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Feuilleton

Ein weißer Gipfel für ZWEI STAATEN

1945 1960 1980 2000 2020

Die höchsten Gipfel der EU-Staaten hat Wolfgang Machreich bestiegen, dabei entstand ein neues Buch. Abdruck des Kapitels "Monte Bianco".

1945 1960 1980 2000 2020

Die höchsten Gipfel der EU-Staaten hat Wolfgang Machreich bestiegen, dabei entstand ein neues Buch. Abdruck des Kapitels "Monte Bianco".

Georg und ich fahren durch den Mont Blanc-Tunnel nach Italien, um über den Monte Bianco wieder nach Frankreich zu gehen. Für diese Überschreitung von der italienischen Seite aus gibt es viele gute Gründe. Um mit dem Wichtigsten zu beginnen, der Espresso im "Chalet de Miage" am hinteren Ende des Val Veni ist eine Wucht. Weiters ist bereits der Hüttenanstieg eine anspruchsvolle Bergtour mit langen Quergängen in steilem Firn und einigen Klettersteigpassagen. Was dazu führt, dass es auf dieser Route keinen Bergsteiger-Massenauftrieb wie von der französischen Seite gibt. Die Gonella-Hütte wiederum ist ein auf 3070 Meter in steiler Felswand verstecktes Schmuckkästchen. Und die Küche steht dem Ausblick um nichts nach: Drei Gänge vom Feinsten, robuster Hauswein aus dem Aosta-Tal und ein Wohngefühl wie in einem zum solargeheizten Wintergarten umgebauten Adlerhorst. Bergsteigerherz, was willst du mehr?

Grenze exakt am Gipfel

Ich will vor allem von der italienischen Seite auf den Monte Bianco steigen, weil er für mich, so wie für die Italiener, nicht nur der höchste Berg Frankreichs, sondern auch der höchste Berg Italiens ist. So, jetzt ist es heraus! Die Grande Nation wird mich hassen. Mir egal, der Streit um den französisch-italienischen Grenzverlauf am höchsten Berg der Alpen ist ein Witz. Die Grenze zwischen Aosta und Savoyen verlief immer exakt über den Gipfel des Mont Blanc. Die Zeitläufte haben Aosta Italien und Savoyen Frankreich zugeschlagen. Der Berg aber hat sich nicht bewegt, ergo gehört jeweils eine seiner beiden Seiten bis zum Gipfel hinauf zu einem dieser beiden Länder. Den Vatikan vorwegnehmend, der sich weiter unten sowieso in diese Geschichte drängen wird, proklamiere ich deswegen: Roma locuta, causa finita! Für mich sind in der Frage die Würfel gefallen: Um dem Monte Bianco die Ehre als höchsten Italiener zu erweisen, steige ich, nach einigen Mont Blanc-Touren von Chamonix aus, dieses Mal auf der Südseite hinauf. (Der bessere Kaffee auf der Seite des Berges hat bei der Entscheidung natürlich auch eine Rolle gespielt!)

Bevor wir aber um Mitternacht schon wieder geweckt werden, der Anstieg von der Gonella-Hütte ist um 800 Höhenmeter weiter als der von der Goûter-Hütte auf der französischen Seite, möchte ich noch von zwei skurrilen Begegnungen erzählen, die mich eher an die Piazza Navona in Rom, als an ein Alpental mit Viertausender-Kulisse denken ließen:

Vom bereits erwähnten Bar-Ristorante "Chalet de Miage" führt ein geschotterter Fahrweg bis in den Talschluss des Val Veni. Almhütten mit Ausschank, Gletschermoräne, Ewiges Eis und natürlich der Ausblick auf den Monte Bianco locken neben ein paar Bergsteigern auch viele Wanderer von Courmayeur aus in diese Ecke. Glaubte ich zumindest, dass dieses Naturschauspiel die Hauptattraktion darstellt, wurde aber eines Besseren belehrt:

Eine Gruppe Italienerinnen, nicht zur Generation Internet gehörend, nutzte den Spaziergang nicht, um miteinander zu plaudern, auch nicht um dem Rauschen des Gletscherbaches zuzuhören oder dem Lied der Berge

Jede hatte stattdessen ein Handy am Ohr und telefonierte lautstark und lang. Ich musste beim Näherkommen zuhören, beim Vorbeigehen sowieso, und als ich mich nach einer Weile nach den Damen umdrehte, hingen die immer noch an der Strippe. Bin ich spießig, wenn mich so etwas aufregt?

