„Filip“: Mit Chuzpe, Charme und wachem Geist

1945 1960 1980 2000 2020

Anton Thuswaldner schreibt in der Rubrik "Wiedergelesen" über den Roman „Filip“ von Leopold Tyrmand.

1945 1960 1980 2000 2020

Anton Thuswaldner schreibt in der Rubrik "Wiedergelesen" über den Roman „Filip“ von Leopold Tyrmand.

Wenn Leopold Tyrmand, geboren 1920 in Warschau, den Helden seines Romans „Filip“ abenteuerliche Lebenswege beschreiten lässt, kann er auf seine eigenen Erfahrungen, die er mit Nationalsozialisten und Kommunisten gemacht hat, zurückgreifen. Gute waren das selten. Doch er macht aus dem Leben einen Schelmenroman, der es ihm erlaubt, es den Mächtigen heimzuzahlen.

Tatsächlich geriet er, nachdem er sich in Wilna dem Widerstand angeschlossen hatte, in sowjetische Gefangenschaft, schlug sich aber bald nach Frankfurt durch. Ein kühnes Unterfangen für einen Juden, der sich kurzerhand eine falsche Identität anpasste und als Kellner in einem Hotel unterkam. Tatsächlich überstand er den Krieg und zog nach Warschau, wo er in der Kulturszene Fuß fasste. Er betrieb einen Jazzclub und schrieb Bücher, denen zum Teil beachtlicher Erfolg zuteil wurde. Anpassen wollte er sich nicht, was er zu spüren kam. 1953 verlor er seinen Redakteursposten, als eine liberal eingestellte katholische Zeitschrift sich weigerte, einen Stalin-Nachruf zu bringen. Überhaupt litt er unter der Zensur, der großen Verhinderin seiner Literatur. 1966 wanderte er in die USA aus, wo er überraschend konservative Züge annahm.

Die Überlebensgeschichte liest sich locker und heiter, wie es oft geschieht, wenn sich jemand, der Schweres durchzustehen hatte, im Nachhinein die Vergangenheit kleinredet. In diesem Fall ist das auch als Rache an Tätern zu verstehen, die nicht gewieft genug sind, seine wahre Identität aufzudecken. Einer, dem die Opferrolle zugedacht ist, lässt die, die ihm an den Hals wollen, blöd aussehen.

Literatur darf das, der Tragik des Seins eine rebellische Leichtigkeit entgegensetzen. Wie Thomas Manns Felix Krull verfügt Filip über einen beweglichen Geist und Reaktionsschnelligkeit, die ihn rechtzeitig Situationen richtig einschätzen lassen. Seine Unverfrorenheit macht ihn stark, sein sicheres Auftreten bringt ihm Respekt ein. Einer holt sich vom Leben, was ihm eigentlich nicht zusteht, das macht ihn zu einem herausragenden Charakter mit subversiven Ambitionen.

Schlimm genug, dass ein Autor wie Leopold Tyrmand bei uns so lange ein Unbekannter geblieben ist und dieser Roman erst jetzt den Weg zu den deutschsprachigen Lesern gefunden hat. Es hieße, den Nazis recht zu geben, würde man dem Buch die Öffentlichkeit versagen. Ein Buch und ein Autor, denen ein Platz in der Literaturgeschichte zusteht!

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