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Staatsgründungsfieber

Ismail Kadares Roman leuchtet die internationale Inkompetenz am Balkan aus.

Gott, was für ein wüstes Durcheinander! Kaum aus der Taufe gehoben, war der albanische Staat schon ein einziges Tollhaus." So beginnt das zweite Kapitel von Ismael Kadares Roman, der dieses Tollhaus geografisch und politisch ausleuchtet. Nach der Niederlage des Osmanischen Reiches im russisch-türkischen Krieg 1878 konnten so gut wie alle Balkanvölker ihren eigenen Staat gründen - nur die Albaner nicht: wegen der Gebietsansprüche der Nachbarvölker und fehlender Unterstützung der europäischen Großmächte. Erst 1913, nach den Balkankriegen, einigte man sich auf die Schaffung eines Erbfürstentums Albanien in den heutigen Grenzen. Das sonst so hochgehaltene ethnische Prinzip wurde dabei ignoriert: Kosova - fast die Hälfte des von Albanern bewohnten Gebietes - wurde Serbien zugeschlagen. Hier liegen die Ursachen für die Kriege und Auseinandersetzungen bis heute. Wenn Ismail Kadare also jene Periode schildert, in der Deutschland halb Südosteuropa mit seinen überflüssigen Prinzen versorgte und in Albanien Prinz Wilhelm zu Wied inthronisiert wurde, dann erzählt er keine belanglose Geschichte. Sie beginnt, wie das 20. Jahrhundert in dieser Region geendet hat: mit den Ansprüchen auf ein Stück Land.

In der Ironie, die hinter den Details aufblitzt, bewährt sich der Autor Ismail Kadare. Sie nimmt nicht nur die tölpelhaften Krieger aufs Korn, die selbst Opfer der Geschichte sind, sondern auch die Großmächte; und vor allem Journalisten und spätere Forscher, die mehr Mythen produzieren als sie aufklären können. Quellen und Interpretationen versagen, und um das noch deutlicher zu zeigen, erfindet der Autor zu den tatsächlich existierenden noch etliche hinzu.

Jedenfalls herrscht "grassierendes Staatsgründungsfieber", denn Albanien ist ethnisch und religiös von faszinierender Buntheit, und natürlich will jede Gruppe ihren eigenen Staat gründen. Religiöse Rivalität mündet in einen perversen Wettkampf: Die Nonne Agnes will sich lebend ans Kreuz schlagen, der Derwisch Ahmet hingegen lebendig begraben lassen - so soll die Überlegenheit des jeweiligen Glaubens bewiesen werden. Das Leben wird zur Hölle, nur die Kurtisane Sara Stringa fühlt sich wohl und möchte nirgendwo anders leben - sie zählt ja auch alle Konsuln und Offiziere zu ihren Kunden.

Liest man Ismail Kadares absurdes Kaleidoskop mit seinen Perspektivewechseln, mischen sich Vergnügen und Erkenntnis. Unbekannte Archaik und die wohl vertraute Mischung aus Zynismus und Ahnungslosigkeit in der Politik der Großmächte treten krass hervor - hier erweist sich die Deutekraft des Romans für das Europa des 20. Jahrhunderts und seine Inkompetenz am Balkan. Noch mehr als der albanische Nationalismus wird die Fremdwahrnehmung der ganzen Region parodiert.

Abgeschlossen hat Kadare diesen Roman bereits 1985, im Todesjahr des kommunistischen Diktators Enver Hoxha. Als dem Autor im Vorjahr der erstmals verliehene International Booker Prize verliehen wurde, ist die Debatte um seine Rolle im Hoxha-Regime wieder aufgeflammt. Der jetzt auf Deutsch erschienene Roman kann dazu kaum etwas beitragen, hält Kadare die Gegenwartsbezüge doch deutlich offen und ermöglicht mehrere Interpretationen. Angst vor dem Chaos nach Hoxha kann man ebenso aus dem Roman herauslesen wie Spitzen gegen den Diktator. Und hinter allen Vorgängen symbolisiert ein Komet die parteilose Gleichgültigkeit der Natur gegenüber den Menschen und der Geschichte. Der Roman "Das verflixte Jahr" ist ein faszinierendes Erzähl-Gewebe, das sowohl durch konsequente Reduktion wie durch das genüsslich-ironische Ausmalen von Details fasziniert.

Das verflixte Jahr

Roman von Ismail Kadare

Aus dem Albanischen übersetzt und mit einem Glossar versehen

von Joachim Röhm

Ammann Verlag, Zürich 2005

192 Seiten, geb., e 18,40

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