Gipfelstürmer - © Foto: iStock / borchee
Wissen

Gipfelstürmer aus Staatsraison

1945 1960 1980 2000 2020

Die berühmtesten Bergeroberungen waren weder Selbstzweck noch „Eroberung des Nutzlosen“, sondern Balsam für Volksseelen, getränkt mit wissenschaftlicher Ehre oder Nationalstolz.

1945 1960 1980 2000 2020

Die berühmtesten Bergeroberungen waren weder Selbstzweck noch „Eroberung des Nutzlosen“, sondern Balsam für Volksseelen, getränkt mit wissenschaftlicher Ehre oder Nationalstolz.

Die immer gültige Hymne auf den Eroberungsdrang des Berg- steigens hat Wolfgang Ambros in zwei Liedzeilen seines legendären Albums „Der Watzmann ruft“ gepackt: „Voda, Voda loß mi ziag’n, da Berg i muass eam unterkriag’n.“ Ober sticht Unter – die Logik des Kartenspiels lässt sich eins zu eins auf den Alpinismus übertragen.

Die immer gültige Hymne auf den Eroberungsdrang des Berg- steigens hat Wolfgang Ambros in zwei Liedzeilen seines legendären Albums „Der Watzmann ruft“ gepackt: „Voda, Voda loß mi ziag’n, da Berg i muass eam unterkriag’n.“ Ober sticht Unter – die Logik des Kartenspiels lässt sich eins zu eins auf den Alpinismus übertragen.

Nicht zufällig nannten die bergnarrischen Briten im 19. Jahrhundert die Alpen „The Playground of Europe“. Auf diesem Spielplatz gab es nur ein Ziel: immer höher hinauf. Mit den Regeln nahm man es nicht so genau: „By fair means“ blieb wenigen Puristen vorbehalten, ansonsten wurde der Stand der Technik genutzt, um nach ganz oben zu kommen: vom Enterhaken über Leitern bis zur Sauerstoffflasche.

Und noch einmal nicht zufällig entzündete sich das alpine Feuer am Urtrieb für alle Eroberungen: der Gier nach Neuem. Ein Dichter läutet die Geburtsstunde des Alpinismus ein. 1336 stieg Francesco Petrarca auf den Mont Ventoux, einen nicht ganz 2000 Meter hohen Berg in der Provence. In einem Brief erklärt er die für seine Zeit beispiellose Tat: „Den höchsten Berg dieser Gegend, den man nicht zu Unrecht Ventosus, den Windigen, nennt, habe ich am heutigen Tage bestiegen, einzig von der Begierde getrieben, diesen außergewöhnlich hohen Ort mit eigenen Augen zu sehen.“

Für Neugierde und Selbstzweck

Das Bergsteigen aus Neugier und um des Selbstzwecks willen ist erfunden. Diese Motivation wird bald von anderen, pragmatischeren, hehreren Zielen überformt: Im Sommer 1492 befahl Frankreichs König Karl VIII. seinem Kammerherrn Antoine de Ville, auf den Mont Aiguille zu klettern. Der steile 2087 Meter hohe Berg südlich von Grenoble galt als unersteigbar – das reizte den König. Er bekam, was er wollte: Mit Leitern ausgerüstet, von zwei Priestern, einem Notar und Gehilfen begleitet, machte der Kammerdiener das Unmögliche möglich. Sechs Tage blieb der Trupp auf dem Gipfel – böse Zungen behaupteten, sie fürchteten sich vor dem Abstieg … Eine andere, zugegeben welthistorisch bedeutendere Entdeckung im selben Jahr ließ diesen alpinen Meilenstein in den Hintergrund geraten: Nichtsdestotrotz gilt von da an – so wie für die Eroberung der Neuen Welt –, dass auch die Eroberung der Bergwelt keine politikfreie Zone bleibt – und daneben zum Reich der Wissenschaft avanciert.

Ein bedeutender Geburtshelfer des Alpinismus ist der Genfer Philosoph und Naturforscher Horace Bénédict de Saussure: „Gratuliere mir! Ich komme von der Eroberung des Mont Blanc zurück!“, rief er einem Freund zu, nachdem er am 3. August 1787 den höchsten Gipfel der Alpen bestiegen hatte. Er war nicht der Erste.

Angespornt vom Preisgeld, das Saussure versprochen hatte, suchte und fand der Kristallsucher Jacques Balmat mit dem Arzt Michel-Gabriel Paccard einen Weg auf die Eiskuppe. Doch die Erstbesteiger zählten in der Öffentlichkeit nicht. Erst Saussure wurde bei seiner Rückkehr wie ein Held gefeiert. Man ernannte ihn zum Fellow der Royal Society in London und verglich ihn mit dem Botaniker Joseph Banks, der durch seine Weltumsegelung mit Captain Cook einer der berühmtesten Wissenschafter seiner Zeit war. Ende des 18. Jahrhundert zählte noch allein die wissenschaftliche Eroberung des Bergs: „Ohne ein erhabenes Ziel vor Augen sollte man derartiges nicht in Betracht ziehen“, forderte ein Zeitgenosse: „Expeditionen auf diesem gefährlichen Berg stehen im Widerspruch zu Vernunft und Menschlichkeit, es sei denn sie würden zu eindeutig nützlichen Zwecken unternommen. Saussure war Philosoph und bei seiner Montblanc-Besteigung ging es um die damals aktuellen Fragen der Höhe, der dünnen Luft und um andere physikalische Probleme.“

