#Handke

Literaturnobelpreis für Peter Handke

Feuilleton

Verwandlung und Bergung der Dinge in Gefahr

1945 1960 1980 2000 2020

Peter Handkes Religionskritik und ihre Wandlungen. Eine religiöse Spurensuche im Denken und Werk des Schriftstellers, der Anfang Dezember seinen 70. Geburtstag begeht.

1945 1960 1980 2000 2020

Peter Handkes Religionskritik und ihre Wandlungen. Eine religiöse Spurensuche im Denken und Werk des Schriftstellers, der Anfang Dezember seinen 70. Geburtstag begeht.

Die frühen Werke Peter Handkes sind ausgesprochen religionskritisch, wobei Religionskritik aber nicht im Vordergrund steht, sondern in eine umfassende Sprachkritik eingebettet ist. In den Sprechstücken "Kaspar“ und "Selbstbezichtigung“ zeigt er den einzelnen Menschen als von Anfang an der strukturellen Ordnungsmacht von Sprache ausgeliefert und so seinem Innersten entfremdet. In "Kaspar“ - das Stück sollte ursprünglich "Sprechfolter“ heißen - macht Handke die zu einem geregelten Leben rufenden Sätze als ein großes in die Gesellschaft einfügendes Schema bewusst. Die "Selbstbezichtigung“ hat die Form einer Beichte, wobei Selbstaussagen eines Individuums rituell so aneinandergereiht werden, dass die Wahrnehmung einer einzigen großen Existenzschuld entsteht.

Der Gedanke, dass Religion den Einzelnen vor der Ausgesetztheit in der Welt und den gesellschaftlichen Zwängen schützen könnte, liegt Handke damals fern. Das wird besonders in der Erzählung "Wunschloses Unglück“ deutlich, in der er, erschüttert durch den Selbstmord seiner Mutter, nach Sprache sucht. In dieser Erzählung beschreibt er berührend, wie die Mutter zunehmend wunschlos zum Opfer eines depravierenden familiären und einengenden dörflichen Milieus wird und schließlich nicht mehr leben mag. Glaube und Frömmigkeit werden von Handke für dieses Schicksal mitverantwortlich gemacht: Handke hat den würdigenden Blick auf Menschen, die Opfer gesellschaftlicher Verhältnisse wurden und unbeachtet am Rand der Gesellschaft stehen, stets behalten.

Gewandelte Sicht auf die Religion

Seine analytische Fähigkeit, zu zeigen, wie die Lebenswirklichkeit durch schematische Wahrnehmung und Beschreibung determiniert ist, wird später den Kern seiner Medienkritik ausmachen. Doch die Intention seines Schreibens ändert sich nach 1971 merkbar. Mehrere Spuren von Handkes gewandelter Auseinandersetzung mit Religion finden sich unter den Notizen in seinem Tagebuch "Das Gewicht der Welt“ (1975-77) umfasst. Er hält darin vor allem fest, wie er immer wieder von Schrecken und Trauer über den Tod seiner Mutter eingeholt wird, von Todesängsten, Todessehnsucht und Sinnlosigkeitserfahrungen. In diesem Kontext sind dann die expliziten Bezüge auf Religion zu verstehen: Orgelmusik: Vorstellung, es müsste doch etwas geben, das der Grund dieses Klanges wäre, diese Musik kann nicht für sich, aus sich entstanden sein; sie erzeugt die Vorstellung eines höheren Wesens, das ich mir sonst nicht denken kann.

Die frühen Werke Peter Handkes sind ausgesprochen religionskritisch, wobei Religionskritik aber nicht im Vordergrund steht, sondern in eine umfassende Sprachkritik eingebettet ist. In den Sprechstücken "Kaspar“ und "Selbstbezichtigung“ zeigt er den einzelnen Menschen als von Anfang an der strukturellen Ordnungsmacht von Sprache ausgeliefert und so seinem Innersten entfremdet. In "Kaspar“ - das Stück sollte ursprünglich "Sprechfolter“ heißen - macht Handke die zu einem geregelten Leben rufenden Sätze als ein großes in die Gesellschaft einfügendes Schema bewusst. Die "Selbstbezichtigung“ hat die Form einer Beichte, wobei Selbstaussagen eines Individuums rituell so aneinandergereiht werden, dass die Wahrnehmung einer einzigen großen Existenzschuld entsteht.

Der Gedanke, dass Religion den Einzelnen vor der Ausgesetztheit in der Welt und den gesellschaftlichen Zwängen schützen könnte, liegt Handke damals fern. Das wird besonders in der Erzählung "Wunschloses Unglück“ deutlich, in der er, erschüttert durch den Selbstmord seiner Mutter, nach Sprache sucht. In dieser Erzählung beschreibt er berührend, wie die Mutter zunehmend wunschlos zum Opfer eines depravierenden familiären und einengenden dörflichen Milieus wird und schließlich nicht mehr leben mag. Glaube und Frömmigkeit werden von Handke für dieses Schicksal mitverantwortlich gemacht: Handke hat den würdigenden Blick auf Menschen, die Opfer gesellschaftlicher Verhältnisse wurden und unbeachtet am Rand der Gesellschaft stehen, stets behalten.

