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Wetten, wir finden einen Weg

In 126 Tagen durchqueren drei österreichische Bergsteiger auf Tourenskiern den gesamten Alpenbogen. Sie suchen ein Winterabenteuer und finden zugleich Wildnis und Geborgenheit in Europas höchstem Gebirge.

Mit einer Wette beginnt der Alpinismus. Der französische Gelehrte Horace Bénédict de Saussure setzt "eine ziemlich beträchtliche Belohnung" für jene aus, "die einen gangbaren Weg zum Gipfel finden". Das war 1760 und der ersehnte Berg ist die höchste Alpenspitze, der Mont Blanc. Mit einem Schmäh, der österreichischen, billigeren, aber gleich begeisterten Variante einer Wette, fängt auch das jüngste große Abenteuer in Europas höchstem Gebirge an: die TransAlp-Ski. Und das ersehnte Ziel heißt wiederum Mont Blanc.

Ein paar Tage wild in den niederösterreichischen Bergen unterwegs sein, ist das ursprüngliche Ziel von Otto Rust und den Brüdern Martin und Wolfram Wuinovic. "Denn auch vor der Haustür kann man noch echte Abenteuer erleben", ist Wolfram überzeugt. Aber dann rennt besagter Schmäh und verwandelt einen schnellen Gedanken zur detaillierten Vorstellung, einen flüchtigen Einfall zur fixen Idee. Aus den paar Tagen werden mehrere Monate und aus Schneeberg und Rax eine Skiüberschreitung des gesamten Alpenbogens. Das ultimative Winterabenteuer spukt in den Köpfen der Bergsteiger, die Begeisterung dafür wächst, aber auch logistische, skitechnische und klimatische Einwände werden laut.

100.080 Höhenmeter

Auf Grund der unterschiedlichen Schneelage in den verschieden hoch gelegenen Alpenregionen entschließen sich die Bergsteiger, die Überschreitung in zwei Etappen zu gliedern und die Alpen beginnend von ihren Ausläufern im Osten und Süden zu durchqueren.

Im Februar 1996 starten die zwei Wuinovic und Rust die erste Etappe. Ausgangsort der Tour ist das niederösterreichische Puchberg am Schneeberg, Endpunkt das französische Chamonix am Mont Blanc. Dazwischen liegen 80 Tage auf Tourenskiern, 53 Gipfel, 100.080 Höhenmeter und noch einmal so viele Erlebnisse und Eindrücke - ein Spaltensturz nicht zu vergessen. Diese erste Statistik beeindruckt, doch zur kompletten TransAlp-Ski fehlen den dreien noch 46 Tage, 20 Gipfel, 50.858 Höhenmeter - aber hoffentlich kein weiterer Unfall.

Am 10. März dieses Jahres - es ist wieder genug Urlaub angespart, Ausrüsterfirmen wurden gefunden, Familie und Partner beruhigt - starten die Bergsteiger erneut. In Monaco am Alpensüdrand schnallen sie sich die Tourenski an, französische Seealpen, Dauphine, Vanoise und Gran Paradiso sowie die schroff abweisende Südseite des Mont Blanc liegen vor ihnen. Am Rücken 25 Kilogramm Ausrüstung und Verpflegung, in den Beinen jede Menge Kondition und in den Köpfen eine Idee - ideale Voraussetzungen, um die erste Alpen-Ski-Transversale noch in diesem Jahr zu vollenden.

Vor Jahrhunderten überquert Horace Bénédict de Saussure vierzehn Mal auf acht verschiedenen Routen den Alpenhauptkamm. Die vielen Bergreisen beschreibt er auf den 2.300 Seiten seines Lebenswerks "Les voyages dans les Alpes". Die Skireise der drei heutigen Entdecker ist im Internet dokumentiert. Jeden Tag stellen sie Kurzbericht sowie Fotos via Handy ins Netz, damit interessierte Freunde und Förderer über ihr Vorankommen fast live informiert sind. Der Kontakt mit der Welt außerhalb der Berge beschränkt sich auf diese tägliche Handybotschaft. Ansonsten sind sie "extrem einsam" unterwegs. Nur auf gewissen Modebergen treffen sie andere Tourengeher. Doch kaum ist das Wochenende vorbei, sind sie wieder allein. Vom Irak-Krieg, erfahren sie erst durch die regenbogenfarbigen Friedensfahnen, die über den Dächern italienischer Schutzhütten flattern. Und ihr satellitengesteuertes GPS-Navigationssystem könnte in Kriegszeiten Probleme machen, erhalten sie eine Warnung. Falscher Alarm, Gott sei Dank, die Geräte funktionieren tadellos und ermöglichen den Weitermarsch auch bei schlechtem Wetter, Nebel und Sturm.

