Intersexualität - Pixabay/John Hain

Intersexualität: "Ich habe meinen Körper abgrundtief gehasst"

Bub oder Mädchen? Bei 20 bis 25 österreichischen Neugeborenen jährlich ist eine Antwort schwierig. Sie sind "intersexuell" - und fühlen sich oft lebenslang zwischen allen Stühlen.

Ich wurde zweimal geboren: zuerst, als kleines Mädchen, an einem bemerkenswert smogfreien Januartag 1960 in Detroit und dann, als halbwüchsiger Junge, in einer Notfallambulanz in der Nähe von Petoskey, Michigan, im August 1974."

Mit diesen Worten beginnt Jeffrey Eugenides' Erfolgsroman "Middlesex", jene opulente Geschichte der Calliope Helen Stephanides, die als Enkelin eines griechischen Geschwister(!)paares zur Welt kam und erst mit 14 Jahren - "von Mitschülerinnen gehänselt, von Ärzten als Versuchskaninchen benutzt, von Spezialisten abgetastet und von wissenschaftlichen Institutionen erforscht" - zu ihrer eigentlichen, männlichen Bestimmung fand. "Ich bin kein Mädchen. Ich bin ein Junge", schreibt Cal seinen Eltern. "Das habe ich heute herausgefunden."

(V)erklärender Begriff

Geschlechtliche Irritationen wie jene der Romanfigur Cal(liope) sind selten - und kommen doch regelmäßig vor: Bei immerhin 20 bis 25 der rund 80.000 Neugeborenen in Österreich ist es unmöglich, eine eindeutige geschlechtliche Zuordnung zu treffen. Lange Zeit wurden Menschen mit diesem Körperphänomen als "Zwitter" oder "Hermaphroditen" bezeichnet - angelehnt an den androgynen Gott Hermaphroditos (das Kind von Hermes und Aphrodite) in der griechischen Mythologie. Mittlerweile hat man sich freilich von diesem Begriff, der mehr verklärt als erklärt, verabschiedet und spricht eher von "Intersexualität".

Bub oder Mädchen? Bei 20 bis 25 österreichischen Neugeborenen jährlich ist eine Antwort schwierig. Sie sind "intersexuell" - und fühlen sich oft lebenslang zwischen allen Stühlen.

Ich wurde zweimal geboren: zuerst, als kleines Mädchen, an einem bemerkenswert smogfreien Januartag 1960 in Detroit und dann, als halbwüchsiger Junge, in einer Notfallambulanz in der Nähe von Petoskey, Michigan, im August 1974."

Mit diesen Worten beginnt Jeffrey Eugenides' Erfolgsroman "Middlesex", jene opulente Geschichte der Calliope Helen Stephanides, die als Enkelin eines griechischen Geschwister(!)paares zur Welt kam und erst mit 14 Jahren - "von Mitschülerinnen gehänselt, von Ärzten als Versuchskaninchen benutzt, von Spezialisten abgetastet und von wissenschaftlichen Institutionen erforscht" - zu ihrer eigentlichen, männlichen Bestimmung fand. "Ich bin kein Mädchen. Ich bin ein Junge", schreibt Cal seinen Eltern. "Das habe ich heute herausgefunden."

(V)erklärender Begriff

Geschlechtliche Irritationen wie jene der Romanfigur Cal(liope) sind selten - und kommen doch regelmäßig vor: Bei immerhin 20 bis 25 der rund 80.000 Neugeborenen in Österreich ist es unmöglich, eine eindeutige geschlechtliche Zuordnung zu treffen. Lange Zeit wurden Menschen mit diesem Körperphänomen als "Zwitter" oder "Hermaphroditen" bezeichnet - angelehnt an den androgynen Gott Hermaphroditos (das Kind von Hermes und Aphrodite) in der griechischen Mythologie. Mittlerweile hat man sich freilich von diesem Begriff, der mehr verklärt als erklärt, verabschiedet und spricht eher von "Intersexualität".