Gewandelte Sicht auf die Religion

Seine analytische Fähigkeit, zu zeigen, wie die Lebenswirklichkeit durch schematische Wahrnehmung und Beschreibung determiniert ist, wird später den Kern seiner Medienkritik ausmachen. Doch die Intention seines Schreibens ändert sich nach 1971 merkbar. Mehrere Spuren von Handkes gewandelter Auseinandersetzung mit Religion finden sich unter den Notizen in seinem Tagebuch "Das Gewicht der Welt“ (1975-77) umfasst. Er hält darin vor allem fest, wie er immer wieder von Schrecken und Trauer über den Tod seiner Mutter eingeholt wird, von Todesängsten, Todessehnsucht und Sinnlosigkeitserfahrungen. In diesem Kontext sind dann die expliziten Bezüge auf Religion zu verstehen: Orgelmusik: Vorstellung, es müsste doch etwas geben, das der Grund dieses Klanges wäre, diese Musik kann nicht für sich, aus sich entstanden sein; sie erzeugt die Vorstellung eines höheren Wesens, das ich mir sonst nicht denken kann.

Das genauere Nachfragen nach Peter Handkes Religiosität bleibt legitim, wenn es nicht einengend ist.

Die religiösen Bezüge in Handkes Erzählungen und Tagebüchern nach 1978 gehen darüber hinaus. Handke will nicht mehr nur Schreckenserfahrungen der eigenen Existenz schreibend bewältigen, sondern einzelne, wenn oft auch nur momenthafte Erfahrungen von Glück, Freude, Zusammenhang und Sinn in Sprache fassen. Das können eigene Erfahrungen sein oder - darauf beruhend - die Erfahrungen, zu denen Handkes poetische Fantasie die Gestalten seiner Erzählungen führt. Gelingt das sprachlich, dann bleiben solche Erfahrungen in Erinnerung, bekommen Dauer im Bewusstsein, lassen sich wiederholen und sinnstiftend vergegenwärtigen. Allein schon aus dieser Intention ergibt sich eine strukturelle Parallele zwischen Handkes Erzählen und der Vergegenwärtigung von Heilsgeschehen in der Heiligen Schrift und im Sakrament der Eucharistie.

So kann man wohl auch die schlüsselhafte Textstelle in Handkes "Die Lehre der Sainte Victoire“ (1980) verstehen: Zwei Dorfälteste hörte ich einmal sagen: "Wenn sie nichts glauben - zu was sind sie denn überhaupt da.“ Ohne gemeint zu sein, fühlte ich mich doch betroffen. Beschäftigte mich denn nicht schon länger der Gedanke, "nur mit einem Glauben könnten die Dinge auch auf die Dauer wirklich bleiben?“ Was war dieses Geheimnis, das die Dorfrichter zu kennen schienen? Ich hätte mich nie als gläubig bezeichnen können, das Kind von einst noch weniger als mich jetzt: aber hatte es nicht schon ganz früh ein Bild der Bilder für mich gegeben? Ich will es beschreiben, denn es gehört hierher. Dieses Bild war ein Ding, in einem bestimmten Behältnis, in einem großen Raum. Der Raum war die Pfarrkirche, das Ding war der Kelch mit den weißen Oblaten, die geweiht Hostien heißen, und sein Behältnis war der in den Altar eingelassene, wie eine Drehtür zu öffnende und zu schließende vergoldete Tabernakel. - Dieses sogenannte "Allerheiligste“ war mir seinerzeit das Allerwirklichste. Das Wirkliche hatte auch seinen wiederkehrenden Augenblick: sooft nämlich die durch die Worte der Wandlung sozusagen Gottes Leib gewordenen Brotpartikel mitsamt ihrem Kelch im Tabernakel geborgen wurden. Der Tabernakel drehte sich auf; das Ding, der Kelch, wurde, schon unter Tüchern, in die Farbenpracht seiner Stoffhöhle gestellt; der Tabernakel drehte sich wieder zu - und jetzt der strahlende Goldglanz der verschlossenen konkaven Wölbung. Und so sehe ich jetzt auch Cezannes "Verwirklichungen“ (nur dass ich mich davor aufrichte, statt niederzuknien): Verwandlung und Bergung der Dinge in Gefahr - nicht in einer religiösen Zeremonie, sondern in der Glaubensform, die des Malers Geheimnis war.