In schwarze Schleier gehüllt

Die südlichen Alpen haben großteils schroffe Gipfel und Scharten. Oft müssen die drei ihre Skier ab- und die Steigeisen anschnallen, schwierige Passagen mit Hilfe von Seil und Haken überwinden. Um nicht schneeblind zu werden, ist Saussures Bergpartie seinerzeit in schwarze Schleier gehüllt durch den Schnee gestapft. Der Zug muss wie ein Trauermarsch ausgesehen haben. Kein Vergleich zur heutigen Ausrüstung - und doch: Viel ins redselige Plaudern kommen auch Otto, Martin und Wolfram nicht. "Man erlebt eine extreme Reduktion auf das Wesentliche", erklärt Letzterer. "Die Natur ist auf Schnee und Fels reduziert. Und der Tag besteht aus: gehen, essen, Wasser kochen, schlafen und wieder gehen ..." Völlig losgelöst vom sonstigen Leben beschreibt Martin das Gefühl bei dieser langen Tour. Und wenn sie zum Auffüllen der Vorräte einmal ins Tal absteigen, fällt es ihnen zunehmend schwerer, "aus den Bergen hinaus zu müssen". Ohne tägliche Teambetreuung, ganz auf sich allein gestellt, im klassischen alpinen Stil unterwegs zu sein, ist jedoch das Besondere an TransAlp-Ski.

Saussure lässt bei seiner Tour auf den Mont Blanc zum Übernachten Löcher im Schnee graben - das Schneehöhlenbiwak ist erfunden. Die Österreicher in den französischen und italienischen Alpen versuchen hingegen, die vorhandene Infrastruktur zu nutzen. "In den Alpen findet man immer ein Dach über dem Kopf - und sei es eine militärische Ruine", wissen die drei nach 126 Tagen und vor allem Nächten in den Bergen. "Faszinierend", kommentiert Wolfram diese Geborgenheit angesichts der Weitläufigkeit der Alpen und der nach wie vor ungezähmten Wildnis. An dieser Stelle sparen die drei aber auch nicht mit Kritik: Während Skibergsteiger in den Westalpen immer einen offenen Raum in den Schutzhütten vorfinden, ist diese Notwendigkeit in den Ostalpen keine Selbstverständlichkeit mehr. Und auch was Verpflegung und Service angeht, seien die Hütten in den französischen und italienischen Alpen um vieles bergsteigergerechter als ihre schon zuviel an Kommerz und Tourismus ausgerichteten Pendants in Teilen der Schweiz und Österreichs.

Besondere Reise auf Skiern

Die Route von TransAlp-Ski ist von den drei Erstbegehern so gewählt, dass engagierte Skibergsteiger und Bergsteigerinnen sie - zumindest in Etappen - nachvollziehen können. Noch finden sich die Informationen dazu allein im Internet (www.transalp-ski.com), doch neben einem Dokumentarfilm ist auch schon ein Buch zur Tour in Planung.

Vor allem der "enorme Reisecharakter" dieser Transversale ist Wolfram wichtig: "Wir wollten eine lange Skitour machen", erzählt er, "und nach und nach wurde eine besondere Reise, zu besonderen Menschen und Orten daraus." Die Tour "provoziert", bekennt Wolfram, "dass man wieder zurückkehrt". Denn auch dort, wo es am schönsten ist, wo ihnen die liebsten und hilfreichsten Menschen begegnen, gibt es für die drei kein Stehenbleiben. Ihr Weg ist ihr Ziel. "A bissl sehnsüchtig" denkt er zurück, gibt Wolfram zu. "Und die Stimmung dieser Tour möchte ich mir in den Alltag herüberretten."

Vom Berg retour wieder in Chamonix ruft Saussure einem Freund zu: "Gratuliere mir! Ich komme von der Eroberung des Mont Blanc." Am Ziel ihrer Alpenreise angekommen, lassen sich Otto Rust, Martin und Wolfram Wuinovic ebenfalls beglückwünschen und feiern. Sie haben die mit sich selbst geschlossene Wette gewonnen. Ins Tourenbuch der Erstbegehungen im Bergführerhaus von Chamonix schreiben sie: "Geschafft! TransAlp-Ski."

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