Der Narr am Berg

Am Nützlichkeitskriterium müssen sich auch die Alpinisten des 19. Jahrhunderts messen lassen: „Zwar gibt es von jeher Narren – und sehr große dazu – aber Mr. Whymper ist der größte von allen“, schrieb die britische Presse dementsprechend despektierlich über ihren Landsmann, als sich dieser 1863 zu seinem sechsten Versuch zur Besteigung des Matterhorns aufmachte. Er wird wieder scheitern, so wie im Jahr darauf … Doch am 14. Juli (!) 1865 revolutioniert Edward Whymper, der „Robespierre der Bergsteigerei“, mit der Erstbesteigung des Matterhorns den Alpinismus. Ein Drama, das sich begnadete Drehbuchschreiber nicht hätten besser ausdenken können und das Reinhold Messner so zusammenfasst: „In der Matterhorn-Katastrophe ist alles enthalten, was 150 Jahre Alpingeschichte prägen wird: Rivalität, Nationalismus, Begeisterung, Kreativität, aber auch Verleumdung, Rufmord, Sieg und Niederlage, Gipfelgang und Absturz.“

Mit der Bezwingung des „Löwen von Zermatt“ geht der Eroberungsalpinismus in den Alpen zu Ende, der Schwierigkeitsalpinismus beginnt, eine noch steilere, noch spektakulärere Spielrunde wird in den Nordwänden bis hin zum Eiger eingeläutet.

Im Sommer 1492 befahl Frankreichs König Karl VIII. seinem Kammerherrn Antoine de Ville, auf den Mont Aiguille zu klettern. Der Beginn einer wechselvollen Beziehung zwischen Mensch und Berg.

Die Eroberungsbergsteigerei übersiedelt in den Himalaya, doch der Erfolgsplot bleibt gleich: Helden, die kein Unmöglich akzeptieren, und Regierungen, die den Sieg am Berg für sich und ihre Ideologien vereinnahmen.

„Von wegen, dass wieder ein Weißer die Nase vorn hat. Alles Quatsch. Diesmal haben wir es geschafft, unser Volk hat es geschafft, und kein anderer darf sich dieses Verdienst an die Brust heften. So dachte man damals“, beschrieb Inder Malhotra, einer der angesehensten indischen Journalisten, die Reaktionen in Indien und Nepal nach der Erstbesteigung des Mount Everest am 29. Mai 1953 durch den Neuseeländer Edmund Hillary und Sherpa Tenzing Norgay. Der bis zum britischen Premier Churchill und Indiens Ministerpräsidenten Nehru Wellen schlagende Streit entzündete sich an der Frage, wer der erste Erstbesteiger am höchsten Berg war. In indischen und nepalesischen Berichten hieß es, Tenzing sei 200 Meter vor Hillary gewesen und habe diesen auf den Gipfel gezogen.

Die Geschichte war falsch, Hillary stand kurz tatsächlich vor Tenzing auf dem Gipfel der Welt, doch die Geschichte, oder besser das Gerücht, verbreitete sich schnell. In Kathmandu lernten Schüler, dass Tenzing den Westlern zuvorgekommen sei. Und die Ballade „Hamro Tenzing Sherpa Re“ wurde ein Gassenhauer und besang, wie Tenzing „Hillary durch die verwirrenden Spuren führte“ und „zum Weiterklettern antrieb“. Nepal steckte im Juni 1953 in einer Krise: Machtkämpfe, Streiks … In dem Chaos war Tenzing die ideale, von Kommunisten wie Nationalisten gefeierte Integrationsfigur. Dass Indien den Sherpa ebenfalls als Nationalhelden vereinnahmte, heizte die Stimmung noch mehr an. Zum Missfallen der Hauptbeteiligten. Tenzing haderte gegenüber dem Life Magazine mit seiner Wortwahl: „Wenn ich sage, Hillary war zuerst, sind die Menschen in Indien, in Nepal unglücklich. Wenn ich sage, ich war zuerst, sind die Menschen in Europa unglücklich. Wenn Sie einverstanden sind, möchte ich sagen, dass wir beide beinahe gleichzeitig oben angekommen sind. Wenn das jeder schreibt, gibt es keinen Ärger.“

Vereinnahmte Eroberer

Der ließ sich nicht vermeiden, und dass Tenzing im Gegensatz zu Hillary nicht zum Ritter geschlagen, sondern „nur“ mit der „George Medal“ ausgezeichnet wurde, trug das Übrige zu diesem aufgebauschten OstWest-Konflikt bei. Die Eroberer wurden von ihren Nationen und Kulturen vereinnahmt; der Ärger Edmund Hillarys darüber blieb ungehört: „Wir waren ein Team, verdammt noch mal, also hat es uns einen Scheiß interessiert, wer als Erster oben war. Ich hätte es ohne ihn nicht schaffen können und umgekehrt.“

Aber dass sich von der Anziehungs- und Strahlkraft der Berge weder Politik noch Wissenschaft noch die bergbegeisterten Individuen schützen können und wollen, besang schon der „Watzmann“ Ambros: „Der Berg, der lasst halt niemand aus, d’rum steigt’s net aufi, bleibt’s liaber z’Haus.“