Bayer - © Foto: APA/Herbert Neubauer
Porträtiert

Xaver Bayer: Das böse Virus Gleichgültigkeit

1945 1960 1980 2000 2020

Xaver Bayer­ wird für „Geschichten mit Marianne“ mit dem Österreichischen Buchpreis ausgezeichnet.

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Xaver Bayer­ wird für „Geschichten mit Marianne“ mit dem Österreichischen Buchpreis ausgezeichnet.

Dass der diesjährige Österreichische Buchpreis an Xaver Bayer­ geht, darüber kann man sich wirklich freuen. Der 1977 in Wien geborene Autor betreibt keine Selbstvermarktung, er posiert nicht in Social-Media-Kanälen oder Magazinen, sondern sitzt – wenn es nicht gerade wegen Corona geschlossen ist – im Kaffeehaus und kümmert sich dort um präzise, raffinierte Texte.

Von seinem Debüt „Heute könnte ein glücklicher Tag sein“ (2001) über „Die Alaskastraße“ (2003) bis zu den 2019 erschienenen Kurzprosatexten „Wildpark“ in der Edition Korrespondenzen und den nun ausgezeichneten „Geschichten mit Marianne“ (Verlag Jung und Jung) reicht der Bogen. Bayer hat zahlreiche beeindruckende Werke verfasst, darunter Kurzprosa, die es auf dem Markt viel schwerer hat als der große Bruder ­Roman. Es finden sich auch so wunderbare Titel wie „Als ich heute aufwachte, aufstand und mich wusch, da schien mir plötzlich, mir sei alles klar auf dieser Welt und ich wüsste, wie man leben soll“ (2004) oder „Wenn die Kinder Steine ins Wasser werfen“ (2011).

Oft begibt Bayer sich in Traumgefilde oder in Bereiche, wo der gewisse Blick auf die Realität fraglich wird – und diese dadurch vielleicht besonders sichtbar wird, nur anders. Wie sehr er in seinen Texten auch die Gesellschaft im Blick hat, fällt in der Woche der Preisverleihung besonders auf. Etwa im ersten Text seines nun ausgezeichneten Buches „Geschichten mit Marianne“, den er vor 15 Jahren verfasst hat. Die Abgründigkeit dieser Figur, die erst ein edles mehrgängiges Menü zubereitet und dieses vor Bildern von Marc und Warhol serviert, dann aber zum Gewehr greift und in die Straße schießt, bevor sie selbst erschossen wird, sucht ihresgleichen. Wer ist diese Marianne, fragt man sich mit dem Erzähler, von Geschichte zu Geschichte taumelnd – denn die Texte funktionieren einzeln, bilden aber ein Ganzes –, ist sie etwa eine Ausgeburt der Fantasie des Ich-Erzählers?

Vor zwölf Jahren sagte Xaver Bayer in einem Interview – und das erzählt viel über seinen Blick auf die Welt und sollte im Jahr 2020 wiederholt werden –: „Das böse Virus unserer Zeit ist die Gleichgültigkeit, und sie gilt es zu vermeiden.“