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Stau!

Was lockt die Massen auf hohe Berge?

Antoine de Saint-Exupéry war kein Bergsteiger. Er überflog die Berge nur und beschrieb sie. An ihn dachte ich, als ich einst tagelang mit meinem Kameramann im Hubschrauber saß und mir wohlbekannten Berge - Dachstein und Totes Gebirge - aus der Luft sah und filmte. Exupéry hatte recht: "Dem Flugapparat danken wir die Entdeckung des wahren Gesichts unserer Erde!"

Ich sah kilometerlange, brutal in Berglandschaften gesprengt Forststraßen, klaffenden Wunden gleich. Und ich sah die Menschen im Gebirge, viele Menschen! Ameisenzügen gleich, allerdings nur auf einige wenige, bekannte Wege und überlaufene Gipfel wie den Dachstein konzentriert. Ich sah aber nur wenige auf den unendlichen Hochflächen des Toten Gebirges, ein in seiner Einsamkeit für mich fast mystisches Gebirge.

Der Großglockner gehört auch zu jenen überlaufenen Bergen. Wie alle höchsten Gipfel - der Mont Blanc als höchster Berg Europas, der Mount Everest als höchster der Welt und Gipfelpunkt kollektiven Wahnsinns: In den 25 Jahren zwischen seiner Erstbesteigung 1953 und dem Jahr 1978, als die ersten drei Österreicher auf seinem Gipfel standen, erreichten gerade 25 Alpinisten den höchsten Punkt der Erde. Ein weiteres Vierteljahrhundert später pressten sich im Mai des Jahres 1992 an einem Tag nicht weniger als 33 Menschen auf dem Gipfel des Everest zusammen!

Vergleiche drängen sich auf mit dem Zug der Lemminge und den Gnu-Herden, die sich auf der Suche nach Wasser und Nahrung zu Zehntausenden in reißende Flüsse stürzen, dort zu Tausenden umkommen. Zertrampelt, ertrunken, von Krokodilen zerfleischt. Ein gewagter Vergleich zugegebenermaßen. Der Mensch führt immerhin menschliche Gründe für seinen Gang in die Berge an. Aber auch er kommt selten allein.

Hinaufgezogen wie ein Sack!

Von einer "Alpencaravane" berichteten schon die Mitglieder der Expedition, die der Gurker Fürsterzbischof Franz Xaver Altgraf von Salm-Reifferscheid 1800 zur zweiten Glocknerbesteigung ausrüstete: 62 Personen gehörten ihr an, darunter 47 Führer und Träger. Nur fünf schafften den Gipfel, um dort "in stummer Bewunderung dem hohen erhabenen Schauspiel zuzusehen, in dem "die Natur eine ihrer großen, heiligen Stunden feierte". Einer von ihnen, der Generalvikar Sigmund von Hohenwart, später Bischof von Linz, gab allerdings zu: "Man hat mich wie einen Sack hinaufgezogen. Die Freude aber war grenzenlos, ich würde sie mir um alles in der Welt nicht abkaufen lassen!" Solche Ehrlichkeit vermisse ich bei vielen Glocknerstürmern unserer Tage.

Von den 62 Mann des Jahres 1800 führte ein logischer Weg zu den Riesenexpeditionen in den Himalaya. Die höchsten Berge der Welt waren ein halbes Jahrhundert lang Ziele militärisch geplanter Großunternehmen. Hundertschaften belagerten zum eigenen Ruhm und zur Glorie des Vaterlandes die Achttausender. Und wie im Krieg starben auch unzählige am Berg.

Was aber treibt den, der vornehmlich allein in die Berge zieht? Auch Ehrgeiz und sportliches Rekorddenken? "Die Gefahr und die unendliche Großartigkeit des Hochgebirges in ihrer Vereinigung sind es, die uns dämonisch anlocken" bekannte schon vor 115 Jahren Georg Winkler. Der Münchner Gymnasiast, einer der großen ersten Alleingänger, wurde nur 18 Jahre alt - starb in den Bergen. "Es hat mich getrieben und war stärker als alles andere in dieser Welt" schrieb Hermann Buhl, der Erstbesteiger des Nanga Parbat 1953. Vier Jahre später war auch er tot, gerade 33 Jahre alt. Oder ist es die Suche nach Bergeinsamkeit und Gipfelglück? "Ich wollte hoch hinaufsteigen, um tief in mich hineinsehen zu können", so Reinhold Messner.

