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Eine Obstdiebin auf dem Weg zu sich selbst

Peter Handke verdichtet das Gehen meisterhaft zur leuchtenden Spur durch das Epos und verzahnt es mit Zitaten etwa aus Wolfram von Eschenbachs 'Willehalm'.

Ein Bienenstich am späten Morgen eines stillen Mittsommertages in der Niemandsbucht. Der Himmel wolkenlos, kein Tau, die ersten weißen, sich öffnenden Kleeblüten locken Insekten an. Dieser Bienenstich in einer nahezu idyllisch anmutenden lichten französischen Sommerlandschaft wird zum Motor eines Aufbruchs und lässt die Geschichte einer Obstdiebin ganz langsam Gestalt annehmen. Man weiß sofort: Wer ein Epos so beginnt, geht in kontemplative Tiefe und verweilt beim Erzählen, klinkt sich aus der Beschleunigung aus und schweift in die Landschaft und zugleich auch ins Leben.

Zweimal hintereinander ist es dem österreichischen Autor Peter Handke gelungen, mit seinem neuen monumentalen Epos "Die Obstdiebin", das zu seinem 75. Geburtstag (vgl. FURCHE 48/2017) im Suhrkamp Verlag erschienen ist, den ersten Platz auf der ORF-Bestenliste zu belegen. Auch ein Blick auf die Bestsellerlisten der heimischen Medienlandschaft bestätigt ein ungebrochenes Interesse an seinem jüngsten Werk. Und das, obwohl genaue Lektüre ihren Preis hat. Vor allem den der Zeit. Denn wer Handkes Texte kennt, weiß, dass sich seine Plots niemals auf Ereignisse konzentrieren.

So zeigen auch die Besprechungen im Feuilleton ein durchaus differenziertes Bild. Ein Rezensent gibt sogar offen zu, dass er die Lektüre nach der Hälfte abgebrochen hat. Andere wiederum lassen sich durchaus auf eine tiefe Durchdringung des Werkes ein. Worauf beruht nun die Faszination seiner Texte? Sie hat wohl mit einer gewissen Form von Widerständigkeit zu tun, die nicht aus der Handlung, sondern aus dem Blickwinkel resultiert.

Das Ich, das die Fäden zieht

Der heute 75-jährige Peter Handke hat sich Zeit seines Lebens gegen jegliche Art von literarischem Mainstream gestellt. In seinem Epos "Die Obstdiebin", das den Untertitel "Einfache Fahrt ins Landesinnere" trägt, steckt Handke zwar Handlungskoordinaten ab, innerhalb derer sich seine Figuren bewegen, den Fokus aber legt er auf die Schau der Welt und ihrer Dinge, auf den Prozess des Gehens oder überhaupt auf das Sein. Nur dann und wann durchbrechen tages-und gesellschaftspolitische Splitter ganz unscheinbar und plötzlich das Geschehen. Es gibt eine auktoriale Instanz, das Ich, das spürbar die Fäden zieht und die Geschichte formt, die "noch keinmal erzählt worden" ist, "an Hand der Obstdiebin", einer jungen Frau, die es sich zur Gewohnheit gemacht hat, "unter dem Zeichen der Straflosigkeit" gepaart mit dem "Duft der Heimlichkeit" im Gehen durch einen Zaun hindurchzugreifen und nach einer Frucht zu langen.

