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Feuilleton

8848 Meter kalkulierter IrrwItz

1945 1960 1980 2000 2020
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"1978 war Stand der Wissenschaft: Den Mount Everest ohne Zuhilfenahme von Flaschensauerstoff zu besteigen, ist Selbstmord.

Diese 'schwere Hypothek des staunenden Unglaubens' war für Peter Habeler das größte Hindernis, das es neben den extremen äußeren Bedingungen zu überwinden galt."

Je dünner die Luft, desto dicker die Schlagzeile. Nach ihrer Rückkehr vom Gipfel des Mount Everest wurden die beiden mit Kolumbus verglichen oder mit Scott und Amundsen; andere sahen sogar Parallelen mit den Mondfahrern.

Vor ihrem Gipfelerfolg am 8. Mai 1978 aber waren Reinhold Messner und Peter Habeler die "terrible twins", die den "kalkulierten Irrwitz" (© Spiegel) zum Prinzip ihres Bergsteigens erhoben. Zwei Verrückte, die sich aus Ehrgeiz und Selbstüberschätzung gegen die Warnungen von Höhenphysiologen und Ärzten stemmten.

Stand der Wissenschaft war: Den Everest ohne Zuhilfenahme von Flaschensauerstoff zu besteigen, ist Selbstmord. Am Gipfel beträgt die Sauerstoffdichte nur mehr ein Drittel, die "Todeszone", in der sich der Mensch nicht mehr akklimatisieren kann, beginnt bereits auf 7500 Meter. Messner und Habeler, so die Experten, schafften es entweder nicht hinauf oder kämen nicht mehr herunter oder würden mit Gehirnschäden als lallende Idioten zurückkehren.

Diese "schwere Hypothek des staunenden Unglaubens, die uns Freunde, Neider und Feinde entgegenbrachten", war für Peter Habeler das größte Hindernis, das es neben den extremen äußeren Bedingungen zu überwinden galt. Im Rückblick antwortet Habeler in seinem Buch "Das Ziel ist der Gipfel"(Tyrolia 2017) auf die Frage, was ihnen trotzdem die Sicherheit gab, keine Schäden davonzutragen: "Na ja, Sicherheit gab es keine. Das waren ja genau unsere Bedenken: dass wir ohnmächtig werden, dass es irgendwo im Hirn einen Riegel umlegt und wir den Verstand verlieren. Das wusste man ja nicht, das mussten wir ausprobieren."

Versuch und Irrtum

Versuch und Irrtum lautete die Devise, und die "schrecklichen Zwillinge" machten sich in sehr aufklärerischer Tradition an diesen Selbstversuch. "By fair means" meint beim Bergsteigen, ohne künstliche Hilfsmittel jeder Art und nur aus eigener Kraft heraus einen Berg zu besteigen. Messner, der sein Bergsteigen "mehr von seelischen Kräften als von körperlicher Fitness getragen" und "mehr spirituell als sportlich" beschreibt, proklamierte in der Bergsteigerzeitschrift Alpinismus schon 1965: "Wenn ich eine Maschine zwischen mich und den Berg schalte, kann ich keine wesentlichen Erfahrungen machen." Genau das war aber am Everest und den anderen hohen 8000ern die unhinterfragte Methode gewesen.

Da mussten erst zwei Tiroler kommen, der eine aus Villnöß in Südtirol, der andere aus dem Zillertal, um zu zeigen, was "by fair means" bedeutet. Eine Ironie der Geschichte, denn es waren die Briten, die den Everest seit den ersten Besteigungsversuchen als quasi "ihren Berg" beanspruchten. "Wir haben den Bastard umgelegt", verkündete Edmund Hillary nach der Erstbesteigung am 29. Mai 1953. Hillary und sein Sherpa-Begleiter Tensing Norgay wurden geadelt und zu Weltstars. Doch dieser Gipfelsieg verdankte sich so gar nicht dem sprichwörtlichen britischen Sportsgeist, sondern einer militärisch straff organisierten Großexpedition mit vielen Lagern, einem perfektionierten Verpflegungssystem und der Expeditionsleiter, ein Berufsoffizier, schickte seine beiden besten Teams mit verschiedenen Sauerstoffsystemen in die letzte Etappe zum Gipfel. Ein fairer Wettkampf sieht anders aus, das bewies erst das Tiroler Duo.

