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Als Champagner und Tokajer quollen

1945 1960 1980 2000 2020

Die alpinistische Belagerung des Großglockners, des höchsten Berges im heutigen Österreich, begann vor 200 Jahren - im Juli 1799.

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Die alpinistische Belagerung des Großglockners, des höchsten Berges im heutigen Österreich, begann vor 200 Jahren - im Juli 1799.

Im Bericht über die 1799 gescheiterte erste Großglockner-Expedition lesen wir auch Erheiterndes: "Gletscherwasser verursacht Abweichen (= Durchfall), das auf dem Weg zum Glockner zur Unzeit kommt. Es ist dann wahrhaft eine bittere Pflicht, im heftigsten Sturmwinde im Freien der Natur ihren Zoll bringen zu müssen." Dieses Aha-Erlebnis ging in Druck, weil die frühen alpinen Großtaten nur dann Aufsehen erregten, wenn sie der Wissenschaft nützten. Das traf beispielhaft auf die Erstbesteigungen des Montblanc (4807 m) 1786/87 und des Großglockners (3798 m) 1799 und 1800 zu.

Niemand nahm vom Böcksteiner Bauern Patschg Notiz, der 1762 im Alleingang den Ankogel (3262 m) bezwang - als Erstbesteigung eines vergletscherten Dreitausenders in den Ostalpen überhaupt. Die Besteigung des Wiesbachhorns (3564 m) blieb ebenso unbeachtet wie jene des Ortlers (1804). Nicht einmal die Magd Marie Paradis aus Chamonix erntete Ruhm, obschon sie 1809 der puren Sensation wegen als erste Dame den Montblanc bestieg.

Die erste "nichtwissenschaftliche" Alpin-Sensation fiel schon in eine neue Epoche, nämlich der Absturz von vier der sieben Erstbesteiger des Matterhorns im Jahr 1865. Den Zeitgeist artikulierte damals die Londoner "Times" sehr gut: "Wer gab dem Menschen das Recht, die Gabe des Lebens wegzuwerfen, um mit Affen, Katzen und Eichhörnchen zu wetteifern?"

Gebirge waren den Menschen eine fremde, feindliche und daher gemiedene Welt; das Revier der Götter oder Geister und der Ungeheuer oder Hexen, die Gewitter, Muren und Lawinen herzaubern. Trotzdem hatten Jäger, Wilderer, Schmuggler, Kräutersammler sowie Gold- und Mineraliensucher die Angstschwelle vor dem Gebirge schon lange vor dem "alpinen Zeitalter" überwunden.

Den Durchbruch schaffte die Aufklärung. Neugier wollte die Natur in eine rationale Weltordnung einbauen, Unerklärliches enträtseln und den Aberglauben aushebeln. Hauptantrieb des frühen Alpinismus war das Registrieren von Fakten - also Botanik, Geologie, Mineralogie, Klima, Meteorologie, Insektenkunde. Und da dies alles exakter Bestimmung bedurfte, blühten Geographie, Kartographie und Topographie auf. Man stelle sich das Bergland rings um den Großglockner 1799 vor: weder Wege noch Markierungen, keine Landkarte, keine Schutzhütte, kein konzessionierter Bergführer, Heiligenblut ein Nest von zwölf Häusern, sonst oberhalb der Waldgrenze nichts als Ödland und Gletscher. Wer sich in das Hochgebirge vorwagte, ging weglos und ahnungslos, worauf er sich einließ.

Die alpinistischen Aufklärer nutzten praktische Erfahrungen der Jäger, Hirten, Bergbauern und etlicher Wissenschafter. So riet schon 1574 der Schweizer Josia Simler, in die Berge Schneereifen, Schneebrillen, Seile und Steigeisen der Gemsenjäger mitzunehmen. Der Graubündner Gabriel Walser schrieb 1740: Man meide fette Kost, denn "die Luft ist zu dünn und der Magen mag es nicht ertragen". (Moderne Wissenschaft rät von Fettkost ab, weil sie zum Verbrennen zu viel Sauerstoff verbraucht.) Längst halfen auch schon bewährte Rezepte gegen Sonnenbrand: Ruß, in Öl zerriebenes Schießpulver, gefärbte Schleier, grüne oder blaue Gläser und breitkrempige Hüte.

Hier tritt der Laibacher Universalgelehrte und Anatomieprofesser Belsazar Hacquet de la Motte (1739- 1815) ins Blickfeld. Zwischen 1782 und 1786 machte er seine bahnbrechenden Entdeckungsreisen durch die Ostalpen. Er beschrieb den besten Zugang zum Großglockner und hinterließ uns obendrein einen köstlichen "Unterricht für Bergreisen". Darin empfahl er Bergsteigen nur Ledigen: "Lange und öftere Abwesenheit von dem schönen Geschlechte macht, daß dasselbe Gesinnungen annimmt, die die häusliche Glückseligkeit mindestens nicht befördern können."