Lustig habe ich hingegen meine Begegnung mit zwei Kindern gefunden. Das Mädchen hat ausgeschaut wie Pipi Langstrumpf mit sechs Jahren und der Bub wie der Bruder von Pipi, wenn sie denn einen hätte, mit acht. Mit ihren Großeltern haben sie es auf den riesigen Moränenrücken geschafft, den der Miage-Gletscher in Jahrhunderten vor sich hergeschoben hat. Bravo! Anstatt sich aber für den Bergzirkus zu interessieren und die Gipfel- und Gletscher-Attraktionen zu bestaunen, die ihnen Oma und Opa wortreich erklären, holt der Bub ein Computerspiel aus dem Rucksack. Das Ding wird eingeschaltet und er und seine Schwester vergessen alles analoge Drumherum und starren nur mehr auf den digitalen Bildschirm. Wahrscheinlich haben die beiden das Spiel als Belohnung versprochen bekommen, wenn sie es ins Tal und auf diesen Steinhaufen schaffen. Schöne neue Bergwelt 2.0!

Via del Papa

Von unserer Prosciutto/Carne/Polenta/Dolce-Belohnung nach fünfeinhalb Stunden Aufstieg auf die Gonella-Hütte habe ich bereits geschwärmt. Das Frühstück ist dafür eher mager ausgefallen, aber um Mitternacht ist unser Appetit sowieso noch nicht sehr ausgeprägt. Kurz vor 1 Uhr brechen wir auf, kurz nach 9 Uhr werden wir auf dem Gipfel sein. Dazwischen steigen wir einen Weg hinauf, den am 1. August 1890

ein gewisser Achille Ratti im Abstieg vom Monte Bianco erkundet hat und mit seiner Seilschaft zum ersten Mal gegangen ist. Eine wichtige Entdeckung für Italien, sind alle anderen Routen über die Südflanke doch noch weiter und schwieriger. Der Italiener Ratti war ein ambitionierter Bergsteiger. Im Jahr vor seinem Erfolg am Monte Bianco gelang ihm das Matterhorn von der (schwierigeren) italienischen Seite und die siebte Begehung der Monte Rosa-Ostwand, eine der gefährlichsten und forderndsten Eiswände der Alpen. Was die "Via Ratti" auf den Monte Bianco aber zu einer alpin-historischen Rarität macht, ist der weitere Berufsweg seines Entdeckers. 1922, er hatte es mittlerweile zum Kardinal von Mailand gebracht, wurde Ratti zum Papst gewählt. Aus Achille Ratti wurde Pius XI. und aus dem Normalweg auf den Monte Bianco von der italienischen Seite die "Via del Papa".

Wobei "Via" nicht ganz der richtige, weil zu verharmlosende Ausdruck für diese wilde Trasse ist. Deren kühne Routenführung durch den wild zerklüfteten Dômegletscher, steile Eisfronten und messerscharfe Schneegrate können Georg und ich erst vom Gipfel aus richtig bewundern. Während des Aufstiegs in stockdunkler Nacht sehen wir nur so weit wie die Lichtkegel unserer Stirnlampen leuchten. Und wir müssen uns auch auf die paar Meter vor uns konzentrieren. Glücklicherweise spüre ich nur einmal den Boden unter meinen Füßen ein wenig nachgeben und kann mich mit einem schnellen, weiten Schritt von der weniger stabilen Schneebrücke als erhofft auf sicheres Terrain retten. Der Eishang zum Col der Aiguilles Grises ist 45 Grad steil. Zum Vergleich: Die "Mausefalle", das steilste Stück der Kitzbühler Hahnenkamm-Abfahrt, hat ein Gefälle von gut 40 Grad. Und der Schneegrat zum Piton des Italiens wird zur Mutprobe. Von weit unten leuchten die Lichter von St. Gervais herauf. Georg sichert und ich balanciere eine Steinwurf weit über die fußbreite Himmelsleiter. Dass eine gehörige Portion Gottvertrauen zur Mindestanforderung eines Papstwegs gehört, hätten wir uns denken können. Bei Sturm ist diese Schneide, Papst hin, Papst her, jedenfalls ein Himmelfahrtskommando. Ein Jahr nach seiner Wahl hat Pius XI. den Heiligen Bernhard zum Schutzpatron der Alpenbewohner und Bergsteiger erhoben. Damit ist klar, wem wir für unsere windstille Passage dieser Schlüsselstelle zu danken haben.

Gemeinsame Route

Noch dankbarer sind wir aber der Sonne, die sich endlich entschließt die kalte Nacht zu vertreiben, als wir den Col du Dôme erreichen. Dort, in der Senke zwischen der gutmütigen Schneekuppe des Dôme du Goûter und dem forschem Finale hinauf zum höchsten Alpengipfel, mündet der italienische Weg in die französische Normalroute. Gemeinsam führen sie über den buckligen Bossesgrat zum gemeinsamen Gipfel. So soll es sein. Der Berg ist so groß, so schön, so weiß, der reicht für zwei Staaten, da können zwei Völker stolz darauf sein. Die Franzosen auf ihren Mont Blanc, die Italiener auf ihren Monte Bianco. Und Georg und ich auf unsere Tour von Italien nach Frankreich in der Spur von "il Papa alpinista". Amen!