Bereits lange bevor es Höhenmesser gab, fanden die an seiner Südseite lebenden Nepalesen den am besten passenden Namen für den höchsten Berg der Welt: "Sagarmatha", übersetzt "Stirn des Himmels". Auch die Tibeter auf der Nordseite des Bergs haben seine Dimensionen immer schon richtig eingeschätzt, als sie den Koloss "Chomolungma" oder "Mutter des Universums" nannten. Wie keine andere Erhebung auf dieser Welt kratzt der von den englischen Vermessern zuerst "Peak XV" und später "Mount Everest" genannte Fels-und Eisdom am Himmel. Magnetisch wie die beiden Pole zieht dieser "Dritte Pol" die modernen Abenteurer seit mittlerweile ziemlich genau hundert Jahren an, stößt sie ab, tötet die Verlierer, krönt die Sieger. Nicht überraschend also, dass der damals 33-jährige und nach der "Krone des Alpinismus" greifende Reinhold Messner sich an diesem Berg bewähren wollte und musste.

Die treibende Kraft

Die Entscheidung für dieses alpine Husarenstück fiel in der Salzburger Altstadt, erzählt Messner in der aktuellen Ausgabe des Magazins Bergwelten. Im Herbst 1975 spazierte er durch die Getreidegasse und sah an einem Kiosk die Titelseite einer englischen Zeitung, die über die geglückte Durchsteigung der Everest-Südwestwand durch eine (schon wieder!) englische Expedition berichtete. Messner: "Musste ich also was anderes machen. In diesem Moment hab ich entschieden: Ich werde den Everest ohne Maske versuchen." Geniale Entscheidung. An der Everest-Südwest können sich nur alpine Feinspitze delektieren. Aber ohne Sauerstoffmaske in den fast luftleeren Raum zu steigen, dieses Risiko versteht jeder, dieses Abenteuer erklärt sich von selbst. Messner hatte also Glück, dass ihn die Engländer regelrecht ins sauerstofflose Abenteuer trieben. Glück hatte er auch, dass es in seinen Glanzzeiten im Himalaya noch was zum Entdecken und Meilensteine zu erklettern gab: ohne Sauerstoff auf den Everest, allein auf die höchsten Berge, alle 14 Achttausender Vor allem Glück hatte Messner aber, dass er seinen Gang ins Unmögliche am Everest nicht allein gehen musste, oder wie es Habeler in "Das Ziel ist der Gipfel" schreibt: "Reinhold war auch die treibende Kraft bei der Everest-Besteigung ohne Sauerstoff, er war der Stratege. Und er wusste, in mir hat er einen kongenialen Partner."

Als wäre die "Stirn des Himmels" zu mächtig für einen allein, waren es am Everest immer Bergsteiger-Duos, die Geschichte schrieben. Im Erfolg wie in der Niederlage.

"Ich wollte allen widersprechen"

"Ich beabsichtige, so wenig wie möglich zu tragen, schnell zu gehen und den Gipfel zu überrumpeln", lautete George Mallorys Plan für den ersten richtigen Gipfelsturm. Gemeinsam mit Andrew Irvine verließ er am Morgen des 8. Juni 1924 das letzte Lager. "Perfektes Wetter für den Job" kritzelte er noch auf einen Zettel, dann kletterten sie dem Gipfel entgegen und wurden im Scheitern zur Legende. Edmund Hillary und Tensing Norgay hingegen stapften mit ihrer Erstbesteigung in den Bergsteiger-Olymp. Messner und Habeler gesellten sich 25 Jahre später dazu.

Ein Vorteil, der den beiden auch zu ihrem Gipfelglück verhalf, ist noch nachzutragen. Messner und Habeler konnten sich in die Mount Everest-Expedition des Österreichischen Alpenvereins einkaufen. Damit erhielten sie die Genehmigung zum Gipfelgang und genauso wichtig, sie konnten die Infrastruktur, sprich die Zelte, die Verpflegung, die Leitern durch den Khumbu-Eisbruch, generell die gegenseitige Unterstützung dieser sehr erfolgreichen Expedition nützen. Leiter war der Innsbrucker Wolfgang Nairz, der es wenige Tage vor Messner/Habeler als einer der ersten Österreicher (mit Flaschensauerstoff) auf den Everest schaffte. In seinem Buch "Es wird schon gut gehen"(Tyrolia 2014) findet sich der Briefwechsel mit seiner Frau, der einen sehr intimen Einblick in den Expeditionsalltag zeigt. Am 10. Mai 1978 schreibt er ihr aus dem Basislager: "Liebste Etti! Bei uns überstürzen sich die Ereignisse Reinhold und Peter waren vorgestern am Gipfel Sie sind vom Südsattel aus gegangen, um möglichst kurze Zeit in der Todeszone verbringen zu müssen -eine wirklich großartige historische Leistung!" Stimmt, dem ist nichts hinzuzufügen, außer vielleicht eine wichtige Motivation, um dieses und vieles andere Unmögliche überwinden zu wollen. Messner: "Ich wollte allen widersprechen, allen beweisen: Ihr seid Dummköpfe!"

