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Das Alter als letzter Aufruf zur Freiheit

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Die Alten sind eine Herausforderung, aber auch eine wichtige soziale Reserve.

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Die Alten sind eine Herausforderung, aber auch eine wichtige soziale Reserve.

NIV Tormaler weise wird jemand zu % seinem Geburtstag beschenkt. _L 1 Alfons Auer, dem die Universität Wien die Ehrendoktoratswürde schon seit langem verleihen möchte, hat zu seinem 80. Geburtstag einem großen Leserkreis selbst ein Geschenk gemacht. Als solches darf man sein Werk „Geglücktes Altern. Eine theologisch-ethische Ermutigung” bezeichnen. Die Probleme, die mit der steigenden Lebenserwartung in unseren Ländern und der damit gegebenen Zunahme von alten und hochbetagten Menschen gegeben sind, betreffen die Zukunft der meisten von uns und fordern die Gesellschaft als ganze heraus. Seit geraumer Zeit beschäftigt sich unter dem Druck dieser Entwicklung eine interdisziplinäre gerontologische Forschung mit den vielschichtigen Facetten des Alterns.

Die Motivation dieser Forschungen besteht überwiegend in der als ethisch zu bezeichnenden Absicht, daß die Chancen des Älterwerdens genutzt werden, die Zumutungen in menschlich reifer Weise angenommen und die Erfüllungen ausgekostet werden können. Dabei können die vielen Einzeldisziplinen mit der Fülle von hilfreichen Einsichten im Detail von sich aus noch nicht die Richtung ausmachen und begründen, die bei der Verwirklichung guten und richtigen Menschseins eingeschlagen werden soll. Was das Altern im Ganzen der biographischen Entwicklung für das Gelingen von Menschsein in jeder und vor allem letzter Hinsicht bedeutet, ist eine spezifisch ethische Frage, eine Frage des philosophischen und theologischen Nachdenkens über den Sinn des Alterns.

Einsichten aus riefer Erfahrung

Wieder einmal bewährt sich der von Alfons Auer entwickelte Ansatz einer autonomen Moral im christlichen Kontext mit seinen methodisch so klaren Gedankenschritten auch in der Besinnung auf dieses Thema. Ausgehend von wesentlichen wissenschaftlichen Beobachtungen aus der Biologie, Psychologie und Soziologie werden in ausgewogener Weise verschiedene, zum Teil unterschiedliche Forschungshypothesen zur Lage der alten Menschen skizziert. Im nächsten Gedankenschritt erschließt Auer die anthropologische Bedeutung des Alterns im Ganzen der lebensgeschichtlichen Entwicklung nicht nur unter dem Aspekt des unausweichlichen Zugehens auf den eigenen Tod, sondern auch auf die durch die gewonnenen Jahre neu eröffneten authentischen und spezifischen Möglichkeiten des alten Menschen. Genau und vorsichtig, aber gerade deswegen so glaubwürdig, werden die Chancen und Gefahren des Alten zu biblischen und theologischen Aussagen in Beziehung gebracht.

Im umfangreichen letzten Kapitel werden die ethischen Herausforderungen sehr differenziert, nüchtern und lebensnah auf den Punkt gebracht. Die Vollendung der persönlichen Freiheitsgeschichte führt unweigerlich zum Scheideweg zwischen Verweigerung und Annahme. Für die spezifische Identität des alten Menschen hält Auer die Zeitsouveränität im Umgang mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft für zentral und gibt sehr konkrete Hinweise, an denen jeder reifen kann. Die sozialethischen Perspektiven werden als Herausforderung der vielen Alten an die Gesellschaft, aber auch umgekehrt wird die riesige, bislang noch keineswegs ausgeschöpfte soziale Reserve der Alten für die Gesellschaft mit viel Phantasie entfaltet. Die Schlußüberlegungen über die Fülle des Alterns „das Älter als letzter Aufruf zur Freiheit” münden in eine Meditation und in einem ebenso realistischen, nüchternen und ermutigenden Zeugnis über das Glücken des Alterns.

Der Leser merkt, daß Alfons Auer weiß, wovon er spricht und nimmt ihm, wie wenigen anderen, seine Ermutigungen zu einem glückenden Altern ab. Alfons Auer hat mit diesem Buch uns aus tiefer menschlicher Erfahrung Einsichten in eine christliche und 'menschliche Reife des alten Menschen geschenkt.

Seit 21. September 1992 - also bald seit drei Jahren - ist ein Brief der Wiener Katholisch-Theologischen Fakultät an Kardinal Groer mit der Bitte, der Verleihung des Ehrendoktorates an Alfons Auer zuzustimmen, unbeantwortet. Was mag wohl der Grund der Verweigerung der Antwort bezüglich Alfons Auer sein, dem der Papst persönlich zu seinem Geburtstag gratuliert hat? Wer sind da die Berater in Universitätsangelegenheiten?

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