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Im Krieg verfolgt, im Frieden vergessen

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Der Singhalesische Präsident Sirisena hatte versprochen, die Wunden des jahrzehntelangen Bürgerkrieges auf Sri Lanka zu heilen. Doch der Weg dorthin führt auch über die juristische Aufarbeitung von Kriegsverbrechen und die Suche nach verschleppten Zivilisten.

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Der Singhalesische Präsident Sirisena hatte versprochen, die Wunden des jahrzehntelangen Bürgerkrieges auf Sri Lanka zu heilen. Doch der Weg dorthin führt auch über die juristische Aufarbeitung von Kriegsverbrechen und die Suche nach verschleppten Zivilisten.

Für viele Menschen war es eine mittlere Sensation, nicht nur im asiatischen Raum selbst: Vor knapp zwei Jahren am 8. Jänner 2015, entschied sich die Bevölkerung Sri Lankas in einer friedlichen und freien Abstimmung gegen eine Wiederwahl des langjährig autokratisch regierenden Machthabers Mahinda Rajapaksa. Inmitten eines blutigen, damals bereits seit 22 Jahren andauernden, Bürgerkriegs wurde Rajapaksa 2005 als Präsident Sri Lankas vereidigt und galt vielen Singhalesen lange Zeit als Held. Zwischen 1983 und 2009 wütete vor allem im Norden der Insel ein nicht enden wollender militärischer Konflikt zwischen singhalesischen Regierungstruppen und den Paramilitärs der LTTE ("Liberation Tigers of Tamil Eelam", Eelam ist die tamilische Bezeichnung für Sri Lanka), die für eine Unabhängigkeit der mehrheitlich von Tamilen bewohnten Gebiete kämpften. Rajapaksa hatte in einer blutigen Offensive 2009 die LTTE endgültig besiegt und deren gesamte Führungsriege ausgelöscht.

Doch in diesen finalen Tagen des Krieges sollen sich auf beiden Seiten zahlreiche Kriegsverbrechen ereignet haben. Die Vereinten Nationen schätzen, dass in der Schlussphase knapp 40.000 tamilische Zivilisten ihr Leben lassen mussten.

Bewaffnete überall

"Vor Kurzem war hier noch überall bewaffnetes Militär", erklärt Balraj, ein 67-jähriger grauhaariger Tamile mit dem charakteristischen Tika, dem hinduistischen Segnungszeichen auf der Stirn. Balraj blickt sich um, er will sich vergewissern, dass keine ungebetenen Gäste mit anhören, was er zu sagen hat. Auch nach Kriegsende war von Versöhnung keine Rede.

Die singhalesische Regierung wollte kein Risiko eingehen und ließ den brüchigen Frieden nach 2009 im krisengeschüttelten Norden von einer Heerschar an Soldaten sichern. Doch für viele Tamilen entpuppten sich die "Beschützer" vor allem als Menschenrechtsverletzer. Die Nichtregierungsorganisation Human Rights Watch (HRW) warf Polizei und Armee immer wieder politisch motivierte Folter, Misshandlungen und die Ausübung sexueller Gewalt an tamilischen Zivilisten vor.

Immer wieder machte Rajapaksa gegen die tamilische Bevölkerung im Norden vor allem verbal mobil. All jenen, die in den finalen Kriegstagen Verbrechen an der Zivilbevölkerung begangen hatten, versprach er Straffreiheit. Im Jänner vor zwei Jahren kam es dann zu einer völlig überraschenden Wende: Der autokratisch regierende Präsident wollte, nachdem er die Verfassung zu seinen Gunsten ändern ließ, bei vorgezogenen Neuwahlen zum dritten Mal Präsident des Landes werden. Seine Wiederwahl galt als unbestritten.

Doch dann wendet sich einer seiner engsten Vertrauten, der ehemalige Gesundheitsminister Maithripala Sirisena, gegen ihn und kandidierte selbst als Präsident. Bereits im ersten Wahldurchgang konnte er das Präsidentenamt für sich entscheiden. Viele Singhalesen wandten sich von Rajapakse aufgrund dessen offensichtlich korrupter Politik ab. Seinen Wahlerfolg verdankte Sirisena jedoch vor allem den Stimmen der muslimischen und tamilischen Minderheiten im Land, die knapp ein Viertel der Bevölkerung ausmachen.

Die Erwartungshaltung der Menschen nach dem Wahlsieg Sirisenas an die neue Regierung war enorm. Vor allem auf der berüchtigten Halbinsel Jaffna am nördlichen Ende Sri Lankas, blieben die Bewohner jedoch skeptisch. "Auch heute sind die Ressentiments der singhalesischen Mehrheit gegenüber der Minderheit der Tamilen im Rest des Landes noch sehr groß", berichtet Balraj. Die LTTE hatte die Menschen als Schutzschilde missbraucht, die singhalesische Armee wiederum nicht gezögert, zehntausende zivile Opfer in Kauf zu nehmen. Balraj lebte zu dieser Zeit in Colombo, davor war er als Flüchtling in Deutschland. Viele seiner Verwandten blieben im Norden des Landes. "Viele aus meiner Familie sind bis heute vermisst, wahrscheinlich sind sie alle tot", erzählt der Mann mit enttäuschter Miene. Tatsächlich konnte das Schicksal Zehntausender bis heute nicht restlos geklärt werden.