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Intersexuell sind Menschen, die zwar ein klar definiertes, chromosomales Geschlecht aufweisen (etwa weiblich durch das Chromosomenpaar xx oder männlich durch xy), deren äußere Geschlechtsmerkmale aber bei der Geburt nicht entsprechend ausgebildet sind. Ein Beispiel dafür ist Erik Schinegger, dessen Lebensweg nun im Film "Erik(A)" nachgezeichnet wird.

"Von der Intersexualität klar zu trennen ist Transsexualität", stellt Christian Radmayr, Leiter der Abteilung für Kinderurologie der Medizinischen Universität Innsbruck, klar. "Transsexuelle sind biologisch gesehen eindeutig männlichen oder weiblichen Geschlechts, sie haben aber eine andere Geschlechtsidentität." Viele ließen sich deshalb umoperieren.

Grundsätzlich tragen alle Föten in den ersten sechs Wochen die Anlagen für beide Geschlechter in sich. Erst danach reifen entweder Eierstöcke oder Hoden, die wiederum geschlechtsspezifische Hormone bilden und so die Entwicklung zum Mädchen oder Buben steuern. Die Störungen, die diesen "normalen" Ablauf beeinträchtigen und zur "Intersexualität" führen können, sind zahlreich: Die häufigste Form, das Adreno-Genitale Syndrom (ags), ist auf eine Störung der Nebennierenrindenfunktion zurückzuführen. Hier kommt es zu einer Überproduktion männlicher Sexualhormone. Bei Buben bleibt das ohne Folgen. Bei weiblichen Föten kann sich freilich eine vergrößerte Klitoris entwickeln, die einem Penis ähnelt. "Das kann man chirurgisch korrigieren. Der Enzymdefekt muss aber ein Leben lang behandelt werden", so Radmayr. Die Fertilität bleibt hier erhalten.

Genetisches Risiko

Anders beim Androgen-Insensitivitäts-Syndrom (ais), der häufigsten Form des so genannten "männlichen Pseudo-Hermaphroditismus": Hier kann das männliche Geschlechtshormon Testosteron nicht aufgenommen werden, das äußere Genitale entwickelt sich nicht vollständig und erscheint bei der Geburt eher weiblich.

Ähnlich ist das Erscheinungsbild beim 5-Alpha-Reduktase-Mangel. "Dieser Enzym-Defekt kommt in manchen Regionen der Welt sehr häufig vor - etwa in der Dominikanischen Republik, in Neu-Guinea oder im arabischen Raum", erklärt Radmayr.

Es gibt auch die Meinung, das Kind im Zweifelsfall vorerst keinem Geschlecht zuzuordnen

Franz Waldhauer, Kinderarzt

Tatsache ist, dass Fälle von Intersexualität in Gesellschaften oder Kulturen häufiger vorkommen, in denen Verwandtenehen geschlossen werden: "Hier werden bestimmte genetische Merkmale einfach leichter weitergetragen", sagt Olaf Hiort, Sprecher der klinischen Forschergruppe "Intersexualität" an der Medizinischen Universität Lübeck. Was auch immer die Ursache für die Störung ist: In jedem Fall sei eine umfassende Information und Beratung der Eltern notwendig, so Hiort: "Die Entscheidung, was geschehen soll, muss in Kooperation mit den Eltern und interdisziplinär angegangen werden. Schließlich müssen die Eltern ja ihr Kind annehmen."

Eine Herausforderung, die nicht leicht ist: "Für die Eltern ist es sehr schwierig, nicht sagen zu können: Wir haben einen Buben oder Mädchen", so die Psychotherapeutin Elisabeth Hasenauer, die an der Abteilung für pädiatrische Psychosomatik der Universitätsklinik Innsbruck tätig ist. "Wichtig ist, dass die Eltern nicht im Schock entscheiden, sondern einen zeitlichen Spielraum bekommen."