"1978 war Stand der Wissenschaft: Den Mount Everest ohne Zuhilfenahme von Flaschensauerstoff zu besteigen, ist Selbstmord.

Diese 'schwere Hypothek des staunenden Unglaubens' war für Peter Habeler das größte Hindernis, das es neben den extremen äußeren Bedingungen zu überwinden galt."

Je dünner die Luft, desto dicker die Schlagzeile. Nach ihrer Rückkehr vom Gipfel des Mount Everest wurden die beiden mit Kolumbus verglichen oder mit Scott und Amundsen; andere sahen sogar Parallelen mit den Mondfahrern.

Vor ihrem Gipfelerfolg am 8. Mai 1978 aber waren Reinhold Messner und Peter Habeler die "terrible twins", die den "kalkulierten Irrwitz" (© Spiegel) zum Prinzip ihres Bergsteigens erhoben. Zwei Verrückte, die sich aus Ehrgeiz und Selbstüberschätzung gegen die Warnungen von Höhenphysiologen und Ärzten stemmten.

Stand der Wissenschaft war: Den Everest ohne Zuhilfenahme von Flaschensauerstoff zu besteigen, ist Selbstmord. Am Gipfel beträgt die Sauerstoffdichte nur mehr ein Drittel, die "Todeszone", in der sich der Mensch nicht mehr akklimatisieren kann, beginnt bereits auf 7500 Meter. Messner und Habeler, so die Experten, schafften es entweder nicht hinauf oder kämen nicht mehr herunter oder würden mit Gehirnschäden als lallende Idioten zurückkehren.

Diese "schwere Hypothek des staunenden Unglaubens, die uns Freunde, Neider und Feinde entgegenbrachten", war für Peter Habeler das größte Hindernis, das es neben den extremen äußeren Bedingungen zu überwinden galt. Im Rückblick antwortet Habeler in seinem Buch "Das Ziel ist der Gipfel"(Tyrolia 2017) auf die Frage, was ihnen trotzdem die Sicherheit gab, keine Schäden davonzutragen: "Na ja, Sicherheit gab es keine. Das waren ja genau unsere Bedenken: dass wir ohnmächtig werden, dass es irgendwo im Hirn einen Riegel umlegt und wir den Verstand verlieren. Das wusste man ja nicht, das mussten wir ausprobieren."

Versuch und Irrtum

Versuch und Irrtum lautete die Devise, und die "schrecklichen Zwillinge" machten sich in sehr aufklärerischer Tradition an diesen Selbstversuch. "By fair means" meint beim Bergsteigen, ohne künstliche Hilfsmittel jeder Art und nur aus eigener Kraft heraus einen Berg zu besteigen. Messner, der sein Bergsteigen "mehr von seelischen Kräften als von körperlicher Fitness getragen" und "mehr spirituell als sportlich" beschreibt, proklamierte in der Bergsteigerzeitschrift Alpinismus schon 1965: "Wenn ich eine Maschine zwischen mich und den Berg schalte, kann ich keine wesentlichen Erfahrungen machen." Genau das war aber am Everest und den anderen hohen 8000ern die unhinterfragte Methode gewesen.

Da mussten erst zwei Tiroler kommen, der eine aus Villnöß in Südtirol, der andere aus dem Zillertal, um zu zeigen, was "by fair means" bedeutet. Eine Ironie der Geschichte, denn es waren die Briten, die den Everest seit den ersten Besteigungsversuchen als quasi "ihren Berg" beanspruchten. "Wir haben den Bastard umgelegt", verkündete Edmund Hillary nach der Erstbesteigung am 29. Mai 1953. Hillary und sein Sherpa-Begleiter Tensing Norgay wurden geadelt und zu Weltstars. Doch dieser Gipfelsieg verdankte sich so gar nicht dem sprichwörtlichen britischen Sportsgeist, sondern einer militärisch straff organisierten Großexpedition mit vielen Lagern, einem perfektionierten Verpflegungssystem und der Expeditionsleiter, ein Berufsoffizier, schickte seine beiden besten Teams mit verschiedenen Sauerstoffsystemen in die letzte Etappe zum Gipfel. Ein fairer Wettkampf sieht anders aus, das bewies erst das Tiroler Duo.

