobbik (Bewegung für ein besseres Ungarn) steht: Schon die Angelobung von genau 56 Gardisten war ein Verweis auf die Revolution gegen die sowjetischen Besatzer. Und Festrednerin Mária Wittner, Abgeordnete der oppositionellen Fidesz-Partei und als Freiheitskämpferin 1956 zum Tode verurteilt, lobte die "offenen, reinen Gesichter" der jungen Gardisten, "die dem Satan den Kampf angesagt haben". Und wie sie die Fahne des Aufstands von 1956 im Publikum entdeckte, sah sie darin "eine löchrige Fahne mit den Wundmalen Christi".

Unzählige Fahnen begrenzten an diesem Tag den Weg auf den Budaer Berg: ungarische und siebenbürgische, Fahnen der mittelalterlichen Árpáddynastie, Fahnen mit ungarischen und transsylvanischen Königswappen, Fahnen der Revolution von 1848, Fahnen aus der Horthy-Ära und eben die berühmten Fahnen des Aufstands von 1956, durch die der Wind pfeift, weil der rote Stern herausgeschnitten wurde. Fahnen, Fahnen, Fahnen - ein Tuch gewordener Streifzug durch 1000 Jahre ungarische Geschichte.

Die Heimat verteidigen

Auch die Religion fehlte nicht: Selbstgebastelte Schilder mit bunten Marienbildchen tanzten in der Luft. "Glaube, Hoffnung, Liebe" steht darauf, und dass die finsteren Mächte besiegt werden müssen. Und auf der Bühne warteten ein katholischer, ein evangelischer und ein reformierter Priester, um die Gardisten und ihre Banner zu segnen. Von nun an will die Magyar Gárda ungarische Kultur und Tradition verteidigen. Laut Gründungsdokument ist es Ziel des Vereins, "Gemeinschaften und Gruppen zu sammeln, die bereit sind, das Heimatland zu verteidigen". Besorgnis unter den Gegnern erwecken auch die schwarzen Uniformen der Gardisten, die darin eine Anspielung an die Nazi-SS sehen, in Kombination mit dem dilettantischen Marschschritt der Gardisten jedoch mehr an eine Operettentruppe erinnern. Die rot-weißen Streifen am Kapperl verweisen wiederum auf die Fahne der ungarischen Faschisten, der Pfeilkreuzler. Da ist es nicht überraschend, am Gründungsfest der Garde auch Glatzköpfe anzutreffen, auf deren T-Shirts in Frakturschrift zu lesen ist: "Deutschland und Ungarn sind Waffenbrüder!"

An einer besonders langen Stange wehte zuoberst die Fahne der Republik Ungarn, darunter die rot-weiß-gestreifte Árpád-Fahne, und zuunterst ein trauerschwarzes Stück Stoff: "Vesszen Trianon! Zum Teufel mit Trianon!" Ungarn hat nach dem Ersten Weltkrieg mit dem Vertrag von Trianon zwei Drittel seines Staatsgebietes verloren. Geschätzte vier Millionen Ungarn leben deswegen heute außerhalb des ungarischen Staatsgebietes. Mit dem EU-Beitritt haben zwar Staatsgrenzen an Bedeutung verloren, doch im rechten Lager träumt man immer noch von einstiger Größe. Darauf baut Viktor Orbáns Mitte-Rechts-Bund Fidesz, aber auch extreme Gruppierungen wie Jobbik oder die rechtsradikale und deklariert antisemitische MIÉP (Wahrheits- und Lebenspartei). Die beiden Kleinparteien kandidierten 2006 auf einer gemeinsamen Liste und erhielten 2,2 Prozent. Viele ihrer Sympathisanten wählen letztlich doch Orbán, denn sie sind ja weniger für die ganz Rechten als um jeden Preis gegen die Sozialisten.

"Gyurcsány, verschwinde!"

"Gyurcsány, takarodj! - "Gyurcsány, verschwinde!" blökte die zur Garde-Gründung versammelte Menge am Budaer Berg jedes Mal mechanisch, wenn der Name des Premiers fiel. Dieser konterte, indem er die Magyar Gárda zur "Schande Ungarns" erklärte.

Im Gegensatz zum verhassten Lügen-Premier "wollen wir dieses Land nicht bestehlen, ausrauben und ausnützen, sondern wir wollen ihm dienen, es erhöhen, schützen und aufbauen für die Zukunft", stellte Jobbik-Chef Gábor Vona klar. Und: Eine Anzeige gegen die Regierung wegen angeblicher Verleumdung werde eingebracht, denn "wir sind weder Nazis noch Faschisten".

Von dieser Erklärung unbeeindruckt, marschierten auch antifaschistische und linksliberale Gruppen bei der Garde-Gründung auf. Mit "Hochachtung" begrüßte Sándor Pörzse, Gründungsmitglied der Gárda alle Gefährten, die trotz der Anfeindungen hier erschienen waren. Aber auch die "anderen Verbände" werden, begleitet von lauten Buh-Rufen, gegrüßt: die Antifaschisten, die Jüdischen Gemeinde, die Roma-Selbstverwaltung … - "mögen sie sich alle so kultiviert betragen wie die Ungarische Garde." Feierlich erhob Pörzse die Stimme über das empörte Geraune im Publikum: "Beim ersten Einsatz der ungarischen Garde - das sage ich euch …" - Kunstpause - Pörzse holte Luft, ließ die Stimme anschwellen: "Vér … fog … folyni!" - "Blut … wird … fließen!" Wieder Kunstpause. Einige sind begeistert, viele überrascht: "Die gehen aber ran!" Pörzse fährt grinsend fort: "Wir erwarten Sie alle mit Freuden beim Blutspenden!" Gelächter. Fahnenschwenken. Alles nur Spaß. Dieses Mal, doch die Budapester Polizei bleibt in Alarmbereitschaft.

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