Ein drittes Geschlecht?

Tatsächlich war es früher Konsens, so bald als möglich eine chirurgische "Anpassung" vorzunehmen, also etwa eine Vagina zu formen oder aber die vergrößerte Klitoris zu entfernen - was von manchen Betroffenen als "Genitalverstümmelung" empfunden wurde. Inzwischen gibt es unterschiedlichste Ansätze: "Es gibt auch die Meinung, das Kind im Zweifelsfall vorerst keinem Geschlecht zuzuordnen", berichtet Franz Waldhauser, Kinderarzt am Wiener akh und Initiator einer interdisziplinären, interfakultären Arbeitsgruppe zum Thema "Intersexualität". "Aber ob das wirklich gut ist, kann man noch nicht sagen."

Tatsache ist, dass die Einführung eines "dritten Geschlechts" oder eine Geschlechtszuweisung "intersexuell", wie das von einzelnen Selbsthilfegruppen gefordert wird, nach geltendem Recht nicht möglich ist. "Die Zweigeschlechtlichkeit ist durchgängig im österreichischen Recht fixiert. Das beginnt schon damit, dass man einem Kind nur einen dem Geschlecht entsprechenden Namen geben darf", erläutert Elisabeth Holzleithner vom Institut für Rechtsphilosophie der Universität Wien. Freilich wäre es möglich, ein Geschlecht provisorisch zuzuweisen. "Schließlich gibt es ja auch die Möglichkeit einer Geschlechtsänderung."

Schmerzhafte "Korrektur"

Eine Möglichkeit, mit der Alex Jürgen schmerzhafte Erfahrungen gemacht hat: Der heute 28-jährige Wiener litt - wie Cal(liope) - an einem 5-Alpha-Reduktase-Mangel. Anders als bei der Romanfigur entschieden sich Eltern und Ärzte jedoch, das Kind - trotz eines verkleinerten Penis und der Hoden in den Leisten - als Bub anzusehen und "Jürgen" zu nennen. "Erst im Alter von zwei Jahren haben die Ärzte zu meinen Eltern gemeint, sie sollten mich besser als Mädchen erziehen." Fortan heißt Jürgen "Alex". Die Umwandlung ins weibliche Geschlecht wird zur Tortur: Mit sechs Jahren wird Alex der Penis entfernt, mit zehn Jahren die Hoden, ab 14 Jahren muss er weibliche Hormone schlucken, mit 15 Jahren wird ihm eine Vagina geformt. "Sie haben gemeint, erst dann sei ich ganz normal." Eine Illusion, wie Alex Jürgen heute - einige Selbstmordversuche später - weiß: "Ich habe meinen Körper abgrundtief gehasst."

Selbsthilfe

Infos zur geplanten Selbsthilfegruppe in Wien unter www.intersex.at
Kontakt zu einer in Salzburg geplanten Selbsthilfegruppe unter selbsthilfe@salzburg.co.at

Die Lektüre des Buches "Middlesex" wird für ihn zum Schlüsselerlebnis: "Das hat mich dazu veranlasst, dass ich ein Mann sein wollte." Er lässt sich die weibliche Brust entfernen und beginnt mit der Einnahme von Testosteron. Nun will er auch anderen Betroffenen helfen und das Tabuthema "Intersexualität" verstärkt in die Öffentlichkeit bringen: mit dem Aufbau einer Selbsthilfegruppe, mit der Forderung nach höheren Krankenkassenzahlungen für die lebensnotwendige Psychotherapie - und mit der Verfilmung seiner Geschichte, die 2006 unter dem Titel "Tintenfischalarm" in die heimischen Kinos kommt.

In einer Beziehung zu einer Frau oder einem Mann lebt er momentan nicht, erzählt Alex Jürgen. "Ich habe derzeit genügend Arbeit damit, mich selbst zu finden."

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