Georg und ich fahren durch den Mont Blanc-Tunnel nach Italien, um über den Monte Bianco wieder nach Frankreich zu gehen. Für diese Überschreitung von der italienischen Seite aus gibt es viele gute Gründe. Um mit dem Wichtigsten zu beginnen, der Espresso im "Chalet de Miage" am hinteren Ende des Val Veni ist eine Wucht. Weiters ist bereits der Hüttenanstieg eine anspruchsvolle Bergtour mit langen Quergängen in steilem Firn und einigen Klettersteigpassagen. Was dazu führt, dass es auf dieser Route keinen Bergsteiger-Massenauftrieb wie von der französischen Seite gibt. Die Gonella-Hütte wiederum ist ein auf 3070 Meter in steiler Felswand verstecktes Schmuckkästchen. Und die Küche steht dem Ausblick um nichts nach: Drei Gänge vom Feinsten, robuster Hauswein aus dem Aosta-Tal und ein Wohngefühl wie in einem zum solargeheizten Wintergarten umgebauten Adlerhorst. Bergsteigerherz, was willst du mehr?

Grenze exakt am Gipfel

Ich will vor allem von der italienischen Seite auf den Monte Bianco steigen, weil er für mich, so wie für die Italiener, nicht nur der höchste Berg Frankreichs, sondern auch der höchste Berg Italiens ist. So, jetzt ist es heraus! Die Grande Nation wird mich hassen. Mir egal, der Streit um den französisch-italienischen Grenzverlauf am höchsten Berg der Alpen ist ein Witz. Die Grenze zwischen Aosta und Savoyen verlief immer exakt über den Gipfel des Mont Blanc. Die Zeitläufte haben Aosta Italien und Savoyen Frankreich zugeschlagen. Der Berg aber hat sich nicht bewegt, ergo gehört jeweils eine seiner beiden Seiten bis zum Gipfel hinauf zu einem dieser beiden Länder. Den Vatikan vorwegnehmend, der sich weiter unten sowieso in diese Geschichte drängen wird, proklamiere ich deswegen: Roma locuta, causa finita! Für mich sind in der Frage die Würfel gefallen: Um dem Monte Bianco die Ehre als höchsten Italiener zu erweisen, steige ich, nach einigen Mont Blanc-Touren von Chamonix aus, dieses Mal auf der Südseite hinauf. (Der bessere Kaffee auf der Seite des Berges hat bei der Entscheidung natürlich auch eine Rolle gespielt!)

Bevor wir aber um Mitternacht schon wieder geweckt werden, der Anstieg von der Gonella-Hütte ist um 800 Höhenmeter weiter als der von der Goûter-Hütte auf der französischen Seite, möchte ich noch von zwei skurrilen Begegnungen erzählen, die mich eher an die Piazza Navona in Rom, als an ein Alpental mit Viertausender-Kulisse denken ließen:

Vom bereits erwähnten Bar-Ristorante "Chalet de Miage" führt ein geschotterter Fahrweg bis in den Talschluss des Val Veni. Almhütten mit Ausschank, Gletschermoräne, Ewiges Eis und natürlich der Ausblick auf den Monte Bianco locken neben ein paar Bergsteigern auch viele Wanderer von Courmayeur aus in diese Ecke. Glaubte ich zumindest, dass dieses Naturschauspiel die Hauptattraktion darstellt, wurde aber eines Besseren belehrt:

Eine Gruppe Italienerinnen, nicht zur Generation Internet gehörend, nutzte den Spaziergang nicht, um miteinander zu plaudern, auch nicht um dem Rauschen des Gletscherbaches zuzuhören oder dem Lied der Berge

Jede hatte stattdessen ein Handy am Ohr und telefonierte lautstark und lang. Ich musste beim Näherkommen zuhören, beim Vorbeigehen sowieso, und als ich mich nach einer Weile nach den Damen umdrehte, hingen die immer noch an der Strippe. Bin ich spießig, wenn mich so etwas aufregt?

Lustig habe ich hingegen meine Begegnung mit zwei Kindern gefunden. Das Mädchen hat ausgeschaut wie Pipi Langstrumpf mit sechs Jahren und der Bub wie der Bruder von Pipi, wenn sie denn einen hätte, mit acht. Mit ihren Großeltern haben sie es auf den riesigen Moränenrücken geschafft, den der Miage-Gletscher in Jahrhunderten vor sich hergeschoben hat. Bravo! Anstatt sich aber für den Bergzirkus zu interessieren und die Gipfel- und Gletscher-Attraktionen zu bestaunen, die ihnen Oma und Opa wortreich erklären, holt der Bub ein Computerspiel aus dem Rucksack. Das Ding wird eingeschaltet und er und seine Schwester vergessen alles analoge Drumherum und starren nur mehr auf den digitalen Bildschirm. Wahrscheinlich haben die beiden das Spiel als Belohnung versprochen bekommen, wenn sie es ins Tal und auf diesen Steinhaufen schaffen. Schöne neue Bergwelt 2.0!

