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Film

Kindheits-Tableau für GROSSE SÄLE

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Längst hat Netflix auch das Filmgeschäft aufgemischt. Mittlerweile ist der Streaming-Gigant aber drauf und dran, die hehre Cineastik zu untergraben, sprich: Das Unternehmen produziert auch künstlerisch hochstehende Filme, lässt sich damit in Kinosälen aber nicht blicken.

Jene im Filmbusiness, die die reine Lehre bewahren, mögen standhaft bleiben; sie könnten dennoch das Nachsehen haben. Jedenfalls konnte Alfonso Cuarón mit seinem persönlichsten Werk "Roma" nicht nach Cannes kommen, denn dort dürfen nur Filme laufen, die auch ins Kino kommen. Also ging Netflix nach Venedig, wo man weniger zimperlich ist: Und dort holte sich Cuarón heuer den Goldenen Löwen ab.

Unverständlich, dass Netflix nach diesem Erfolg weiter die Kinodistribution scheute, obwohl, wie man etwa bei der Viennale sehen konnte, "Roma" unbedingt in große Säle gehört und nicht auf die Bildschirme von Smartphones oder Tablets. Das Gartenbaukino etwa ist für "Roma" gut genug, und dass der Film nun eine gute Woche in ausgewählten Kinos (in Wien: Votivkino, Burgkino und Gasometer) läuft, muss man da schon als Erfolg verbuchen. Man kann nur empfehlen, diese Woche zu nutzen, denn "Roma" ist tatsächlich Filmkunst auf höchstem Niveau.

Cuaróns vorheriger Film "Gravity" errang 2014 den Regie-Oscar und noch sechs weitere der begehrten Academy Awards. Wer damals meinte, der mexikanische Filmer würde sich fortan Hollywood verschreiben, täuschte sich. Denn mit "Roma" kehrt Cuarón in seine Heimstadt Mexico City zurück und erzählt aus der Perspektive seiner Jugenderinnerungen vom Leben am Rande von Nervenzusammenbrüchen mitten in einer pulsierenden, aber auch gewaltverseuchten Stadt.

Denkmal für die gute Seele eines Haushalts

"Roma" ist der Name des Stadtviertels, das ein wenig verkommen, aber doch noch für die untere Upper Class gut ist. Dort leben der Arzt Señor Antonio (Fernando Grediaga) und seine Frau, Señora Teresa (Marina de Tavira), mit ihren Kindern und zwei Hausangestellten. Der einen davon, Cleo (Yalitza Aparicio), setzt "Roma" ein Denkmal. Der biedere Reichtum manifestiert sich auch an diesen Hausangestellten. Cuarón erzählt an dieser Cleo von den Brüchen, dem Schein, der nicht mehr zu wahren ist, und dem Zerbrechen einer Familie wie der Gesellschaft überhaupt.

Während Antonio und Teresa noch ein wenig heile Welt spielen, ist der Moder in ihrer Beziehung längst sichtbar. Schließlich verlässt das Familienoberhaupt die Seinen, weil er an einer Jüngeren mehr Gefallen findet als an seiner Angetrauten. Die hält jedenfalls den Kindern gegenüber allen Schein aufrecht, Papa ist auf Auslandsreise, von der er den Kleinen herzige Briefe schreibt. Die Wirklichkeit ist natürlich viel prosaischer, als den Kindern gegenüber zugegeben wird, und es wird auch der Zeitpunkt kommen, wo die Fassade in sich zusammenbröckelt.

Aber auch Cleo, die treue und konstante Seele in dieser scheidenden Welt, bleibt von deren Unbilden nicht verschont. Sie lässt sich auf einen fahrenden Arbeiter ein, doch die Begegnung bleibt flüchtig, und die untrügliche Erinnerung daran (sprich: Schwangerschaft) wird Cleo aufgehalst, der Vater in spe lässt sich verleugnen und sucht das Weite.

Auch das Mutterglück bleibt für Cleo bloß eine Zukunftshoffnung. Denn nicht nur die Familien zerbrechen, die jungen Leute der Stadt begehren gegen das militärisch abgesicherte Establishment auf, es kommt zu Schießereien und zu Straßenschlachten. Da kann schon die eine oder andere Kugel einen verirrten Weg einschlagen und ein kleines Glück im Nu zunichtemachen.

Ernstzunehmender Oscar-Kandidat

Es ist ein betörender und gleichzeitig deprimierender Kosmos, den Cuarón mit großer Liebe zum Detail und zur Langsamkeit der Kameraeinstellungen hier ausbreitet. Altväterische Anmutung erreicht der Regisseur auch, indem er den Film in Schwarz-Weiß gedreht hat, aber natürlich geht es nicht nur um Lokal-und Zeitkolorit, den er mit der verweigerten Farbgebung plastisch macht, sondern Schwarz-Weiß ist gleichzeitig auch ein künstlerisches Statement, das der Zuschauer nicht missen möchte.

Die Unerträglichkeit dieses Seins beschreibt Cuarón mit ausgeklügelter Detailliertheit: Als Familienvater Antonio mit seinem US-Schlitten von der Arbeit heimkommt, parkt er das unförmige Gefährt minutenlang in der zu kleinen Garage, und man muss ihm dabei zusehen, wie er das alles gerade noch schafft. Als später, nachdem Antonio die Seinen verlassen hat, Teresa das Gefährt einzustellen versucht, fährt sie es - auch in langen Einstellungen gezeigt - praktisch zu Schrott. Sprechender ist selten dargestellt worden, wie eine große Welt in einer kleinen einfach keinen Platz mehr hat.

"Roma" gilt als erster ernst zu nehmender Oscar-Kandidat aus dem Hause Netflix. Völlig zu Recht.

