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Massenansturm auf die Achttausender

1945 1960 1980 2000 2020

Der Tourismus dringt überallhin vor: Wüste, Urwald und höchste Gipfel werden erschlossen. Aber die Eroberung hinterläßt ihre Spuren.

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Der Tourismus dringt überallhin vor: Wüste, Urwald und höchste Gipfel werden erschlossen. Aber die Eroberung hinterläßt ihre Spuren.

Dass immer mehr Menschen mit immer raffinierterer Ausrüstung in immer mehr Bereiche der Natur eindringen ist heute eine Binsenwahrheit. Selbst Reinhold Messner ist inzwischen "Realist genug, um zu erkennen, dass sich die Stadtkultur ins Gebirge ausbreitet, immer weiter hinauf, immer weiter hinein."

Im Höhenbergsteigen erfolgte die Eroberung aller 14 Achttausender in den Jahren 1950 bis 1964. Ab den siebziger und achtziger Jahren verlagerte sich das Interesse der Bergsteiger auf lange Überschreitungen (zum Beispiel Nord-, Vor- und Hauptgipfel des Broad Peak) und schwierige Wanddurchstiege (etwa Westwand des Gasherbrum IV, Südwand des Lhotse).

Man fing an, Konzepte mit einer leichten Ausrüstung und mobiler Taktik zu erarbeiten, selbst im Hinblick auf die im Himalaja herrschenden, kolossalen Größenordnungen. Inzwischen ist es für gut akklimatisierte Seilschaften Mode geworden, in steilem, technisch anspruchsvollem Gelände ohne die lähmenden Auswirkungen extremer Höhenlagen mehrere Tage hintereinander zu klettern.

Wonderland Himalaja Im Windschatten der Spitzenleistungen des modernen Expeditionsbergsteigens hat die Vermarktung der Achttausenderhatscher begonnen. Werbestrategen leben davon, die ehrfurchtgebietenden Berggipfel des Karakorum und Himalaja für "Nonplusultra-Fetischisten" salonfähig zu machen. Und Gipfelsammler, die Höhe mit Qualität gleichsetzen, nutzen dieses Sprungbrett zum Ruhm für Anspruchslose.

Seit einem Vierteljahrhundert ermöglichen steigende Einkommen bei sinkender Arbeitszeit und gleichzeitig höherer Mobilität häufigere und weitere Reisen. Das Interesse des (kommerziellen) Bergsteigens hat sich seither vom "Fun-Park Alpen" auf das "Wonderland Himalaja" ausgeweitet. Selbst Mount Everest und K2 sind mittlerweile Touristenziele, von denen Pauschalreisende weniger durch die Höhe als durch bislang noch prohibitive Preisgestaltung abzuhalten sind.

Das Bergabenteuer ist populärer denn je. Die aus dem (exklusiven) Extrem- oder Spitzenbergsteigen bekannte Dynamik permanenter Übertrumpfung setzt sich im (ordinären) Massenbergsteigen als Karikatur fort: Zwar sind heute Expeditionen meist auf die Wiederholung gelungener oder gescheiterter Vorbilder aus, doch noch immer kann man der jüngste oder älteste Gipfelstürmer sein.

Obwohl jeder dieser Rekorde lächerlich ist, bleiben Steigerung und Beschleunigung die Antriebsmomente eitler Abenteuertouristen. War ursprünglich das Können des Dürfens Maß, so können im Zeitalter, da Berge Mega-Arenen sind, mit etwas Geld, Kondition und Unerschrockenheit - dank der Hilfe erfahrener Bergführer - Traumberge wie Ama Dablam oder "leichte" Achttausender erkauft werden.

Aufgrund des egalitären Prinzips einer demokratischen Massengesellschaft dürfen heute alle alles tun und soll niemand den Gewinn und Reiz einer Meisterleistung exklusiv für sich verbuchen.

Unter den Bergsteigern ist der Archetypus des Grenzgängers zur Ausnahme geworden, die modernen Extremtouristen als klägliche Imitationen der Titanen von einst sind die Regel.

In Europa sind es die Hütten und Drahtseile, die den Normalweg auf Publikumsmagnete wie den Großglockner und das Matterhorn kennzeichnen; im Himalaja verläuft der Aufstieg der Massen auf Cho Oyu und Mount Everest über Lager und Fixseile. Bergsteigende Parvenüs ersetzen das Motto "by fair means" durch die Devise "by any means"; mit präparierten Trampelpfaden durch Gletscherbrüche und extravaganten bis dekadenten Luxusartikeln im Marschgepäck konsumieren sie Sechs-, Sieben- und Achttausender als Markenartikel.

Das Mehr an Menschen im Himalaja und die Änderung der Einstellung zu den Bergen verursachen auch eine Zunahme an Bergunfällen. Bergsport ist Risikosport. Wer auf den Gipfelsturm in der Todeszone nicht verzichten will, riskiert sein Leben. Leistungsfähigkeit, Können, Kondition und Erfahrung sind durch gute Ausrüstung nicht zu ersetzen, sondern nur zu ergänzen. Die Höhe und die Schwierigkeiten berühmter wie unbedeutender Berge bleiben gleich; was sich ändert, ist die Unfallstatistik: "Die Bergtoten werden mit dem Massenbergsteigen nicht weniger, sie werden mehr", prophezeit Reinhold Messner.