Viele Versprechungen

Präsident Sirisena versprach daher zuletzt, dass der Verbleib aller Vermissten untersucht werden soll. Ein sehr optimistischer Ansatz des neuen Machthabers, ist sich auch Balraj sicher. "Sirisena hat vor zwei Jahren nicht deshalb gewonnen, weil wir ihm so sehr mehr vertrauten als Rajapakse." Vielmehr war es für viele Bürger des Landes wichtig, den Autokraten endlich loszuwerden.

Bei vielen Singhalesen war nach dem Regimewechsel und den Ankündigungen Sirisenas, sich für mehr Meinungsfreiheit und soziale Gerechtigkeit einzusetzen, eine klare Aufbruchsstimmung spürbar und tatsächlich hat der Optimismus auch internationale Diplomaten angesteckt.

Im April diesen Jahres bescheinigte Samantha Power, U.S. Botschafterin bei den Vereinten Nationen (UN), der Regierung Sirisenas einen "außerordentlichen Fortschritt hinsichtlich der Schaffung eines dauerhaften Friedens, eine verantwortliche Demokratie, eine neue Beziehung zur Außenwelt und erweiterte Chancen für alle". Doch es sind nicht die Vereinten Nationen, die überzeugt werden müssen. Viel eher gilt es, sich nach zwei Jahren Amtszeit um die immer noch verängstigte tamilische Bevölkerung zu kümmern.

Nach dem Ende des Krieges ließ Rajapakse überall auf der Halbinsel Jaffna prunkvolle Kriegsdenkmäler errichten, um den Tamilen ständig vor Augen zu halten, wer den Krieg gewonnen hat. Dazu kamen die Präsenz tausender Soldaten, Straßensperren und willkürliche Verhaftungen. "Das Geld hätte jedoch auch dafür genutzt werden können, um die zerstörten Häuser und Straßen wieder aufzubauen", ist Balraj der Meinung und verweist auf die vielen unzähligen zerstörten Häuser und Straßen, auf die Touristen und Diplomaten nur selten treffen. In der Gegend um Mullaitivu sind die Narben des Krieges noch am offensichtlichsten. Entlang der Straßen reihen sich zerstörte Häuser neben verminten Grundstücken. In der finalen Kriegsphase hatte die LTTE Unmengen an Anti-Personenminen gelegt, um ihr letztes Rückzugsgebiet gegen die herannahenden Regierungstruppen zu verteidigen. Die meisten der Minen waren noch da, als die ersten Vertriebenen wieder in ihre Häuser nahe Mullaitivu und Kilinochchi zurückkehrten.

Die NGO "The Halo Trust" rechnet damit, dass es noch bis 2020 dauern wird, bis die letzte Landmine in dem ehemaligen Kriegsgebiet zerstört werden konnte. "Es ist wichtig, dass Sirisena seine Versprechungen wahr macht und nach unseren Toten sucht", beklagt der Tamile die Situation. Noch immer gibt es Gerüchte in der Bevölkerung, dass es geheime Internierungslager gibt, in denen die tausenden Männer, Väter und Söhne der Trauernden versteckt sein sollen.

"Das ist natürlich Unfug, aber wenn die Toten noch nicht gefunden wurden, ist es der letzte verzweifelte Strohhalm, an den sich die Hinterbliebenen klammern können". Bis es soweit ist und der Verbleib aller Toten auf den Schlachtfeldern der finalen Offensive und das Schicksal der Zwangsverschleppten Tamilen geklärt werden kann, hat die Sirisena Administration auch auf anderen Gebieten noch alle Hände voll zu tun. Mittlerweile wurde begonnen, das korrupte Justizsystem zu reformieren und dubiose Infrastrukturverträge mit chinesischen Unternehmen aufzulösen. Harsha de Silva, Außenminister Sri Lankas, stellte jüngst mit klarem Verweis auf die Regierung Rajapaksa klar: "Wir wollen, dass die Welt weiß, dass wir anders sind".

Dass diese Politik auch auf den Umgang mit der tamilischen Bevölkerung des Landes zutreffen soll, stößt im Norden immer noch auf große Skepsis.

Erst im Juni bekräftige Sirisena sein Versprechen, den Verbleib der Kriegsvermissten zu untersuchen und allen Hinterbliebenen offizielle Papiere auszuhändigen, damit so erstmals finanzielle Ansprüche für Witwen und Waisen geltend gemacht werden können. Insgesamt 65.000 Menschen wurden als offiziell vermisst eingestuft. "Die Wunden des Krieges heilen nur langsam", ist sich Balraj sicher. Er hofft, so wie die meisten Menschen in dem südasiatischen Land, dass irgendwann auch die letzten Geister des jahrzehntelangen Bürgerkriegs verschwunden sein werden.

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