Längst hat Netflix auch das Filmgeschäft aufgemischt. Mittlerweile ist der Streaming-Gigant aber drauf und dran, die hehre Cineastik zu untergraben, sprich: Das Unternehmen produziert auch künstlerisch hochstehende Filme, lässt sich damit in Kinosälen aber nicht blicken.

Jene im Filmbusiness, die die reine Lehre bewahren, mögen standhaft bleiben; sie könnten dennoch das Nachsehen haben. Jedenfalls konnte Alfonso Cuarón mit seinem persönlichsten Werk "Roma" nicht nach Cannes kommen, denn dort dürfen nur Filme laufen, die auch ins Kino kommen. Also ging Netflix nach Venedig, wo man weniger zimperlich ist: Und dort holte sich Cuarón heuer den Goldenen Löwen ab.

Unverständlich, dass Netflix nach diesem Erfolg weiter die Kinodistribution scheute, obwohl, wie man etwa bei der Viennale sehen konnte, "Roma" unbedingt in große Säle gehört und nicht auf die Bildschirme von Smartphones oder Tablets. Das Gartenbaukino etwa ist für "Roma" gut genug, und dass der Film nun eine gute Woche in ausgewählten Kinos (in Wien: Votivkino, Burgkino und Gasometer) läuft, muss man da schon als Erfolg verbuchen. Man kann nur empfehlen, diese Woche zu nutzen, denn "Roma" ist tatsächlich Filmkunst auf höchstem Niveau.

Cuaróns vorheriger Film "Gravity" errang 2014 den Regie-Oscar und noch sechs weitere der begehrten Academy Awards. Wer damals meinte, der mexikanische Filmer würde sich fortan Hollywood verschreiben, täuschte sich. Denn mit "Roma" kehrt Cuarón in seine Heimstadt Mexico City zurück und erzählt aus der Perspektive seiner Jugenderinnerungen vom Leben am Rande von Nervenzusammenbrüchen mitten in einer pulsierenden, aber auch gewaltverseuchten Stadt.

Denkmal für die gute Seele eines Haushalts

"Roma" ist der Name des Stadtviertels, das ein wenig verkommen, aber doch noch für die untere Upper Class gut ist. Dort leben der Arzt Señor Antonio (Fernando Grediaga) und seine Frau, Señora Teresa (Marina de Tavira), mit ihren Kindern und zwei Hausangestellten. Der einen davon, Cleo (Yalitza Aparicio), setzt "Roma" ein Denkmal. Der biedere Reichtum manifestiert sich auch an diesen Hausangestellten. Cuarón erzählt an dieser Cleo von den Brüchen, dem Schein, der nicht mehr zu wahren ist, und dem Zerbrechen einer Familie wie der Gesellschaft überhaupt.

Während Antonio und Teresa noch ein wenig heile Welt spielen, ist der Moder in ihrer Beziehung längst sichtbar. Schließlich verlässt das Familienoberhaupt die Seinen, weil er an einer Jüngeren mehr Gefallen findet als an seiner Angetrauten. Die hält jedenfalls den Kindern gegenüber allen Schein aufrecht, Papa ist auf Auslandsreise, von der er den Kleinen herzige Briefe schreibt. Die Wirklichkeit ist natürlich viel prosaischer, als den Kindern gegenüber zugegeben wird, und es wird auch der Zeitpunkt kommen, wo die Fassade in sich zusammenbröckelt.

Aber auch Cleo, die treue und konstante Seele in dieser scheidenden Welt, bleibt von deren Unbilden nicht verschont. Sie lässt sich auf einen fahrenden Arbeiter ein, doch die Begegnung bleibt flüchtig, und die untrügliche Erinnerung daran (sprich: Schwangerschaft) wird Cleo aufgehalst, der Vater in spe lässt sich verleugnen und sucht das Weite.

Auch das Mutterglück bleibt für Cleo bloß eine Zukunftshoffnung. Denn nicht nur die Familien zerbrechen, die jungen Leute der Stadt begehren gegen das militärisch abgesicherte Establishment auf, es kommt zu Schießereien und zu Straßenschlachten. Da kann schon die eine oder andere Kugel einen verirrten Weg einschlagen und ein kleines Glück im Nu zunichtemachen.

Ernstzunehmender Oscar-Kandidat

Es ist ein betörender und gleichzeitig deprimierender Kosmos, den Cuarón mit großer Liebe zum Detail und zur Langsamkeit der Kameraeinstellungen hier ausbreitet. Altväterische Anmutung erreicht der Regisseur auch, indem er den Film in Schwarz-Weiß gedreht hat, aber natürlich geht es nicht nur um Lokal-und Zeitkolorit, den er mit der verweigerten Farbgebung plastisch macht, sondern Schwarz-Weiß ist gleichzeitig auch ein künstlerisches Statement, das der Zuschauer nicht missen möchte.

Die Unerträglichkeit dieses Seins beschreibt Cuarón mit ausgeklügelter Detailliertheit: Als Familienvater Antonio mit seinem US-Schlitten von der Arbeit heimkommt, parkt er das unförmige Gefährt minutenlang in der zu kleinen Garage, und man muss ihm dabei zusehen, wie er das alles gerade noch schafft. Als später, nachdem Antonio die Seinen verlassen hat, Teresa das Gefährt einzustellen versucht, fährt sie es - auch in langen Einstellungen gezeigt - praktisch zu Schrott. Sprechender ist selten dargestellt worden, wie eine große Welt in einer kleinen einfach keinen Platz mehr hat.

"Roma" gilt als erster ernst zu nehmender Oscar-Kandidat aus dem Hause Netflix. Völlig zu Recht.