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"Bei uns am Balkan"

Ein Blick auf Peter Handkes große neue Erzählung und ihre Resonanz.

Den neuen, lang erwarteten und groß angekündigten Handke erst am Verkaufstag des Buches zu rezensieren, war fast schon eine Verspätung; so sind nun einmal die Rituale des Literaturbetriebs - zu denen freilich kaum ein Werk deutlicheren Widerspruch anmeldet wie das von Peter Handke. Gerade bei ihm ist diese "Harry-Potterisierung des Erstverkaufstages" (Evelyne Polt-Heinzl in der Presse) besonders grotesk - und dem genauen Lesen abträglich. Jedenfalls führt "Die morawische Nacht" die Bestenlisten von ORF und Südwestfunk im Februar - auch das fast schon ein erwartbares Ritual bei Handke-Neuerscheinungen.

In der Enklave

"Der Lyriker sitzt schön im Haus / der lyrische Epiker geht über die Hügel / der epische Epiker wird auf die Schiffe verschlagen", stand in Handkes Lyrikband "Das Ende des Flanierens" - nachzulesen in der neuen Gedichtsammlung "Das Leben ohne Poesie". Führte Handkes Prosa schon durch viele Hügellandschaften, so hat es ihn diesmal auf ein Schiff verschlagen: die "Morawische Nacht", vertäut am Ufer der Morawa in der Enklave von Porodin. Genauer gesagt: Nicht Peter Handke hat es verschlagen, sondern einen Ex-Autor, der vielfach seine Züge trägt.

Doch "Die morawische Nacht" meint nicht nur das Boot, sondern eine lange balkanisch-orientalische Nacht des mündlichen Erzählens - dass daraus ein Buch geworden ist, das liegt, so will es die Konstruktion, an einem der sieben namenlosen Freunde des "abgedankten Autors", der die Erzählung aufgezeichnet hat. Von Anfang an geschieht dieses Erzählen vor dem Hintergrund einer drohenden Gefahr - das vom "Decamerone" oder von Goethes "Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten" her bekannte Modell der utopisch-heilen Gegengemeinschaft gegen die Wirren einer kriegerischen Zeit entfaltet hier noch einmal seine suggestive Wirkung - "bei uns am Balkan".

Mit der Verankerung an der Morawa begibt sich Handke in mehrfachem Sinn in gefährliches Gewässer: Hier hat er 1996 seine "Gerechtigkeit für Serbien" gesucht. "Die morawische Nacht" vermeidet hingegen jede politische Argumentation; Porodin ist ein "walachisches" Dorf, Serbien wird gar nicht beim Namen genannt. Die Enklave ist reichlich abstrakt, geradezu ein Modell: gegen die Jetzt-Zeit und ihre paneuropäische Vereinheitlichung der Siedlungs- und Lebensformen, gegen die messbare Zeit überhaupt. Und die Gefahr, die das Erzählen konstituiert, das spürt der "Autor in Ruhe" immer deutlicher, kommt vor allem aus ihm selbst: "Er persönlich verkörperte die Gefahr, war seine eigene Bedrohung, insbesondere seit er seinen Beruf hatte sein lassen - nicht mehr arbeitete."

"Autor in Ruhe"

Ja, wieder einmal betrachtet Handke in einer Prosa sich selbst. Doch wer dessen in dem dünnen "Nachmittag eines Schriftstellers" überdrüssig war, kann ihm jetzt in dem 560 Seiten starken Werk einiges abgewinnen. Das liegt vor allem an der überall aufblitzenden Ironie (nur die Frankfurter Rundschau vermochte sie nicht zu erkennen). Die entscheidende Frage ist, gegen wen sie sich richtet. Da wird der Ex-Autor immer wieder von einem Zwischenfrager unterbrochen - "erdet" und ironisiert er dessen gelegentlich recht feierliches Erzählen oder richtet sich die Ironie gegen seine "oberflächlichen" Fragen? Das ist ebenso wenig eindeutig wie die Funktion der Kritiker-Einwände, die Handke in das Buch hineinverarbeitet: nicht nur zur Selbst-Immunisierung (denn natürlich kann man das alles, was schon als Einwand im Buch steht, nicht mehr als Einwand äußern), sondern als Ironisierung der Kritik, aber auch des eigenen Schreibens.

