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Das Maß in Wäldern gewinnen

Peter Handke begann 1989 eine literarische Versuchsreihe, die lange als Trilogie galt. Letztes Jahr griff er diese mit "Versuch über den Stillen Ort“ wieder auf, mit der Geschichte eines Pilznarren schließt er sie ab. Eine bewusste Annäherung an Gewöhnliches.

Harz und Moos und raschelndes Laub. Das Knacken der Äste, Spinnweben, wenn der Baumbestand dichter wird. Und plötzlich halb versteckt das schimmernde "Schatzkammerlicht“: "Gelblinge“, herausleuchtend aus den dumpfen Farben des Unterholzes. Diese fast romantische Freude kann man durchaus teilen, wenn man sich vorstellt, im Sommer frühmorgens nach dem Regen Wälder zu durchstreifen und Pilze zu suchen.

Der österreichische Schriftsteller Peter Handke bringt mit seinem jüngsten Buch "Versuch über den Pilznarren“ eine Reihe zum Abschluss, die er 1989 mit dem "Versuch über die Müdigkeit“ begonnen hat. Damals folgten jeweils in kurzem Abstand ein weiterer über die "Jukebox“ und noch einer über den geglückten Tag. Im letzten Jahr dockte Handke an die Versuchsreihe, die bislang als Trilogie zu sehen war, überraschenderweise wieder an, mit einem nicht minder überraschenden und bisher wohl kaum literarisierten Stoff im "Versuch über den Stillen Ort“.

Geschichte einer Obsession

Handkes Versuche sind bewusste Annäherungen an Gewöhnliches, an nichts "Weltbewegendes“, das, wie er meint, normalerweise kaum im Mittelpunkt literarischer Betrachtungen steht und doch konsequent zum Innehalten zwingt. Aufzeichnungen also über Erfahrungsspuren abseits literarischer Sujets. Der letzte Band jedoch thematisiert die Geschichte einer Obsession, die, was die Pilzleidenschaft betrifft, auch mit Handkes eigenem Leben zu tun hat.

Nun weiß man bereits aus zahlreichen Interviews und Porträts, dass Handke selbst passionierter Pilzsammler ist. In diesem Buch erzählt er nun "die Geschichte“ seines "verschollenen Freundes, des Pilznarren“, die er mit dem Blick auf Film und Weltliteratur in Angriff nimmt. Interessant ist, dass sich Handke gleich von Anfang an souverän einem diffizilen Spiel mit der Fiktion verschreibt. Von einem Freund ist da die Rede, der sich dem Erzähler-Ich anvertraut. Hier diffundieren autobiografische Bruchstücke in die Geschichte und liegen wie ein zarter Film über dem Geschehen, das der Erzähler scheinbar mit emotionaler Distanz aufzeichnen will und am Ende in einem heilsamen Märchenschluss ausfransen lässt. Denn der Märchenmoment sei neben "Luft, Wasser, Erde und Feuer“ doch "ein fünftes Zusatzelement“.

Der namenlose Pilznarr ist jedenfalls kein Held im herkömmlichen Sinn: "Eine Geschichte wie die seinige, wie die sich ereignet hat, und wie ich sie, zeitweise aus nächster Nähe, miterlebt habe, ist jedenfalls noch keinmal aufgeschrieben worden.“ Ein Junge betätigt sich bereits in seiner Kindheit als Pilzsammler. Schon damals wähnt er sich als "Schatzsucher“, weil er damit sein erstes Geld verdient. Bereits sehr früh hat er das Gefühl, nicht zu den "ganz Normalen“ zu gehören, weil er sich etwa gerne - einem "höheren Auftrag“ gehorchend - mit dem unterschiedlich rauschenden "Blätterwerk“ beschäftigt. Irgendwann verlässt er die "Kindheitslandschaft“ und sucht als Anwalt "edlere Tätigkeiten“ des Gelderwerbs.

Die Auseinandersetzung mit dieser Geschichte gerät immer wieder zu einem selbstreferentiellen Akt. Denn Handke streut Bezugnahmen auf eigene Werke ein oder überträgt persönliche Gewohnheiten auf den Protagonisten, die das auktoriale Erzähler-Ich mit Liebe zum Detail einfließen lässt.

