„Die Bio-Logik der Zehn Gebote“

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Inwiefern bietet religiöses Verhalten einen evolutionären Vorteil? Antworten darauf sucht Dr. Michael Blume, Vertreter einer relativ jungen Disziplin: der evolutionären Religionswissenschaft.

Die Furche: Herr Blume, Sie analysieren Religion(en) unter dem Blickwinkel der Evolutionstheorie. Wie geht das?

Michael Blume: Religiöses Verhalten ist Teil der Natur des Menschen und hat sich im Laufe der Evolution entwickelt. Darwin selbst hatte diesbezüglich einige Vermutungen angestellt. In den darauffolgenden Polemiken zwischen Darwin-Anhängern und Religionsvertretern ging diese Frage aber völlig unter. Erst in den letzten Jahren ist das Thema von der Wissenschaft wieder entdeckt worden.

Die Furche: Manche suchen heute nach Gott in den Genen …

Blume: Falsch wäre es, daraus einen Beweis für oder gegen Gott ableiten zu wollen. Denn Gott lässt sich nicht wissenschaftlich nachweisen. Trotzdem können solche und ähnliche Studien spannende Ergebnisse bringen. Mich etwa interessiert der bio-kulturelle Sinn von religiösem Verhalten. Und da lässt sich global und quer durch alle Weltreligionen feststellen, dass religiöse Menschen stabilere Familien mit mehr Kindern formen als Menschen der gleichen Bildungs- und Einkommensschicht, die nicht gläubig sind.

Die Furche: Das ist ein direkter biologischer Vorteil. Gibt es andere?

Blume: Die Zehn Gebote etwa sind so erfolgreich, weil sie die Gemeinschaft eng zusammenschweißen und Trittbrettfahrer abschrecken. Ich spreche deshalb gerne von der Bio-Logik der Zehn Gebote.

Die Furche: Können Sie das an einem Gebot beispielhaft erklären?

Blume: Ganz strikt heißt es: Du sollst nur einen Gott anbeten. Da sagen viele säkulare Kritiker: Das ist ein Ausweis von Intoleranz. Dabei hat dieses Gebot – das nur einen Gott und ein Regelwerk gelten lässt – ein höheres Vertrauen geschaffen. Der Zusammenhalt im frühen Judentum und Christentum war deshalb viel besser als jener zwischen Menschen mit einer polytheistischen Überzeugung.

Die Furche: Stichwort: Klare Regeln. Es gibt ja bereits Gesetze, wozu also noch religiöse Gebote?

Blume: Nehmen Sie zum Beispiel die Ehe. Wenn beide Ehepartner zusätzlich überzeugt sind, dass ihr Lebenswandel von Gott beobachtet wird, dann wird das Bündnis eher halten. Das wusste übrigens bereits Goethe: Gretchen fragt Faust bekanntlich nicht, ob er genug Geld verdient, sondern wie er es mit der Religion hält – eine kluge Frage.

Die Furche: Durch Regeln gewinnen Religionen an Profil. Sind sie auch erfolgreicher, wenn sie gegenüber Andersgläubigen aggressiver auftreten, sich abgrenzen?

Blume: Der Zusammenhang ist nicht zwangsläufig. Das orthodoxe Judentum etwa glaubt, dass auch Andersgläubige ins Paradies kommen können. Die Gefahr der Intoleranz ist dennoch real. Wie real, das sollten empirische Forschungsarbeiten demnächst zeigen.

Die Furche: Wie reagieren denn religiöse Menschen auf die bisherigen Ergebnisse?

Blume: Viele sind sehr offen. Erstaunlicherweise kommt einige Kritik von Atheisten, die sich stets auf die Wissenschaft berufen haben, um Religion madig zu machen. Denen passen gewisse Befunde nicht. Allgemein wünsche ich mir, dass die Ergebnisse vorurteilsfrei betrachtet werden – auch zukünftige.

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