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Feuilleton

"Kann das Wort fliegen?"

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"Wer Gedichte von Friederike Mayröcker liest, kann immer wieder neu beginnen und fragen: Was sind Worte? Kann auch fragen: Sind die Worte und Wörter wie Vögel in der Welt unterwegs?" Was Peter Waterhouse in einem wunderbaren Essay über Friederike Mayröckers Gedichte schreibt und fragt (in "Der Fink", Matthes & Seitz 2016), würde man am 8. November gerne als Laudatio gehalten haben. Da erhielt Friederike Mayröcker nämlich - ganz ohne Laudatio - im Kasino am Schwarzenbergplatz den ersten Österreichischen Buchpreis. Der Preis für das beste Debüt ging an Friederike Gösweiner für ihren bei Droschl erschienenen Roman "Traurige Freiheit"(siehe FURCHE Nr. 20/2016).

Peter Waterhouse war mit seinem essayistisch-poetischen Buch "Die Auswandernden"(illustriert von Nanne Meyer) selbst auf die Shortlist des Buchpreises gelangt. Die Art und Weise, wie er sich in seinem Essay Mayröckers Sprache annähert, macht auch sein eigenes Verhältnis zur Sprache sichtbar. "Doch die Worte haben auch Unbedeutungen, sind wie Bewegungen und Flüge. Wer die Unbedeutung oder die Nichtbedeutung eines Worts verstehen möchte, wird sich das Wort anhören. Kann das Wort fliegen? Kann es etwas Leichtes sein? Kann man das Leichte verstehen oder braucht das Verstehen immer einen Schwierigkeitsgrad?"

Schöne Fragen -und bezogen auf den Siegertext dieses ersten Buchpreises, "fleurs", könnte man auch fragen: Ist dieses Buch wirklich so schwer verständlich und hermetisch, wie Mayröcker-Texte vielleicht wirken? Ja, wenn man alles entschlüsseln möchte, wenn man jedes Wort festlegen möchte auf Bedeutung, das heißt aber immer auch: beschränken, Möglichkeiten nehmen. Nein, wenn man sich in diese Sprache fallen lässt, wenn man in dem - übrigens auch sehr schönen - Buch einfach blättert, sich Sätze zufliegen lässt, staunt über Worte und über einen so spielerischen und jung wirkenden Umgang mit Sprache. Wie Mayröcker schreibt, das lässt so manche junge Literatur alt aussehen. "Es tollt der Text", um "fleurs" zu zitieren, es lebe der Möglichkeitssinn.

"Mayröckers Schreiben gleicht einem poetischen 'Höhenrausch'. Hier saust und braust es, Wörter wirbeln durcheinander und fügen sich zusammen gleich einem 'Feuerwerk der Sprache', weil sie Wortwelten ausreizt und im Ozean der Sprache wildert", lobte Maria Renhardt "fleurs" in der FURCHE. "Man kann über diese wenig überraschende Entscheidung angesichts der literarisch starken Shortlist streiten", kommentierte der Standard die Zuerkennung des Preises an Mayröcker, "das Gute ist: Die Latte liegt nun hoch".