Ungeheures Aufsehen erregte die Eroberung des Montblanc, weil der bedeutende Genfer Naturwissenschafter Horace Benedicte de Saussure dafür einen Preis ausgesetzt und dann aus wissenschaftlicher Neugier Europas höchsten Berg als Dritter erstiegen hatte. Trotz "größter Atemprobleme" und vom dreitägigen Anstieg völlig erledigt, unternahm Saussure auf dem Gipfel nahezu fünf Stunden lang physikalische Routine-Versuche. Seine Leistung bewog den Kärntner Fürstbischof und glühenden Aufklärer Salm-Reifferscheid, Expeditionen zum Angriff auf den Glockner auszurüsten. Anfang Juli 1799 schickte er Mölltaler Bauern zum Erkunden des Anstiegs und zum Bau einer Hütte im Leitertal. Die erste Expedition von 30 Mann erreichte am 26. August 1799 nur den Kleinglockner, 1800 zählte die zweite 62 Personen.

Die "Honoratioren" unter ihnen belegen den wissenschaftlichen vor dem alpinistischen Zweck. Das waren hervorragende Fachleute wie Schiegg (Vater der modernen Geodäsie) und sein Assistent Stanig aus Salzburg, dann die Botaniker Hoppe (aus Regensburg), Hohenwart, Seenus und Wulfen, die beiden Salzburger Vierthaler (Pädagogik, Topographie) und Schallhamer (Chemie) oder Dillinger (Geologie). Ihre Ausrüstung umfaßte das Modernste an Barometern und Thermometern, dazu Hygrometer, Elektrometer, Theodoliten, Fernrohre und Schieggs "Aräometer", um das spezifische Gewicht und den Siedepunkt von Schmelzwasser in größeren Höhen zu ermitteln. Zudem wurde "Gipfelluft" in Glaszylindern zur Analyse mitgenommen.

Bergtouren kosteten damals viel Geld. Sechs Preisangaben in erhaltenen Abrechnungen nötigen zum Schluß, daß die Glockner-Expeditionen Salm wenigstens 3.000 Gulden wert waren (damals kostete eine sehr gute Kuh samt dem Kalb 30 Gulden). Verständlich, daß er auch eine opulente Siegesfeier veranstaltete: "Man glaubte bey dem Vorrathe an Viktualien, darunter Pfirsiche, Feigen, Melonen und Ananas, mehr bey der fürstlichen Tafel in der Hauptstadt als in einer Alpenhütte zu seyn. Es quollen Champagner, Tokayer und Malaga, als keltere man sie vom nahen Gletscher."

Rätsel gab damals die Höhenphysiologie auf. Zwar kannte man die Tücken der "dünnen Luft", deretwegen Saussure auf dem Montblanc "kaum 15 oder 16 Schritte tun konnte, ohne nach Luft zu schnappen. Ich fühlte sogar von Zeit zu Zeit eine angenehme Ohnmacht." Den Glocknerbesteigern setzte Luftmangel derart zu, daß sie auf 2.700 m Seehöhe "bei jedem 8. oder 9. Schritt immer wieder ausruhen mußten".

Genauer registrierte solche Phänomene der erste Expeditionsarzt der Alpingeschichte, Franz Spitaler aus Mittersill, bei der Erstbesteigung des Großvenedigers 1841. Er beschrieb in Gipfelnähe Symptome von teils höhebedingter Erschöpfung: Pulsfrequenzen bis zum Dreifachen, Ohrensausen, Übelkeit, Erbrechen, Atemnot, Herzklopfen, Entkräftung und "Gleichgültigkeit selbst gegen das Leben oder sterbendes Entschlummern". Ihn verblüfften Leute, die den Gipfel "nur mit beinahe völliger Erschöpfung erklimmten", hinterher aber noch nachts gut drei Stunden bis Neukirchen hinaus marschierten und dort "weniger erschöpft als auf dem Venediger" eintrafen. Unerklärlich war Spitaler auch die "auffallend verminderte Sekretion der Nieren".

Diese Pionierzeit endete mit drei Ereignissen. Zunächst legte 1846 der deutsche Geograph Adolf Schaubach mit seinen fünfbändigen "Deutschen Alpen" über Routen, Tourenpraxis und Unterkünfte das erste alpine Reisehandbuch vor. Damit machte er Bergsteigen berechenbar - an Zeit, materiell und finanziell.

Dann drang die Eisenbahn in die Alpen vor: 1860 bis Innsbruck und Salzburg, 1866 über den Brenner, 1875 durch das Salzach- und Ennstal, 1884 durch den Arlberg. Die Bahn kostete ein Fünftel der Postkutsche, war zehnmal schneller und machte das Bergsteigen erst erschwinglich.

Schließlich entstanden 1862 der österreichische und 1869 der deutsche Alpenverein mit der erklärten Absicht, die Berge durch Wege und Hütten den Naturfreunden zu erschließen So wurde Bergsteigen organisierbar. Damit endete auch die Epoche der "leichten" Erstbesteigungen. Eine neue Generation machte sich an "alpinistische Probleme" - der erste Durchstieg der Pallavicini-Rinne auf den Großglockner 1876 illustriert das ebenso dramatisch wie die Katastrophe am Matterhorn.

Die Revolution von Schaubach, Eisenbahn und Alpenverein wirkte langfristig noch nachhaltiger. Sie verwandelte arme Alpenländer in das El Dorado der Freizeitgesellschaft, die den Sport Bergsteigen entdeckte - als "Eroberung des Unnützen"', wie der französische Spitzenalpinist Lionel Terrey das nannte.

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