pfeilkreuzer - © Foto: picturedesk.com / Ullstein Bild

Nationalsozialismus: „Sie haben sich von den Zehn Geboten befreit“

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In seinen Romanen „Die Orgie“ und „Der Nachbar“ gelang es dem ungarischen Schriftsteller Gábor Zoltán, Ergebnisse der Geschichtsschreibung und seiner eigenen Recherche in literarische Werke einzuarbeiten, die eine Übersetzung ins Deutsche verdient hätten.

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In seinen Romanen „Die Orgie“ und „Der Nachbar“ gelang es dem ungarischen Schriftsteller Gábor Zoltán, Ergebnisse der Geschichtsschreibung und seiner eigenen Recherche in literarische Werke einzuarbeiten, die eine Übersetzung ins Deutsche verdient hätten.

Thema von „Die Orgie“ sind die drei Monate der Schreckensherrschaft der Pfeilkreuzler in Budapest von Oktober 1944 bis Jänner 1945. „Der Nachbar“ ist eine detaillierte Darstellung dieser Bewegung, die in Zoltáns damals vornehmlich „christlichem“ Wohnbezirk besonders stark war. Hier hatten die Pfeilkreuzler ihre größten Erfolge und zwar von der Unterschicht bis zur Aristokratie. Zu den schlimmsten Judenhassern gehörten die Schriftsteller Albert Wass und József Nyírő, die im heutigen Ungarn mit einer Vielzahl von Gedenkorten geehrt werden.

Zoltán hebt die große Zahl von Flüchtlingen aus Siebenbürgen hervor, unter ihnen die beiden oben Genannten und den ehemalige Franziskanermönch András Kun, der an der Verbreitung der Pfeilkreuzler-Doktrin und den Massakern beteiligt war und der zum Morden aus Rumänien nach Ungarn „heimkehrte“ .

Beide Bücher sind auf die Gegenwart gerichtet, in der László Kövér, der ungarische Parlamentspräsident, József Nyírő, dem Goebbels-Bewunderer, der noch 1945 zum Krieg hetzte und nach 1945 aus Madrid faschistische Propaganda betrieb, höchstes Lob spendete. Gábor Zoltáns zeitlose humanistische Romane verdienten eine deutsche Übersetzung, denn sie erleichtern das Verständnis für das heutige Ungarn. Der Schoß ist fruchtbar noch …

DIE FURCHE: Als Regisseur haben Sie viele Jahre lang für den ungarischen Rundfunk gearbeitet. Wann haben Sie angefangen, Bücher zu schreiben?

Gábor Zoltán: Meine erste Sammlung von Kurzgeschichten wurde 1997 veröffentlicht. Damals noch neben meiner Arbeit für den ungarischen Rundfunk. Im Jahr 2010 kam Orbán an die Macht. Eine seiner ersten Amtshandlungen war die Schaffung eines neuen Mediengesetzes. Seine Fidesz-Partei erhielt damit die totale Kontrolle über das öffentliche Fernsehen und den Rundfunk, und jeder, der nicht mit dem neuen System vereinbar war, wurde entlassen. So ist es mir ergangen, obwohl ich nicht an politischen Programmen beteiligt war. Ich konnte nirgendwo anders hin, also hatte ich keine andere Wahl als zu schreiben.

DIE FURCHE: In „Die Orgie“ und „Der Nachbar“ beschreiben Sie, was in den wenigen Monaten der Pfeilkreuzler-Herrschaft im Budapester 12. Bezirk geschah. Warum haben Sie dieses Thema gewählt, abgesehen von der Tatsache, dass Sie in diesem Bezirk leben?

Zoltán: In Ungarn ist in den vier Jahrzehnten des Kommunismus fast nichts von dem aufgearbeitet worden, was während des Zweiten Weltkriegs geschehen ist. So wurde die Vernichtung von mehr als einer halben Million ungarischer Bürger jüdischer Herkunft, an der die Behörden und die Bürger Ungarns nicht unwesentlich beteiligt waren, erst nach 1989 richtig erklärt. Im kommunistischen System geschah Unrecht und fast jeder wurde unterdrückt. Als die Freiheit kam, war es unter anderem frei, Nationalist zu sein, ja sogar ein Nazi. Jahr für Jahr wurden die Hassreden lauter. Die Fidesz, die ursprünglich den Anspruch hatte, eine liberale Partei zu sein, wurde in der Anfangszeit als „unpatriotisch“, pro-westlich und pro-jüdisch kritisiert. Seitdem hat sie einen langen Weg zurückgelegt und ist nun eindeutig nationalistisch und antiwestlich. Für mich war 2010 die Nazi-Rhetorik schwer zu ertragen, die typisch für Orbáns Lieblingspublizisten ist, aber auch stark an die Nazi-Texte der 1930er und 1940er Jahre erinnert. Da in dem Viertel, in dem ich aufgewachsen bin und in dem ich heute noch lebe, während des Zweiten Weltkriegs die Nazi-Pfeilkreuzler-Partei besonders aktiv war, dachte ich, ich muss mich in dieses unangenehme Thema vertiefen.

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