Handke schont sich selbst nicht, auch nicht biografisch: Er lässt den Ex-Autor auch seinen Gewaltausbruch gegen eine Frau erzählen, "die er einmal fast totgeprügelt hätte". Doch Vorsicht: "Die morawische Nacht" ist keine verkappte Autobiografie, und wer - wie Iris Radisch in der Zeit - die imaginierte Rede der Mutter des Ex-Autors als Zentrum des Buches sieht, erliegt diesem Missverständnis. Diese Mutter hat viel gemeinsam mit Handkes Mutter, der er nach ihrem Suizid mit dem Buch "Wunschloses Unglück" ein unvergessliches Prosa-Denkmal erreichtet hat, doch die postume Begegnung mit ihr ist nur ein Element der märchenhaften Versöhnung, in die "Die morawische Nacht" immer wieder mündet.

Märchenhafte Szenen

Märchenhaft sind viele Szenen und Elemente in Handkes Buch - an sprechenden oder in anderer Gestalt wiederkommenden Tieren oder Verwandlungen herrscht kein Mangel. Kein Wunder, dass da auch der Ahnherr der Verbindung von Zaubermärchen und Posse auftritt: Ferdinand Raimund. Ulrich Weinzierl hat in der Welt zurecht behauptet: Das Totengespräch mit ihm ist etwas vom Schönsten an diesem Buch. Raimund rät dem Ex-Autor ab, wieder zu schreiben: "Denn bei dir, wie zu meiner Zeit bei mir, würde das Gute siegen. Und anders wie mir würde niemand mehr dir glauben."

Faszinierend ist freilich auch vieles, was nicht der Märchenwelt entstammt, sondern der genauen Beobachtung. "Beschreibungsimpotenz" hat der junge Handke bekanntlich den renommierten Schriftstellern der "Gruppe 47" vorgeworfen.

Lärm und Stille

Auch das neue Buch tritt den überzeugenden Beweis an, zu welchen Beschreibungen er selbst fähig ist: die innige Lektüre einer sechzehnjährigen Leserin, die Unterscheidung von "verschiedenen Gehtypen", der genaue Blick des Gehenden auf die Stadtrandgebiete, die Wahrnehmung eines "Hummelsterbetags" oder die Beobachtungen über den Lärm und die Stille sind Höhepunkte des Buches. Letztere kommen zustande, als der "Autor-in-Ruhe" auf seiner Rundreise durch Europa im spanischen Numancia - er spielte eine wichtige Rolle für den "Versuch über die Jukebox" - ein Symposium über Lärm und Geräusche besucht. "Was einmal aufhorchen ließ wie sonst nichts, alle die heimlichen Geräusche wie das Auftreffen eines Blatts auf eine Wasserlache, das Knistern der Weizenähren, das Platzen des Springkrauts, ließ jetzt zusammenzucken", so die Diagnose des ehemaligen Karthäusermönchs, der in seinem Orden mit den Jahren "ein falsches Schweigen, die falsche Stille" erfahren hat, denn: "ich nahm mit der Zeit die neben mir in den Nachbarkarthausen überhaupt nicht mehr wahr. Und wenn, dann als Hustende, als Gebetbankrücker, eben als Dahinschlurfer". "Einen anderen täglichen Lärm gib uns heute, und morgen" oder "Ein einziger lieber Laut, und meine Seele wird wieder gesund", so ist, in Anlehnung an das "Vater unser" und die katholische Messe, eine Sehnsucht formuliert; und an den biblischen Kohelet anklingend heißt es: "Es ist eine Zeit für die Stille, und es ist eine Zeit für den Lärm."

Erbe der Mystik

Bibelzitate und Formeln der katholischen Liturgie durchziehen den ganzen Text, und es ist immer wieder faszinierend, welche Leuchtkraft sie, herausgelöst aus ihrem allzu selbstverständlichen Kontext, entfalten. Auf der Insel Cordura - unverkennbar Krk, wo Handke seinen ersten Roman "Die Hornissen" geschrieben hat - nimmt der "abgedankte Schreiber" an einer Messe teil und reflektiert seine "Erfahrung mit Meßfeiern auf Inseln": "Kein Bollwerk gegen die oder die war die Inselkirche, waren die Inselkirchen, keine Außenposten eines alleinseligmachenden Christentums". Wie Inseln und ohne dogmatisch geschlossenen Zusammenhang sind auch die religiösen Anklänge im mäandrierenden Erzählstrom, und wenn schon sehr bald von "Entrückung" die Rede ist ("Entrückung, das heißt freilich nicht Entwirklichung"), so ist klar, dass Handke - nicht zum ersten Mal - christliche Mystik aufnimmt. Und er tut das ohne triviale Fixierung auf Ekstaseerlebnisse; "die Ekstase ist immer zuviel, / die Dauer dagegen das Richtige", ist schon in seinem "Gedicht an die Dauer" zu lesen.