Bewusste Hinwendung zur Natur

Was folgt, ist eine sprachkritische Akzentuierung des differenzierten Schauens bezogen auf die Natur, der Blick auf das Ding an sich und zwar auf "Augenhöhe“. Dies erinnert fast an Rilkes genaues Sehen, obwohl Handke in diesem Kontext Knut Hamsun zitiert: "‚Ja, da schau her!‘ Die Sache, das Ding ihm vor Augen ... war beschreiblich. Aber sie, es selbst hatte keinen Namen, wenigstens keinen, der, im Augenblick, auf es, sie zutraf. Sogar ‚Ding‘ oder ‚Sache‘, diese Wörter, sie trafen es nicht.“

Nach der Heirat und kurz vor der Geburt des Kindes beginnt der Protagonist wieder die Wälder zu durchstreifen. Dabei entdeckt er erst als Erwachsener seinen ersten Steinpilz. Dieses Erlebnis verändert sein Leben, weil er fortan die bewusste Hinwendung zur Natur forciert, das Hören, "Sinnen“ und "Denken“. Diese intensive Konzentration auf die Sinne und den Geist ändert seinen Wahrnehmungsraum fundamental. Die Pilze werden erneut zum Schatz, während der Held sich "auf der Schwelle zum endgültigen Pilznarrentum“ befindet. Er verspürt den Drang, ja geradezu eine unbändige Sehnsucht, sich in den Wäldern aufzuhalten. Seine Plädoyers, die er als Strafanwalt verfassen muss, arbeitet er mitten im Wald unter "beständigem Rauschen des Laubs“ aus. Der Pilznarr gewinnt "in den Wäldern sein Maß“ und beginnt, sich enorme Kenntnisse über Pilze und ihre Standorte anzueignen. Er nimmt an Pilzforscherkongressen teil, will ein Pilzbuch schreiben und interessiert sich für unterschiedliche Zubereitungsarten. Besonders reizt ihn, dass die Pilze, natürlich nur die "Wildwüchslinge“ unter ihnen, nicht zu domestizieren sind und folglich nicht gezüchtet werden können. Der Pilznarr kauft sich selbst einen Wald und verliert gleichzeitig seine Frau. Alles um ihn herum wird plötzlich zur Nebensache, weil die Pilze zu seinem Hauptziel werden und er in der Schatzsuche vom "Verirrten zum Entdecker“ wird, ohne das Ganze jedoch ökonomisch auszunützen.

Leidenschaft, die zum Wahn wird

Handke zeichnet auf eindringliche Weise die sich steigernde Leidenschaft des Pilzsammlers nach, der in seinem Wahn überall nur mehr Konturen von Pilzen ausmachen kann, und unterzieht dieses Narrentum gleichzeitig einer schwebenden Ironie. Mit psychologischem Gespür zeigt er den verengten Kommunikationsrahmen des Süchtigen, der schließlich ausbricht und verschwindet, um doch wieder beim Ich-Erzähler in Chaville aufzutauchen. In einem Interview mit der Kleinen Zeitung analysiert Handke seinen Protagonisten so: "Beim Pilznarren ist es so, dass er die Gesellschaft verliert. Die Pilze ersetzen ihm jeden König. Das Schöne daran ist, dass das ein Wahn ist, der gar nicht so schlecht ist, immer im Gleichgewicht zwischen Abenteuer und Irrsinn.“

Handkes Pilznarrenbuch ist eine feinfühlige Studie über das Leben, über Abenteuer und Leidenschaft oder den Narren in uns. Sein Blick auf Details in der Natur, die Hinwendung zum unscheinbar Leuchtenden ist zugleich auch ein Schnitt in die oberflächliche Welt. Schon immer hat Handke gerne Kontrapunkte gesetzt und elementaren Werten Raum gegeben. Auch hier wird Erzählen zum Ventil. Der Pilznarr verschreibt sich einer generellen Langsamkeit und Stille mit subversivem Kern: "Sein einziger Stolz sei es, Zeit zu haben, gerade weil er erfahren habe, was es heiße, keine Zeit zu haben ... Im Rauschen sein, im Geschehen sein. Und oben in den Kronen das große Weben, Weben und Webstoff in einem. Ah, warum bin ich nicht an den Waldrändern geblieben?!“

Versuch über den Pilznarren

Eine Geschichte für sich. Von Peter Handke, Suhrkamp 2013.

217 Seiten, gebunden, e 19,50

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