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Alles für die "Schönheit"

Die Tradition der Genitalverstümmelung löst großes Unverständnis aus. Dass aber der weibliche Körper immer schon im Sinne der Schönheit oder Moral schmerzhaftesten Eingriffen ausgesetzt war und ist, wird oft vergessen.

Wer kennt heute noch den Fall eines britischen Arztes, namens Baker Brown? Dieser nahm im 19. Jahrhundert bei zahlreichen Patientinnen eine Klitorisentfernung durch. Ein Einzelfall eines Verirrten? Keineswegs, wie die Dissertation Weibliche Genitalverstümmelung. Diskussion und Praxis in der Medizin während des 19.Jahrhunderts im deutschsprachigen Raum von Marion Hulverscheidt verdeutlicht.

Die Medizinhistorikerin und Ärztin zeigt darin auf, dass auch im westeuropäischen Raum das Entfernen von Schamlippen, der Klitoris und Gebärmutter lange Zeit unter Ärzten als anerkannte "Heilmethode" diskutiert und praktiziert wurde. Masturbation, Nymphomanie, lesbische Neigungen oder psychische Störungen sollten durch diese Eingriffe "geheilt" werden. Dass sich diese Praktiken letztlich nicht durchsetzten, lag an der in Europa verbreiteten Sicht, dass Frauen nicht schwanger würden, wenn sie keinen Orgasmus erleben könnten. So hätte man ja die Mutterschaft einer Frau verhindert. Auch die Kirche, die eher "geistige" Ursachen des "übermäßigen" Geschlechtstriebs sah, wollte lieber mit Zügelung, Diäten oder anderen Disziplinierungsmaßnahmen gegen das "Übel" Sexualität vorgehen. Die Argumente für Beschneidungen damals und heute sind ähnliche: Den Frauen wurde das Recht auf eine selbstbestimmte Sexualität abgesprochen.

Doch auch abseits der Genitalverstümmelungen war der weibliche Körper immer wieder grausamen Eingriffen ausgesetzt, vor allem im Sinne der Schönheit. In China galt viele Jahrhunderte hindurch der so genannte Lotusfuß als Schönheitsideal. Die Prozedur der Verkrüppelung wurde im Kindesalter begonnen. Die Fußknochen wurden gebrochen, das Gewebe entzündete sich, verfaulte, starb teilweise ab.

Im europäischen Raum war lange das Korsett Inbegriff von Anmut und Eleganz. Durch das Schnüren wurden die inneren Organe extrem zusammengedrückt.

Doch geschnitten, geformt, verändert wird der weibliche Körper auch heute. Schönheitsoperationen boomen, immer öfter werden auch die äußeren Genitalen verändert. Gewiss, geschnitten wird unter Anästhesie und unter klinischen Bedingungen - im Unterschied zu vielen Beschneidungen afrikanischer Frauen; aber auch hier werden Schnitte und Schmerzen ertragen, um einem angeblichen Schönheitsideal zu entsprechen. Die US-Amerikanerin Hanny Lightfoot-Klein sieht in ihrem Buch Der Beschneidungsskandal das Beschneiden als globales Phänomen und weist beispielsweise auf die Beschneidung männlicher Neugeborenen hin oder auf Eingriffe bei Säuglingen, deren Geschlechtsorgane als uneindeutig eingestuft würden.

Es sei legitim, dass afrikanische Frauen den westlichen Geschlechtskolleginnen vorwerfen, wir würden uns ja auch verstümmeln lassen, wir würden auch Dinge tun, die für sie absolut unverständlich seien, beispielsweise, unsere alten Menschen ins Altersheim abschieben, sagt Marion Hulverscheidt von der Universität Heidelberg. Das dürfe aber nichts daran ändern, dass man dennoch die Beschneidung kritisiere. Das führe zu keiner Relativierung des Problems. Hulverscheidt plädiert für eine "unaufgeregtere" Zugangsweise. Sie versuche die Frauen nicht zu überzeugen, sondern sie zu bestärken, selber nachzudenken , mit anderen Betroffenen zu sprechen und selber zu handeln.

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