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Literatur

MIT JEDEM BUCH SICH NEU ERFINDEN

1945 1960 1980 2000 2020

PETER HANDKES LITERA-RISCHER EINSATZ FÜR DRAGOLJUB MILANOVIC UND EVELYNE POLT-HEINZLS PROFUNDE AUSEINANDERSETZUNG MIT HANDKES WERK.

1945 1960 1980 2000 2020

PETER HANDKES LITERA-RISCHER EINSATZ FÜR DRAGOLJUB MILANOVIC UND EVELYNE POLT-HEINZLS PROFUNDE AUSEINANDERSETZUNG MIT HANDKES WERK.

Erst vor Kurzem hat Thomas Oberender, Schauspielprogrammdirektor der Salzburger Festspiele, gegenüber dem Standard Peter Handke als den "größten lebenden Dichter", ja sogar als einen "Goethe der Jetztzeit" bezeichnet. Wahrlich ein großes Wort, angesichts der öffentlichen, stark polarisierenden Kontroverse, die nach den politischen Äußerungen Handkes zum Balkan-Krieg entbrannt ist.

Ruf nach Gerechtigkeit

Auch Handkes jüngstes Buch über die "Geschichte des Dragoljub Milanovi´c" treibt wieder zurück in die Zeit der Kämpfe im einstigen Jugoslawien. Es ist ein Text ohne konkreten Adressaten, erzählt aus einem inneren Bedürfnis heraus: Der ehemalige Direktor des serbischen Fernsehens ist bereits seit zehn Jahren in Haft, weil er laut Anklage das Sendegebäude vor dem nächtlichen Bombenangriff der NATO am 23. April 1999 nicht rechtzeitig räumen hat lassen. Damals sind 16 Menschen getötet und viele schwer verletzt worden. Handke verurteilt die Entscheidung des Tribunals in Den Haag, das diesen vorsätzlich durchgeführten Angriff auf die "staatlich kontrollierten Medien", quasi auf "ein ziviles Ziel", nicht als Kriegsverbrechen sieht. Diese "dringende Geschichte" intendiert den Ruf nach Gerechtigkeit, sie ist ein mutiger Kommentar zur Frage nach der Schuld und ein Bekenntnis zur offensiven Diskussion der damaligen politischen Intervention.

Nach seinen Besuchen bei Milanovi´c kartografiert Handke auch dessen Sicht der Dinge, neben dem Gang zur "postmodernen Ruine" des Senders zwischen "Weidenflaum" und blühenden Linden, eingelagert als stille Naturbetrachtung. Kürzlich hat Handke gesagt, dass Geschichtsschreibung immer Tendenz sei, Literatur hingegen einen universellen Charakter habe. So steht hier das Bemühen um eine differenzierte Position im Vordergrund, dem er einen der Zeit enthobenen Anstrich verleiht, indem er dem Text auch einen fiktionalen Gestus einschreibt: "Er ist erfunden. Der wahre Name des serbischen Fernsehchefs: James W. Fox, oder so ähnlich. Reine Erfindung auch das Rabenkrächzen und Milanpfeifen über der Morawa-Ebene." Es gilt, was Evelyne Polt-Heinzl in ihrer profunden Auseinandersetzung mit Handke festhält: "Er beschreibt, was er sieht, und zeigt, dass alles Gesehene im Erzählen immer schon ein Interpretieren ist." Hier wie bereits früher kreidet er "europäische Ignoranz", gefärbte Medienpolitik und Ungerechtigkeit an.

In ihrem Buch "In Gegenwelten unterwegs" zeichnet Polt-Heinzl in 23 Kapiteln neue, facettenreiche Lesefährten durch die Texte Handkes -sozusagen vor dem Hintergrund der Frage, wie sein "Werk mit seiner Zeit neu zusammenzudenken sein könnte". Dabei arbeitet sie in besonderer Weise Handkes Formen-und Traditionsvielfalt heraus, sein "Sich-Neuerfinden mit jedem neuen Buch":"Es ist ein Schreiben ohne Sicherheitsnetz, konsequent, ungeschützt und radikal."

Seismografisches Gespür

Polt-Heinzl zeigt Handke als einen Autor, der "Schräglagen" und gesellschaftliche Prozesse von der "massenmedialen Verwüstung der Sprache" bis zur "Entschleunigung" mit seismografischem Gespür wahrnimmt, bevor sie für andere transparent werden: Offenkundig wird dies etwa in seiner Tetralogie "Langsame Heimkehr", die gesellschaftliche Trends und Zeremonien etwa der "Wickie, Slime und Paiper"-Generation deutlich vorwegnimmt. Aber nicht nur diesbezüglich kommt ihm eine Vorreiterrolle zu, denn "Handkes Projekt war und ist die Auseinandersetzung mit der Tradition". Die Reflexion des bereits Vorhandenen fungiert als Initialzündung für "neues Erzählen" mit "oft unterschätztem Potenzial zum Widerständigen". Wie ein roter Faden durchzieht dieses Buch aber die Auseinandersetzung mit seiner Herkunft und seinen Wurzeln, die immer auch mit dem Wunsch nach Verankerung zu tun hat.

Polt-Heinzl verbindet ihre Interpretationen mit einer feinsinnigen Zeitdiagnose, in der sie Handkes literarische Wirklichkeitsaneignung souverän verortet. Ihr Buch hat das Potenzial, zu einem Standardwerk zu werden und macht Lust auf eine eigene Handke-Relektüre!

