Literatur

Cornelia Travnicek: „Ich höre, wie es knirscht in der Stadt ...“

1945 1960 1980 2000 2020

Maria Renhardt über "Feenstaub", den neuen Roman von Cornelia Travnicek

1945 1960 1980 2000 2020

Maria Renhardt über "Feenstaub", den neuen Roman von Cornelia Travnicek

Die Not hat die Kinder auf der Insel zusammengeführt. Dieses „Niemandsland“ liegt fernab der pulsierenden Stadt, für andere unsichtbar, in einen „undurchdringlichen Nebel“ gehüllt. Die Jungen wohnen unter einem Baum am Wasser, abgeschieden von der Gesellschaft und gezwungen, sich ihren Unterhalt als Taschendiebe zu verdienen. Randzonen und Bruchlinien der Gesellschaft, die Narben des Lebens interessieren die niederösterreichische Autorin Cornelia Travnicek, die mit ihrem mittlerweile verfilmten Roman „Chucks“ bekannt geworden ist. Die Handlung ihres neuen Romans „Feenstaub“ hat sie in der düsteren Welt dreier Jugendlicher verortet, die dennoch märchenhaft mit dem Satz „Es war einmal ...“ beginnt. Travnicek sieht hier eine „mögliche Peter-Pan-Version des 21. Jahrhunderts“.

Die „Lost Boys“ im Roman weigern sich mit Hilfe des Feenstaubs, „erwachsen zu werden“. Er lässt sie schrumpfen, während Nebel sie als Schatten auf ihren Landgängen durch die Stadt begleitet. Petru, Cheta und Magare sind ein eingespieltes Team mit klar definierten Aufgaben und ungewisser Zukunft: „Keiner von uns weiß genau, was passiert, wenn einer kein Junge mehr ist, sondern ein Mann. Wenn er zu groß, zu breit, zu schwer, zu behaart wird. Wenn er sich nicht mehr klein genug machen kann. Wenn der Nebel ihn nicht mehr verbirgt.“ Das erbeutete Geld muss abgeliefert werden. Den größten Teil erhält Krakadzil, ihr Auftraggeber, der die drei mit Gewalt in ihre Rolle zwingt und erpresst. Eines Tages lernt Petru auf einem seiner Landgänge ein Mädchen und dessen Familie kennen. Damit ist ein Schritt getan. Die Inselwelt des Jungen bekommt plötzlich Risse und droht entdeckt zu werden.

„Jedes Mal, wenn ich Marja sehe, lüge ich. Selbst wenn ich nicht lüge, lüge ich, weil sich die wenigen Wahrheiten, die ich ihr erzähle, in ihrem Kopf zwischen und an den dort gespeicherten Lügen einordnen und so dazugehören, zusammenwachsen zu einem großen, ganzen Falschen, falsch im Großen und Ganzen.“ Bald überstürzen sich die Ereignisse in einem unerwarteten Finale. Travnicek leuchtet Rohheit und Aggression in geheimnisvollen, abgründigen Bilderwelten aus, die auch als reflexive Metaebene fungieren, wenn sie in Kürzestkapiteln vom Schicksal dieser Jungen erzählt. Gewandt zeigt sie etwa, wie sich auf den Streif- und Diebestouren die Wahrnehmungen der Kinder verdichten, durchkreuzt von Sinnesstörungen, die der Feenstaub auslöst: „ICH HÖRE, WIE es knirscht in der Stadt, wie die Häuser näher kommen, wie mich etwas zerquetschen will. / Ein Baum knarrt, eine Tür springt auf, eine Welle läuft durch die Pflastersteine. Die Straßen werden enger. Ich kann Sprünge in den Fenstern sehen.“ Die Stadt wird zum Moloch, der die Menschen verschluckt, verschwinden und die Jungen kurz auftauchen lässt.

Auch auf dem Inselkosmos gibt es irritierende Phänomene. Erkenntnis folgt aber erst mit der Veränderung des Blickwinkels. Es lohnt sich, sich auf diese schwebend erzählte Geschichte einzulassen, in der „niemand ... eine Insel“ ist.