6942394-1983_32_07.jpg

Sri Lanka: Ein Paradies wurde, Asiens Nordirland

Seit Jahrhunderten liegen sich die Singhalesen und Tamilen im heutigen Sri Lanka (früher: Ceylon) in den Haaren. Früher waren sie etwa gleichstarke Königsreiche, später wollten die Briten die beiden Völker vereinen, gaben aber den anpassungsfähigeren Tamilen in der Verwaltung den Vorzug. Zudem verstärkten sie ihre Gruppe mit dem Zuzug von südindischen Tamilen als Arbeiter in den englischen Teeplantagen.

Nach Ceylons Unabhängigkeit 1948 übernahmen wieder die Singhalesen, die 80 Prozent der Inselbewohner stellen, die Macht. Seither sind die Rassenauseinandersetzungen an der Tagesordnung. Doch so sehr die früheren Regierungen unter der Familie Bandaranaike dem Land ihren Stempel aufdrückten, dem Buddhismus und der singhalesischen Sprache Alleinvertretungsanspruch verschafften und die Tamilen und ihren Hinduismus schlicht übergingen, ausschlaggebend für die heutige Lage ist die wirtschaftliche Dominanz Colombos: Die Tamilen blieben Handwerker und Kleinbauern, die Singhalesen etablierten sich im großen Geschäft, dominieren den Tourismus. Zwischen den Regionen, vor allem zwischen Norden und Süden, Jaffna und Colombo, klafft eine wirtschaftliche Lücke. Diese hat, trotz allen Gesprächsangeboten von Präsident Jayewardene, neue Provokationen für die tamilischen Extremisten geschaffen, auf die Colombo mit bloßer Härte reagierte. Nord-Sri Lanka ist so zum asiatischen „Nordirland“ geworden.

Bereits seit Anfang Mai hatten die Rassenunruhen zwischen der tamilischen Bevölkerungsminderheit und den dominierenden Singhalesen zu immer brutaleren Gewaltakten geführt. Auf die Terror-Anschläge der Tamilen-Guerilla antworteten die von Colombo entsandten Armee-Truppen mit willkürlichen Razzien, Verhaftungen und Folterungen. Die „Anti-Terror-Verordnung“ von 1982 gibt den Sicherheitskräften weitgehend freie Hand. Doch auch die radikalen tamilischen Separatisten, die einen unabhängigen Staat „Eelam“ fordern, werden zusehends militanter. Mit diesem Aufflammen von Attacken und Gegenattacken im nordsrilankischen Jaffna sind die gemäßigten Kräfte, die den Bruderzwist auf der südasiatischen Touristeninsel beilegen wollen, praktisch lahmgelegt.

Auseinandersetzungen zwischen ethnischen Gruppen

In einem letzten Versuch, die Situation zu retten, hatte Präsident Jayewardene, Vertreter der herrschenden Singhalesen, die Oppositionsparteien inklusive die „Tamilische Befreiungsfront“ zu einem dringenden Gespräch am Runden Tisch eingeladen. Doch weder die Freiheitspartei unter Führung der früheren Premierministerin Bandaranaike, noch die Kommunisten, noch die immer spärlicher werdenden gemäßigten Tamilen konnten das Diskussions-Thema, „Kampf dem Terror in Nord-Sri-Lanka“, akzeptieren. Für sie gibt es nur einen Ausweg aus dem Rassenstreit: dem Problem mit einer Gesamtlösung zu begegnen, den Tamilen ihre Identität, ihr Recht auf Kultur, Sprache und Religion vollumfänglich zurückzugeben und mit politischen Konzessionen dem extremen Separatismus den Boden zu entziehen.

Indessen zeigt sich der Hintergrund der blutigen Unruhen der letzten Wochen auch in einem anderen Licht, nachdem die Regierung unter dem stark westlich orientierten Jayewardene die drei Linksparteien — die Kommunisten, die Volksbefreiungsfront und die neuen Sozialisten, die früheren Trotzkisten — offiziell verboten hat. Gleichzeitig sollen auch alle separatistischen Kräfte im Land, darunter die „Vereinte tamilische Befreiungsfront“, mit einem Bann belegt werden.