Freude am Unbedeutenden

Ich gebe es gerne zu: Auch ich habe diese "heiligen Stunden der Natur" gesucht und erlebt. Allerdings nur auf unbedeutenden Gipfeln, die den wahren Alpinisten keinen Schritt wert waren. Deshalb haben wir in der ORF-Dokumentationsreihe "Land der Berge" auch nie zum Großglockner gedrängt, nie auf ihm gefilmt, sondern uns unbekanntere und weniger überlaufene Gipfel gesucht. Ebenso führte unsere einzige Expedition auf einen Achttausender nicht auf den höchsten, sondern auf den niedrigsten. Wer aber trägt nun die Schuld an den Massenaufläufen am Glockner, an den nicht wenigen Toten der letzten Jahre? Sicher nicht die sonst so gerne als Verantwortliche für manchen Un- und Wahnsinn in den Bergen hingestellten Fremdenverkehrsmanager. Sie müssten eigentlich an ihrer Arbeit zweifeln. Die Übernachtungen in den drei Glocknergemeinden Fusch, Heiligenblut und Kals haben zwischen 1979 und 1998 um 28 Prozent abgenommen. Befuhren 1962 noch 360.000 Fahrzeuge das österreichische Aushängeschild, die Großglockner-Hochalpenstraße, so waren es 1999 nur noch 284.000 Autos. Auch die Besucherzahlen der Adlersruhe, Österreichs höchst gelegener Schutzhütte, gingen in den letzten Jahren zurück.

Rauf auf die "Modeberge"!

Warum stauen sich aber noch immer Menschenschlangen auf Kleinglockner, Glocknerscharte und Großglockner? Belastet Abfall tonnenweise Berglandschaften? Es ist wohl die Schuld jedes einzelnen Bergsteigers, jedes einzelnen von uns. Daran, so fürchte ich, werden auch die Gespräche und Beratungen vieler berühmter Alpinisten aus aller Welt nichts ändern, die sich vor wenigen Tagen in Innsbruck trafen. Ein "Regelbuch" für die Berge zu schaffen, war ihr Ziel. "Wir müssen den Charakter der Bergwelt bewahren und dem reinen Konsumdenken entgegentreten!" formulierte der Salzburger Kurt Diemberger, der einzige noch Lebende, der zwei Achttausender erstbestiegen hat. Und der von Königin Elisabeth geadelte Sir Chris Bonnington ergänzte: "Es geht um den Menschen und die Natur - und um die Maxime aller Bergsportler: hinterlasse keine Spuren, wenn du von oben zurückgekommen bist!"

Ob das als "Tirol-Deklaration" bezeichnete Papier von der Mehrheit der Bergsteiger akzeptiert werden wird? Ich bezweifle es. Das mag nach Resignation klingen, weil auch ich keine effektiven Möglichkeiten zur Entschärfung des oft lebensgefährlichen Gedränges auf Großglockner, Mont Blanc und Mount Everest sehe. So provoziere ich als Umkehrschluss die Aufforderung: Lasst die Menschen weiterhin in Massen Modeberge besteigen, so wie sie Modeorte und Modestädte besuchen, Modesportarten betreiben! Sie bewahren damit wenigstens weite Teile anderer Naturlandschaften vor dem Überranntwerden.

Lasst denen, die den Gefahren der Berge nur knapp entkamen, ihren Willen! Sie werden alle wiederkommen. Mit erfrorenen Finger, mit amputierten Zehen, vielleicht auch mit der Erinnerung an tote Bergkameraden. Mit der gleichen Selbstverständlichkeit wiederkommen, mit der einst Niki Lauda nur sechs Wochen nach dem Feuerinferno wieder im Rennwagen saß. Trotz seines versengten Körpers, trotz seiner Erinnerungen.

Gottfried Benn, Arzt und Dichter, schrieb nicht zu unrecht, dass "Bergsteigen oft ein am Tode provoziertes Leben wäre". Für die meisten von uns ist diese Sucht unverständlich. Aber es ist eben so. Weil es Wille des Menschen ist, sich seine Ziele und Träume zu erfüllen. Schon Francesco Petrarca, dessen begeisterter Bericht über die Besteigung des Mont Ventoux in der Provence als "Geburtsstunde des Alpinismus" bezeichnet wird, hat dies 1336 am Gipfel des Berges in den "Bekenntnissen des Augustinus" nachlesen können: "Da gehen die Menschen, die Höhen der Berge zu bewundern und die Fluten des Meeres, die Strömungen der Flüsse, des Ozeans Umkreis und der Gestirne Bahnen und verlieren sich dabei selber ..."

Der Autor war Mitbegründer und Sendungsverantwortlicher der ORF-Sendung "Land der Berge".

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