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Aufzeichnungen über die österreichische Mentalitätsgeschichte

1945 1960 1980 2000 2020

"Talmi". Roman von Oskar Jan Tauschinski

1945 1960 1980 2000 2020

"Talmi". Roman von Oskar Jan Tauschinski

Er kam nicht vor in den Seminaren der Universität, er fand nicht Eingang in die Literaturgeschichte, er spielte keine Rolle auf dem Buchmarkt. Wenn vom Versagen der österreichischen Nachkriegsliteratur die Rede war, sich der Zeit des Nationalsozialismus zu stellen, wurden allenfalls George Saiko und Gerhard Fritsch als lobenswerte Ausnahmen aufgerufen. Als politisch hoch motivierte jüngere Autoren wie Michael Scharang oder Robert Schindel in den 1960er und 1970er Jahren sich der Zeitgeschichte annahmen und sich ihre eigenen kritischen Traditionen suchten, war er ihnen keiner Erwähnung wert.

Die Rede ist von Oskar Jan Tauschinski, einem sträflich vernachlässigten Autor. Sein Roman „Talmi“ erschien zuerst 1952 als Fortsetzungsroman in der Arbeiter-Zeitung in Wien, in überarbeiteter Fassung kam er 1963 als Buch im heute weitgehend unbekannten Münchener Kreißelmeier Verlag heraus. Es bedurfte der unermüdlichen Wühlarbeit von Evelyne Polt-Heinzl, dass wir jetzt beschämt nachsitzen müssen.

Dabei hat dieser Roman nicht nur einiges zu bieten, wenn einem nahegeht, wie Österreich vor und nach dem Anschluss und in der unmittelbaren Nachkriegszeit von Spießern, Denunzianten, Nutznießern des Systems und Anpassungsgiganten dominiert wird. Daneben gibt es die tragischen Verlierer, Juden, die in den Osten verfrachtet werden, oder Zwangsarbeiter. Und mittendrin eine Erzählerin, die im Nachhinein Buch führt über die Ereignisse, die zum Tod eines von ihr geliebten Underdogs mit Aufstiegswillen geführt haben. Sie ist als Keramikerin bekannt mit der Wiener Gesellschaft, kennt deren Abgründe und Hinterlist. Ihre Aufzeichnungen geben österreichische Mentalitätsgeschichte preis.

Gegen das Geschichtsvergessen

Auch ästhetisch widersetzt sich das Buch Konventionen. Ein Schriftsteller bekommt das Manuskript in die Hände. Er erkennt, dass die Verfasserin parteilich ist und betreibt, bevor er den Text öffentlich macht, selbst Nachforschungen. So ergibt das einen Roman, der auf mehreren Zeitebenen spielt und gegen das große Geschichtsvergessen angeht. Dass sich Tauschinski damit unbeliebt gemacht hat, ist zu einer Zeit, als Nazis wieder Fuß fassten in der Zweiten Republik, nicht verwunderlich. Heute sollten wir ihm einen Ehrenplatz einräumen.

Geboren 1914 in Polen, geriet er im Zweiten Weltkrieg in deutsche Kriegsgefangenschaft, blieb danach in Wien und erhielt 1947 die österreichische Staatsbürgerschaft. Als Schriftsteller blieb ihm, der sich als Übersetzer und Herausgeber für andere stark machte, der Erfolg verwehrt.