Dabei ist Handke keineswegs auf die großen Worte fixiert. Durchgehend nimmt er Abseitiges, Groteskes und Seltsames wahr: einen Maultrommler-Weltkongress im "Gasthof der Namenlosen", dessen Mitglieder "das entschiedene, stolze, traurige Hinterwäldlertum" verkörpern; oder einen alten Gasthauskeller in seinem Kärntner Geburtsort, der zur multireligiösen Krypta geworden ist, in der sich katholisches Rosenkranz- und muslimisches Freitagsgebet vermischen - ein utopisches Bild der Versöhnung und zugleich voller Groteske.

Jeder einzelne Satz

Wer Handke auch nur oberflächlich kennt, wird nicht erwarten, dass er eine Geschichte erzählt. "Ich möchte gar nicht erst in die Geschichte, hineinkommen' müssen, ich brauche keine Verkleidung der Sätze mehr, es kommt mir auf jeden einzelnen Satz an", hat Handke schon in seinem Essay "Ich bin ein Bewohner des Elfenbeinturms" 1972 geschrieben. Der Sammelband "Meine Ortstafeln - meine Zeittafeln" bietet die Gelegenheit, Handkes Essays aus den Jahren 1967 bis 2007 wieder nachzulesen, und man braucht ihnen nicht immer zuzustimmen, um darin entscheidende Entdeckungen zu machen an Texten, die man wieder oder zum ersten Mal liest. Die einzelnen Sätze sind noch immer der Maßstab für Handkes Prosa, und hier liegen seine entscheidenden Stärken und Schwächen.

Die Stärken sind sein produktiver Widerstand gegen die Fertigteil-Sprache, gegen das Einrasten vorgeformter Begriffe, seine Worterfindungen oder das Wiederfinden vergessener Worte, denen er ihre Aura zurückgibt. Zur Schwäche wird das, wo diese Findungen und Erfindungen auch im neuen Buch allzu feierlich ausgestellt werden, wo die Sprache gleichsam ins Frömmeln kommt aus Andächtigkeit vor einem Wort.

Doch auch wer beileibe kein Handke-Fan ist und zugeben muss, dass er an manchem seiner Bücher der letzten Jahre vorbeigelesen hat, wird sich dadurch von der Lektüre nicht abhalten lassen. Eine Nacht reicht bei weitem nicht aus, um bis an das 13. Kapitel zu gelangen, das am Schluss voller romantischer Ironie die Fiktionen auflöst, die das Buch geschaffen hat: Das Schiff, die "Morawische Nacht", die Enklave, die Erzählgemeinschaft - alles löst sich auf. Es bleibt das Gebet: "Geographie der Träume, bleib bei mir jetzt und in der Stunde meines Todes", und es bleibt die Utopie von "samara" - das arabische Wort für "eine Nacht im Gespräch verbringen". Und es bleibt vor allem das Buch: ein wunderliches, gelegentlich auch wundersames Buch, das nicht nur eine vielschichtige und vieldeutige Rückschau auf Handkes bisheriges poetisches Universum ist, sondern erzählerisch eine ironisch gebrochene Utopie inszeniert, die auf eigenen Erfahrungen und Anschauungen basiert. Und wo kämen wir hin ohne eine Literatur, die das in steter Beharrlichkeit immer neu versucht.

Die Bücher von Peter Handke, erschienen im Suhrkamp Verlag,

Frankfurt:

DIE MORAWISCHE NACHT

Erzählung. 2008. 562 Seiten, geb., € 28,80

MEINE ORTSTAFELN: MEINE ZEITTAFELN. 1967-2007

2007. 624 Seiten, kart., € 25,70

LEBEN OHNE POESIE

Gedichte. Hg. von Ulla Berkéwicz. 2007. 240 Seiten, kart., € 14,40

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