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Zeitgeist und Heiliger Geist

Spiritualität ist der Leitbegriff postmoderner Religiosität. Beobachtet man die bunte religiöse Landschaft der Gegenwart, insbesondere in den urbanen Zentren, dann muss man die Post- oder Spätmoderne als Zeitalter des Geistes bezeichnen.

Aber welcher Geist ist der Herr dieses Zeitalters? Der Geist des Wassermanns, der große Geist der Hopi-Indianer, das Tao der Physik - oder der Heilige Geist des jüdischen und christlichen Gottes?

Erleben wir in der neuen Religiosität die Wiederkehr des Heiligen Geistes oder seine Verdrängung? Viele werden die Alternative gar nicht verstehen. Doch sollten wir uns daran erinnern, dass schon im Alten wie im Neuen Testament der Geist Gottes von anderen Geistern unterschieden und zur Unterscheidung der Geister aufgerufen wird.

Ja, die Fähigkeit zwischen Geist und Ungeist zu unterscheiden, gilt in der Bibel überhaupt als ausgezeichnete Weise der Geistes-Gegenwart. Die Alternative zwischen Geist und Geist, besser: zwischen Geist und Ungeist ist so scharf wie die zwischen Leben und Tod. Überhaupt ist Religion nicht eindeutig lebensfördernd und -bewahrend, sondern ein ambivalentes Phänomen, das dem Leben dienen, aber auch destruktive Potentiale in sich bergen kann.

Wir brauchen nicht nur an heutige Beispiele destruktiver Kulte zu denken, an Satanismus und militante Endzeitsekten, sondern sollten auch die psychischen Deformationen, welche mit der Religion verbunden sein oder von ihr ausgehen können - und zwar innerhalb wie außerhalb der christlichen Kirchen! - im Auge behalten.

Theologie und Kirche sind gut beraten, der neuen Religiosität mit offenen Augen und Ohren, gleichwohl aber kritisch zu begegnen.

Es mag schon sein, dass der Heilige Geist auch außerhalb der Kirchenmauern weht, doch fallen religiöser Zeitgeist und Heiliger Geist nicht einfach zusammen.

Ulrich H. J. Körtner ist Professor für Systematische Theologie H.B. an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien.

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