Die Geschichte des Dragoljub Milanovic

Von Peter Handke Jung und Jung 2011 40 S., geb., € 9,00

Peter Handke In Gegenwelten unterwegs

Von Evelyne Polt-Heinzl Sonderzahl 2011 140 S., kart., € 16,00

Erst vor Kurzem hat Thomas Oberender, Schauspielprogrammdirektor der Salzburger Festspiele, gegenüber dem Standard Peter Handke als den "größten lebenden Dichter", ja sogar als einen "Goethe der Jetztzeit" bezeichnet. Wahrlich ein großes Wort, angesichts der öffentlichen, stark polarisierenden Kontroverse, die nach den politischen Äußerungen Handkes zum Balkan-Krieg entbrannt ist.

Ruf nach Gerechtigkeit

Auch Handkes jüngstes Buch über die "Geschichte des Dragoljub Milanovi´c" treibt wieder zurück in die Zeit der Kämpfe im einstigen Jugoslawien. Es ist ein Text ohne konkreten Adressaten, erzählt aus einem inneren Bedürfnis heraus: Der ehemalige Direktor des serbischen Fernsehens ist bereits seit zehn Jahren in Haft, weil er laut Anklage das Sendegebäude vor dem nächtlichen Bombenangriff der NATO am 23. April 1999 nicht rechtzeitig räumen hat lassen. Damals sind 16 Menschen getötet und viele schwer verletzt worden. Handke verurteilt die Entscheidung des Tribunals in Den Haag, das diesen vorsätzlich durchgeführten Angriff auf die "staatlich kontrollierten Medien", quasi auf "ein ziviles Ziel", nicht als Kriegsverbrechen sieht. Diese "dringende Geschichte" intendiert den Ruf nach Gerechtigkeit, sie ist ein mutiger Kommentar zur Frage nach der Schuld und ein Bekenntnis zur offensiven Diskussion der damaligen politischen Intervention.

Nach seinen Besuchen bei Milanovi´c kartografiert Handke auch dessen Sicht der Dinge, neben dem Gang zur "postmodernen Ruine" des Senders zwischen "Weidenflaum" und blühenden Linden, eingelagert als stille Naturbetrachtung. Kürzlich hat Handke gesagt, dass Geschichtsschreibung immer Tendenz sei, Literatur hingegen einen universellen Charakter habe. So steht hier das Bemühen um eine differenzierte Position im Vordergrund, dem er einen der Zeit enthobenen Anstrich verleiht, indem er dem Text auch einen fiktionalen Gestus einschreibt: "Er ist erfunden. Der wahre Name des serbischen Fernsehchefs: James W. Fox, oder so ähnlich. Reine Erfindung auch das Rabenkrächzen und Milanpfeifen über der Morawa-Ebene." Es gilt, was Evelyne Polt-Heinzl in ihrer profunden Auseinandersetzung mit Handke festhält: "Er beschreibt, was er sieht, und zeigt, dass alles Gesehene im Erzählen immer schon ein Interpretieren ist." Hier wie bereits früher kreidet er "europäische Ignoranz", gefärbte Medienpolitik und Ungerechtigkeit an.

In ihrem Buch "In Gegenwelten unterwegs" zeichnet Polt-Heinzl in 23 Kapiteln neue, facettenreiche Lesefährten durch die Texte Handkes -sozusagen vor dem Hintergrund der Frage, wie sein "Werk mit seiner Zeit neu zusammenzudenken sein könnte". Dabei arbeitet sie in besonderer Weise Handkes Formen-und Traditionsvielfalt heraus, sein "Sich-Neuerfinden mit jedem neuen Buch":"Es ist ein Schreiben ohne Sicherheitsnetz, konsequent, ungeschützt und radikal."

Seismografisches Gespür

Polt-Heinzl zeigt Handke als einen Autor, der "Schräglagen" und gesellschaftliche Prozesse von der "massenmedialen Verwüstung der Sprache" bis zur "Entschleunigung" mit seismografischem Gespür wahrnimmt, bevor sie für andere transparent werden: Offenkundig wird dies etwa in seiner Tetralogie "Langsame Heimkehr", die gesellschaftliche Trends und Zeremonien etwa der "Wickie, Slime und Paiper"-Generation deutlich vorwegnimmt. Aber nicht nur diesbezüglich kommt ihm eine Vorreiterrolle zu, denn "Handkes Projekt war und ist die Auseinandersetzung mit der Tradition". Die Reflexion des bereits Vorhandenen fungiert als Initialzündung für "neues Erzählen" mit "oft unterschätztem Potenzial zum Widerständigen". Wie ein roter Faden durchzieht dieses Buch aber die Auseinandersetzung mit seiner Herkunft und seinen Wurzeln, die immer auch mit dem Wunsch nach Verankerung zu tun hat.

Polt-Heinzl verbindet ihre Interpretationen mit einer feinsinnigen Zeitdiagnose, in der sie Handkes literarische Wirklichkeitsaneignung souverän verortet. Ihr Buch hat das Potenzial, zu einem Standardwerk zu werden und macht Lust auf eine eigene Handke-Relektüre!

Die Geschichte des Dragoljub Milanovic

Von Peter Handke Jung und Jung 2011 40 S., geb., € 9,00

Peter Handke In Gegenwelten unterwegs

Von Evelyne Polt-Heinzl Sonderzahl 2011 140 S., kart., € 16,00