Die Schönheit und Form der Liturgie bedeuten Handke sehr viel, so viel, dass die Achtlosigkeit, mit der in unseren Kirchen Liturgie gestaltet und gefeiert wird, eigentlich beschämen müsste.

Von diesem Text her lassen sich die vielen Erzählszenen und Tagebuchnotizen tiefer verstehen, in denen Handke bis heute beim Schreiben Formen der kirchlichen Liturgie, der sakralen Kunst und dabei insbesondere der Romanik, Texte der Heiligen Schrift und der christlichen Mystik miterlebt. Handke stellt sich zwar die Frage, ob er dabei auch im Sinne des ausformulierten kirchlichen Credo glaube, das er hört. Aber ein möglicher persönlicher Glaube bleibt sein Geheimnis.

Die spannende Eucharistie

Das genauere Nachfragen nach Handkes Religiosität bleibt legitim, wenn es nicht einengend ist. In einem Interview, das 2010 in der Zeit erschienen ist, weist Handke die Frage, ob er ein religiöser Autor sei, zurück, sagt aber dann sehr persönlich: Wenn jemand sagt, er sei religiös, geht mir das auf die Nerven. Wenn er nicht erzählt, was das ist. Das Erzählen ist das Entscheidende. Wenn ich an der heiligen Messe teilnehme, ist das für mich ein Reinigungsmoment sondergleichen. Wenn ich die Worte der Heiligen Schrift höre, die Lesung, die Apostelbriefe, die Evangelien, die Wandlung miterlebe, die Kommunion und den Segen am Schluss "Gehet hin in Frieden!“, dann denke ich, dass ich an den Gottesdienst glaube. Ich weiß nicht, ob ich an Gott glaube, aber an den Gottesdienst glaube ich. Die Eucharistie ist für mich spannender, die Tränen, die Freude, die man dabei empfindet, sind wahrhaftiger als die offizielle Religion. Ich weiß, ich habe, wenn ich das sage, eine Schattenlinie übersprungen, aber dazu stehe ich.

Schönheit, Wahrheit und Güte …

Die Schönheit und Form der Liturgie bedeuten Handke sehr viel, so viel, dass die oft zu bemerkende Achtlosigkeit, mit der in unseren Kirchen Liturgie gestaltet und gefeiert wird, eigentlich beschämen müsste. Auch dazu eine Tagebuchnotiz Handkes: Die Sanftheit, mit welcher der Priester das Evangelium rezitierte, war schon die Predigt; das sanfte Vorlesen genügte. Auch aus kirchlicher Sicht bedeutet das keine Abkehr vom Glaubensbekenntnis hin zu bloßer Ästhetik, zumal für uns ja Schönheit, Wahrheit und Güte an ihrer Wurzel verbundene Eigenschaften Gottes sind: Eines Gottes, von dem Handke nicht weiß, ob er an ihn glaubt. Merkbar ist also gewiss eine sensibel anzusprechende Distanz Handkes gegenüber dem expliziten "Credo in unum Deum“ der Kirche, und ich möchte dazu eine Vermutung aussprechen: Im dramatischen Gedicht "Über die Dörfer“, das auf Handkes Heimatort Griffen bezogen ist, greift - wie in griechischen Tragödien - in Gestalt der Nova eine "Dea ex Machina“ in einen Geschwisterstreit und den Verfall des Dorfes ein. In der langen Friedensrede der Nova, deren Pathos dem Autor Handke seitens einer areligiösen "Political Correctness“ im deutschsprachigen Feuilleton viel Häme eingetragen hat, lautet einer von den Appellen der Nova: Lasst ab vom Gegrübel ob Gott oder Nicht-Gott: das eine macht sterbensschwindlig, das andere tötet die Phantasie, und ohne Phantasie wird kein Material Form; diese aber ist der Gott, der für alle gilt. Das Gewahrtwerden und Prägen der Form heilt den Stoff! Gottlos allein schwanken wir.

Handke lässt die kantsche Frage, "ob ein Gott sei“, in seinem Werk offen. Vielleicht steht dahinter die Entscheidung, einem Dilemma entgehen zu wollen: Der Glaube an einen jenseitigen personalen Gott könnte fragen lassen, ob dem Menschen dadurch die Freude an der Welt geschmälert und Todessehnsucht erweckt werden könnte. Andererseits würde ein erklärter Atheismus eine Reduktion der menschlichen Existenz auf krude Faktizität ermöglichen. Wohl angesichts dieser zwei Möglichkeiten zu einem Wirklichkeitsverlust und nicht aus Gleichgültigkeit bleibt - so scheint es - für Handke die Frage nach Gott offen und er erfährt und schafft Kunst als eine Form, die dem Menschen Würde und Bestand in seiner stets angefochtenen Existenz gibt.

Der Autor ist Diözesanbischof von Graz-Seckau.