Der Ich-Erzähler, der wie immer auch einiges mit dem Autor selbst zu tun hat, bricht auf, zunächst zu Fuß, "dahinwandernd auf dem Mittelstreifen". Mit dem letzten, übervollen Zug fährt er "in den picardischen Vexin". Immer wieder schickt er suchend seine Blicke aus, bis er tatsächlich die Obstdiebin vor sich zu haben glaubt. Ein Phantom? Der Zug stoppt aufgrund eines Stromausfalls. Man steigt aus, das Land nimmt ihn auf. "Solch ein Übergehen und Einsinken ins Land?" Plötzlich sieht er die Obstdiebin in der Ferne über ein Stoppelfeld gehen. Nach der Ankunft des Ich-Erzählers wechselt plötzlich die Perspektive und man taucht zur Gänze ein in die Geschichte der Obstdiebin Alexia, die als eine vom "Wandertrieb Befallene" soeben von einer langen Russland-Reise zurückgekehrt ist und erneut aufbricht, um im "französischen Urland" ihre verschwundene Mutter zu suchen. Drei ganze Tage lang ist sie - kurzzeitig gesellt sich ein Begleiter hinzu -zu Fuß unterwegs quer durch die Picardie, bis sie ihren Bruder Wolfram und dann ihre Eltern trifft, so wie es die Geschichte will.

Aufbruch und Reise als Motiv stehen in einer alten literarischen Tradition. Handke verdichtet das Gehen meisterhaft zur zentralen, leuchtenden Spur durch das Epos und verzahnt es mit Zitaten, etwa aus Wolfram von Eschenbachs "Willehalm" oder Versen aus dem Matthäus-Evangelium, die dem Text explizit als Motti vorangestellt sind. Aber auch sonst finden sich in dieser Prosa zahlreiche literarische Querverweise. Das Gehen, Wandern, ja das Ausschreiten in "epischen Schritten" wird hier zum existentiellen Erleben der Stille, der Wahrnehmungen "jenseits des Hörbaren, Sichtbaren, Spürbaren", in dem kultivierte Gärten inmitten weiter Grasflächen hinter der "Flußsavanne" als ein Anachronismus erscheinen.

Konzentration auf das Jetzt

Die Hinwendung zur Natur, zu den kleinen Dingen, zur Schau des Lebens bedeutet nichts anderes als die Konzentration auf das Jetzt und den Augenblick, der in seiner Fülle ein neues, anderes Erleben für den Einzelnen bereithält. Es sind nur drei Tage, um die es hier geht, aber in dem "Land, in welches sie hineinliefen", wird das Kleine zum Großen, zur Metapher für Erfahrung und das Leben in der Zeit. Besonders eindringlich macht Handke dies am Beispiel der Pilger deutlich, die schweigend, aber "in Siebenmeilenstiefeln" unterwegs sind. Sie haben nichts mehr zu tun mit den uralten Pilgern aus früherer Zeit, deren Gedanken einst zum Tagtraum "von einem Neuen Leben" gewachsen sind.

Das Gehen als Reifungs- und Wandlungsprozess und somit als Weg zu sich selbst ist mit vielen Herausforderungen verbunden. Die Obstdiebin sucht sie ganz bewusst, etwa auf unwegsamen Wildpfaden, wenn sie die dornige "Quellschlucht der Viosne" hinabsteigt, fernab vom "freien, weiten Land", über das sich der "Mittsommerhimmel" wölbt: "Einen Schritt nach dem andern zu machen, mit Augen auf vor jeder Hinderung, das konnte für die Zeitlang jetzt alle Sinne wecken, und das erfüllte für Momente sogar mit einer Art Lebenslust."

Dieses dichte wort-und bildgewaltige Epos berührt und wirkt nach, zwingt förmlich zum Innehalten. Durch sein kühnes Spiel mit der Erzählerrolle enthebt Handke den Text dem Gewöhnlichen und wirft einen anderen Blick auf das Leben. Denn gezeigt wird, was möglich ist und was subjektiv offen bleibt: "Was sie doch ... alles erlebt hatte, und wie jede Stunde dramatisch gewesen war, auch wenn nichts sich ereignete, und wie in jedem Augenblick etwas auf dem Spiel gestanden hatte ..." und einfach Welt geworden war.

Die Obstdiebin Oder Einfache Fahrt ins Landesinnere Roman von Peter Handke Suhrkamp 2017 560 S., geb., € 35,-

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