Via del Papa

Von unserer Prosciutto/Carne/Polenta/Dolce-Belohnung nach fünfeinhalb Stunden Aufstieg auf die Gonella-Hütte habe ich bereits geschwärmt. Das Frühstück ist dafür eher mager ausgefallen, aber um Mitternacht ist unser Appetit sowieso noch nicht sehr ausgeprägt. Kurz vor 1 Uhr brechen wir auf, kurz nach 9 Uhr werden wir auf dem Gipfel sein. Dazwischen steigen wir einen Weg hinauf, den am 1. August 1890

ein gewisser Achille Ratti im Abstieg vom Monte Bianco erkundet hat und mit seiner Seilschaft zum ersten Mal gegangen ist. Eine wichtige Entdeckung für Italien, sind alle anderen Routen über die Südflanke doch noch weiter und schwieriger. Der Italiener Ratti war ein ambitionierter Bergsteiger. Im Jahr vor seinem Erfolg am Monte Bianco gelang ihm das Matterhorn von der (schwierigeren) italienischen Seite und die siebte Begehung der Monte Rosa-Ostwand, eine der gefährlichsten und forderndsten Eiswände der Alpen. Was die "Via Ratti" auf den Monte Bianco aber zu einer alpin-historischen Rarität macht, ist der weitere Berufsweg seines Entdeckers. 1922, er hatte es mittlerweile zum Kardinal von Mailand gebracht, wurde Ratti zum Papst gewählt. Aus Achille Ratti wurde Pius XI. und aus dem Normalweg auf den Monte Bianco von der italienischen Seite die "Via del Papa".

Wobei "Via" nicht ganz der richtige, weil zu verharmlosende Ausdruck für diese wilde Trasse ist. Deren kühne Routenführung durch den wild zerklüfteten Dômegletscher, steile Eisfronten und messerscharfe Schneegrate können Georg und ich erst vom Gipfel aus richtig bewundern. Während des Aufstiegs in stockdunkler Nacht sehen wir nur so weit wie die Lichtkegel unserer Stirnlampen leuchten. Und wir müssen uns auch auf die paar Meter vor uns konzentrieren. Glücklicherweise spüre ich nur einmal den Boden unter meinen Füßen ein wenig nachgeben und kann mich mit einem schnellen, weiten Schritt von der weniger stabilen Schneebrücke als erhofft auf sicheres Terrain retten. Der Eishang zum Col der Aiguilles Grises ist 45 Grad steil. Zum Vergleich: Die "Mausefalle", das steilste Stück der Kitzbühler Hahnenkamm-Abfahrt, hat ein Gefälle von gut 40 Grad. Und der Schneegrat zum Piton des Italiens wird zur Mutprobe. Von weit unten leuchten die Lichter von St. Gervais herauf. Georg sichert und ich balanciere eine Steinwurf weit über die fußbreite Himmelsleiter. Dass eine gehörige Portion Gottvertrauen zur Mindestanforderung eines Papstwegs gehört, hätten wir uns denken können. Bei Sturm ist diese Schneide, Papst hin, Papst her, jedenfalls ein Himmelfahrtskommando. Ein Jahr nach seiner Wahl hat Pius XI. den Heiligen Bernhard zum Schutzpatron der Alpenbewohner und Bergsteiger erhoben. Damit ist klar, wem wir für unsere windstille Passage dieser Schlüsselstelle zu danken haben.

Gemeinsame Route

Noch dankbarer sind wir aber der Sonne, die sich endlich entschließt die kalte Nacht zu vertreiben, als wir den Col du Dôme erreichen. Dort, in der Senke zwischen der gutmütigen Schneekuppe des Dôme du Goûter und dem forschem Finale hinauf zum höchsten Alpengipfel, mündet der italienische Weg in die französische Normalroute. Gemeinsam führen sie über den buckligen Bossesgrat zum gemeinsamen Gipfel. So soll es sein. Der Berg ist so groß, so schön, so weiß, der reicht für zwei Staaten, da können zwei Völker stolz darauf sein. Die Franzosen auf ihren Mont Blanc, die Italiener auf ihren Monte Bianco. Und Georg und ich auf unsere Tour von Italien nach Frankreich in der Spur von "il Papa alpinista". Amen!