Mit der Vermassung der Bergreisen in andere Kontinente hat sich auch eine Globetrotterindustrie aufgetan, die auf Vorbilder wie den Südpolbezwinger Amundsen und mehr oder weniger (un)bekannten Bergsteigern setzt, um ihre Produkte zu vermarkten. Die Zahl der Spezialausrüster und deren Umsätze haben sich in den letzten Jahren vervielfacht. In den Bestsellerlisten hält sich seit Monaten "ln eisigen Höhen", John Krakauers Bericht über eine von Kommerzdenken ausgelöste Bergkatastrophe am Mount Everest. Wer glaubt, dass die traurige Bilanz von neun Toten während eines Schlechtwettereinbruchs im Mai 1996 am Dach der Welt dem Geschäft mit dem Bergsteigen schaden würde, irrt - im Gegenteil: Die Publicity treibt nur nochmehr Leute in die Todeszone. Tote am Berg schrecken schau- und sensationslustige Menschen nicht ab.

So tummeln sich die Konsumbergsteiger im völlig überfüllten Everest-Basecamp und am Konkordiaplatz (Karakorum) und streben nach einem karrierefördernden Bergabenteuer, während die stillen Meister des Alpinismus abseits der mit Handys und Internet ausgerüsteten Horde von Dilettanten ihre Leistungen am Berg erbringen.

Eine Öko-Expedition "Der Everest ist von unten bis oben mit Schrott übersät und mit ein paar Leichen dazu", stellte Sir Edmund Hillary fest. Tatsächlich handelt es sich bei diesen Aktivitäten der "Fun & Action"-Generation um eine ziemlich agressive Form der Naturnutzung. Das ist in der Öffentlichkeit weitgehend bekannt. Doch gutgemeinte Richtlinien für Fernreisende und ernstgenomme Verhaltensregeln für umwelt- und sozialverträgliche Bergreisen können die ökologischen Folgen des Ausnützens und Gebrauchs (Verbrauchs) der Naturkulisse nicht verhindern.

Um die Müllhalden am Fuß des Mount Everest und K2 in den Griff zu bekommen, bedarf es gesellschaftspolitischen Engagements - wie etwa der von Mountain Wilderness 1990 organisierten ersten ökologischen Expedition zum K2. Im Rahmen dieser Putzexpedition wurden 3.500 Kilo Abfälle (darunter 50 Kilo Batterien), 100 Meter Drahtseilleitern und zehn Kilometer Fixseile gesammelt.

Straßenprojekte Die nach wie vor von der Werbung eifrig geschürte und von der facettenreichen Tourismusbranche beworbene totale Freiheit in Form uneingeschränkten Naturkonsums in ökologisch empfindlichen Gegenden der Welt ist verantwortungslos. Auch wenn der Mensch sich übernimmt, wenn er meint, er könne die Natur endgültig beherrschen oder zerstören, ist zu überdenken, ob es Wert ist, die an Freiheit gewöhnten Freizeitmenschen als exzessive und unkritische Nutzer beliebiger Naturlandschaften auf Berge loszulassen, die ihnen zwei Schuhnummern zu groß sind.

Doch die Stille und Größe des Himalaja ist auch ohne die boomende Expeditionsmanie gefährdet. Insbesondere in Indien und Pakistan werden unter menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen Straßenprojekte vorangetrieben, die eine neue Mobilität auf den alten Routen der Karawanen erwarten lassen. Der Ausbau der Infrastruktur bis auf Höhen von mehr als 5500 Meter erinnert an die Erschließungsgeschichte der Alpen durch Bahnen und Straßen.Sind die Bergregionen des Himalaja für den motorisierten Verkehr zugänglich, so setzt sich auch dort der westliche Trend zur Beschleunigung fort. Durch die neuen Verkehrs-adern potenzieren sich zudem die Ursachen der meisten Umweltschäden außerhalb der Siedlungsräume.

Obwohl die Natur aufgrund ihres schier unerschöpflichen Erneuerungspotentials vor menschlichen Eingriffen immun ist, bergen die aufgezeigten Entwicklungen Gefahren. Der alpine Kolonialismus - von manchen als Hilfswerk und Segen für die ärmsten Länder der Welt gesehen - dringt nicht nur in Ökonischen, sondern auch in jahrtausendalte Kulturräume ein. Dass der Himalaja im tiefsten Sinn des Wortes ein heiliges Gebirge ist, kümmert clevere Verkäufer von Naturerlebnissen kaum. Auch im neuen Jahrtausend setzen wir alles dran, um schneller, schöner, intelligenter, reicher und mächtiger zu sein. Die Chancen stehen gut, dass im Kleinen wie im Großen Kulturen und Ökosysteme unwiderruflich zerstört werden und daß wir diese Veränderungen nicht mehr kontrollieren können.

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