Bereits lange bevor es Höhenmesser gab, fanden die an seiner Südseite lebenden Nepalesen den am besten passenden Namen für den höchsten Berg der Welt: "Sagarmatha", übersetzt "Stirn des Himmels". Auch die Tibeter auf der Nordseite des Bergs haben seine Dimensionen immer schon richtig eingeschätzt, als sie den Koloss "Chomolungma" oder "Mutter des Universums" nannten. Wie keine andere Erhebung auf dieser Welt kratzt der von den englischen Vermessern zuerst "Peak XV" und später "Mount Everest" genannte Fels-und Eisdom am Himmel. Magnetisch wie die beiden Pole zieht dieser "Dritte Pol" die modernen Abenteurer seit mittlerweile ziemlich genau hundert Jahren an, stößt sie ab, tötet die Verlierer, krönt die Sieger. Nicht überraschend also, dass der damals 33-jährige und nach der "Krone des Alpinismus" greifende Reinhold Messner sich an diesem Berg bewähren wollte und musste.

Die treibende Kraft

Die Entscheidung für dieses alpine Husarenstück fiel in der Salzburger Altstadt, erzählt Messner in der aktuellen Ausgabe des Magazins Bergwelten. Im Herbst 1975 spazierte er durch die Getreidegasse und sah an einem Kiosk die Titelseite einer englischen Zeitung, die über die geglückte Durchsteigung der Everest-Südwestwand durch eine (schon wieder!) englische Expedition berichtete. Messner: "Musste ich also was anderes machen. In diesem Moment hab ich entschieden: Ich werde den Everest ohne Maske versuchen." Geniale Entscheidung. An der Everest-Südwest können sich nur alpine Feinspitze delektieren. Aber ohne Sauerstoffmaske in den fast luftleeren Raum zu steigen, dieses Risiko versteht jeder, dieses Abenteuer erklärt sich von selbst. Messner hatte also Glück, dass ihn die Engländer regelrecht ins sauerstofflose Abenteuer trieben. Glück hatte er auch, dass es in seinen Glanzzeiten im Himalaya noch was zum Entdecken und Meilensteine zu erklettern gab: ohne Sauerstoff auf den Everest, allein auf die höchsten Berge, alle 14 Achttausender Vor allem Glück hatte Messner aber, dass er seinen Gang ins Unmögliche am Everest nicht allein gehen musste, oder wie es Habeler in "Das Ziel ist der Gipfel" schreibt: "Reinhold war auch die treibende Kraft bei der Everest-Besteigung ohne Sauerstoff, er war der Stratege. Und er wusste, in mir hat er einen kongenialen Partner."

Als wäre die "Stirn des Himmels" zu mächtig für einen allein, waren es am Everest immer Bergsteiger-Duos, die Geschichte schrieben. Im Erfolg wie in der Niederlage.

"Ich wollte allen widersprechen"

"Ich beabsichtige, so wenig wie möglich zu tragen, schnell zu gehen und den Gipfel zu überrumpeln", lautete George Mallorys Plan für den ersten richtigen Gipfelsturm. Gemeinsam mit Andrew Irvine verließ er am Morgen des 8. Juni 1924 das letzte Lager. "Perfektes Wetter für den Job" kritzelte er noch auf einen Zettel, dann kletterten sie dem Gipfel entgegen und wurden im Scheitern zur Legende. Edmund Hillary und Tensing Norgay hingegen stapften mit ihrer Erstbesteigung in den Bergsteiger-Olymp. Messner und Habeler gesellten sich 25 Jahre später dazu.

Ein Vorteil, der den beiden auch zu ihrem Gipfelglück verhalf, ist noch nachzutragen. Messner und Habeler konnten sich in die Mount Everest-Expedition des Österreichischen Alpenvereins einkaufen. Damit erhielten sie die Genehmigung zum Gipfelgang und genauso wichtig, sie konnten die Infrastruktur, sprich die Zelte, die Verpflegung, die Leitern durch den Khumbu-Eisbruch, generell die gegenseitige Unterstützung dieser sehr erfolgreichen Expedition nützen. Leiter war der Innsbrucker Wolfgang Nairz, der es wenige Tage vor Messner/Habeler als einer der ersten Österreicher (mit Flaschensauerstoff) auf den Everest schaffte. In seinem Buch "Es wird schon gut gehen"(Tyrolia 2014) findet sich der Briefwechsel mit seiner Frau, der einen sehr intimen Einblick in den Expeditionsalltag zeigt. Am 10. Mai 1978 schreibt er ihr aus dem Basislager: "Liebste Etti! Bei uns überstürzen sich die Ereignisse Reinhold und Peter waren vorgestern am Gipfel Sie sind vom Südsattel aus gegangen, um möglichst kurze Zeit in der Todeszone verbringen zu müssen -eine wirklich großartige historische Leistung!" Stimmt, dem ist nichts hinzuzufügen, außer vielleicht eine wichtige Motivation, um dieses und vieles andere Unmögliche überwinden zu wollen. Messner: "Ich wollte allen widersprechen, allen beweisen: Ihr seid Dummköpfe!"