Offenbar glauben die Politiker in Colombo plötzlich nicht mehr nur an ein Aufflackern der ethnischen Spannungen zwischen den Bevölkerungsgruppen Singhalesen und Tamilen. Auch der Hinweis der Regierung, „ausländische Elemente“ hätten diesmal die Hand mit im Spiel, lassen an den Befürchtungen Jayewardenes, es sei ein kommunistisches Komplott gegen ihn im Gang, keinen Zweifel mehr. Wenn die srilankische Regierung selbst von einem „ausländischen Komplott“ spricht, damit sozialistische Staaten meint und vielleicht auch Indien der Teilnahme verdächtigt, so hat diese Annahme zumindest ihre Vorgeschichte.

Präsident Jayewardene hat seit seinem Amtsantritt 1977 nicht bloß den großen Schritt vom Sozialismus seiner Vorgängerin Bandaranaike hin zur totalen Liberalisierung der Wirtschaft getan, sondern sich auch sonst dem Westen gegenüber, vor allem den USA, freundschaftlich gezeigt. Indien, dessen Blockfreiheit eher Moskau-freundliche Schattierungen aufweist, war dies seit langem ein Dorn im Auge. Jayewardenes neuestes Abkommen mit Washington garantiert der Reagan-Administration einen Stützpunkt für die amerikanische Marine an der srilankischen Ostküste. So ist es nicht ganz aus der Luft gegriffen, zu spekulieren, ein linker Widerstand gegen dieses Vorhaben habe sich mit der gemäßigten Opposition, die vor allem Jayewardenes kapitalistischen Kurs bekämpft, zusammengefunden.

Viele Gerüchte um das Geschehen in Sri Lanka

Ob aus diesem Oppositionellentreffen tatsächlich der Versuch resultierte, die Herrscher von Colombo zu stürzen, und ob der Überfall auf eine Armeepatrouille in Jaffna, der vor zwei Wochen die jetzigen Unruhen auslöste, eine gezielte Provokation war, muß allerdings erst bewiesen sein. Sicher ist nur, daß Jayewardene im Moment vollauf damit zu tun hat, alle unruhigen Elemente im Land unter Kontrolle zu bringen, um nicht doch das Opfer der eigenen Ohnmacht zu werden.

Während so die Spekulationen der politischen Beobachter auf Sri Lanka und in der Region über die Hintergründe des Geschehens farbige Blüten treiben, bleiben die eigentlichen Unruhen weitgehend unüberblickbar. Die Einreise von Medienleuten ist durch die Streichung der regelmäßigen Flüge aus Indien erschwert, andererseits zwingt die Ausgangssperre in Colombo und Umgebung Radio- und Agenturberichterstatter, sich mit der Gerüchtebörse in ihren Hotelhallen zu begnügen. Die Zensur der einheimischen Presse ist komplett.

So bleibt das Ausland weitgehend auf die Erzählungen der ausreisenden Touristen angewiesen, von denen jeder Dramatischeres zu berichten weiß. Doch weder die Berichte, zehn junge Tamilen seien von einer wütenden singhalesischen Menge auf Eisenbahnschienen gelegt und angezündet worden, noch die Meldung, ein mit Tamilen vollgestopfter Bus sei vollständig ausgebrannt, sind hundertprozentig bestätigt. Andere Augenzeugen sprechen von Massenhinrichtungen in den Gefängnissen von Colombo. Und aus Jaffna, der Tamilenhochburg im Norden der Insel, weiß eine australische Quelle gar zu erzählen, Panzereinheiten hätten 3.000 Jugendliche Tamilen niedergemäht. Eher bewiesen ist der Amoklauf von srilankischen Marinesoldaten im nordöstlichen Trincomalee.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau